Roadies – Review

    Musik-Business-Drama von Cameron Crowe kommt nur langsam in Fahrt – von Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 11.07.2016, 12:18 Uhr

    Hinter den Kulissen sind alle eine große Familie in „Roadies“
    Hinter den Kulissen sind alle eine große Familie in „Roadies“

    Frei nach dem alten Motto „Whatever happened to Rock’n’Roll?“ muss man sich nach der Auftaktfolge der Showtime-Dramedy „Roadies“ fragen: „Whatever happenend to Cameron Crowe?“. Der war immerhin um die Jahrtausendwende einer der vielversprechendsten jungen Regisseure und Drehbuchautoren Hollywoods, der für seine autobiografische Musikkomödie „Almost Famous“ sogar mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Umso größer war die Vorfreude auf sein erstes Serienprojekt, knüpft „Roadies“ doch thematisch genau an seinen bislang größten Erfolg an: Auch in der Serie geht es wieder auf das Leben on tour, wobei die Handlung diesmal nicht in den wilden 70ern angesiedelt ist, sondern in der Gegenwart, und statt den Musikern selbst und ihren Groupies eher die Crewmitglieder im Mittelpunkt stehen. Also die Tourmanager, Techniker und eben jene titelgebenden Roadies, die für den Auf- und Abbau bei Konzerten zuständig sind. Gerade weil dies ein Thema ist, das Cameron Crowe nicht nur offensichtlich sehr am Herzen liegt, sondern zu dem er auch aus eigener Erfahrung einiges erzählen kann (als Teenager begleitete er unter anderem die Allman Brothers Band für den Rolling Stone), konnte man sich eine vergnügliche, aber auch emotional anrührende Geschichte erwarten.

    Davon ist leider in den ersten knapp 60 Minuten wenig zu merken. Stattdessen plätschert der Serienpilot die meiste Zeit recht dröge und klischeehaft vor sich hin. Eine Handlung im engeren Sinne ist kaum vorhanden. Vielmehr begleiten wir die Crew bei den Vorbereitungen eines Konzerts der fiktiven Stadionrock-Gruppe Staton-House-Band. Da gibt es den Chef der ganzen Unternehmung, den Tour-Manager Bill, den Luke Wilson mit nicht allzu großem komischen Talent als Typen zwischen Unsicherheit und Selbstüberschätzung spielt. Ihm zur Seite steht die selbstsicherere Produktionsmanagerin Shelli (Carla Gugino), mit der ihn offensichtlich mehr verbindet als nur ein gutes kollegiales Verhältnis, was sich beide aber nicht eingestehen mögen, weil sie verheiratet ist. Eigentliche Hauptfigur der ersten Folge ist jedoch die junge Kelly Ann (Imogen Poots), die als Mädchen für alles arbeitet und eigentlich ihren letzten Tag hat, da sie ein Filmstudium anfangen will. Natürlich kommt dann doch alles ganz anders, als ihr im Laufe des Tages klar wird, dass die Musiker und Crewkollegen ihre wahre Familie sind und ihr Herz mehr für den Tourzirkus als für den Film schlägt. Bei dieser Erkenntnis hilft auch ihr plötzlich aus dem Nichts auftauchender Zwillingsbruder Wes, eine Art Spätpunk, der ausgerechnet mit dem Rapper Colson Baker alias Machine Gun Kelly besetzt wurde.

    Identifikationsfigur Kelly Ann (Imogen Poots)
    Identifikationsfigur Kelly Ann (Imogen Poots)

    Für zusätzlichen Ärger sorgt noch ein britischer Unternehmensberater (Rafe Spall), den das Management der Band gebucht hat, um Einsparpotentiale zu eruieren. Dieser Anzugträger macht sich mit seinem BWLer-Sprech und seiner unbeholfenen Art natürlich gleich unter den Musikfreaks unbeliebt, erwärmt aber irgendwie doch auch Kelly Anns Herz. Hier haben wir also gleich von Anfang an eine zweite potentielle Liebesgeschichte nach dem Prinzip „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?“. So weit, so klischeehaft. Neues fügt Crowe diesem Grundkonzept nicht hinzu. Tatsächlich wirkt insbesondere das screwballhafte Hin und Her zwischen Bill und Shelli, als hätte der Serienschöpfer, der die erste Folge selbst geschrieben und die meisten Episoden der Staffel inszeniert hat, als hätte er zuviel „The Newsroom“ geguckt. Die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren scheint eins zu eins bei dem dort von Jeff Daniels und Emily Mortimer gespielten Newsanchor-/Produzentenpärchen abgeschaut.

    Die emotionale Verbundenheit der Figuren mit ihrem Job ist hier eher behauptet, als dass sie nachvollziehbar vermittelt würde. Zwar ist ständig die Rede von der „Familie“, von der Bedeutung, die die Musik für alle hat, die hinter den Kulissen mehr oder weniger an einem Strang ziehen, von der Besonderheit dieses Mikrokosmos. Als Zuschauer lässt einen das aber weitgehend kalt, dazu sind die Charakterzeichnungen zu oberflächlich, die dargestellten Situationen zu abgegriffen. Da gibt es zum Beispiel einen Groupie, der die Band auf ihren Tourneen verfolgt und sich immer wieder in den Backstage-Bereich einschleust. Die junge Frau schafft das – natürlich -, indem sie ihren Körper einsetzt, um den Securitymann zu bezirzen – und anschließend flachzulegen. Das ist so stereotyp inszeniert, dass es eher unfreiwillig komisch wirkt. Dann gibt es noch Phil (Ron White), ein cowboyhuttragendes Urgestein des Rockzirkus, das alle Superstars persönlich kennengelernt hat und nie um eine entsprechende Anekdote verlegen ist. Er wird schon in der Auftaktepisode vom Set weg verhaftet. Harte Schale, weicher Kern und doch ein dunkles Geheimnis – auch nicht wirklich originell. Am stärksten fällt aber ins Gewicht, dass diese als Comedy-Drama gedachte Serie nie richtig witzig ist. Die Dialoge, die wohl pointiert sein sollen, wirken eher bemüht.

    So richtig passt in „Roadies“ eigentlich nichts: weder die Figuren noch die Dialoge oder die Schauspieler. Nach der Pilotfolge versteht man auch, warum es vom Dreh bis zur Serienbestellung so lange gedauert hat, wobei man schon künstlerische Probleme vermuten konnte, als „Mad Men“-Star Christina Hendricks nach Beendigung der Dreharbeiten noch durch Carla Gugino ersetzt und der Pilot entsprechend überarbeitet wurde. Gugino („Wayward Pines“, „Entourage“) ist zwar auch eine gute Schauspielerin, hat aber doch nicht ganz die Klasse der ehemaligen Joan-Harris-Darstellerin aus dem Werbeagenturdrama. Unter der restlichen Besetzung sticht die Britin Imogen Poots noch am ehesten heraus.

    Zumindest für einen Aspekt des Filmemachens hat Crowe sein Gespür noch nicht weitgehend verloren: die Musikauswahl. Die fällt zwar konventionell aus – wie nach „Almost Famous“ auch nicht anders zu erwarten -, ist aber gleichermaßen geschmacksicher wie inhaltlich treffend. So ist gleich der erste Song Bob Dylans „Tangled Up In Blue“, in dem es schließlich auch um nichts anderes geht als um ein Leben auf der Straße. Für Fans zeitgenössischer Rockmusik ist sicher auch interessant, dass die wechselnden Vorbands echte, eher unbekannte Gruppen wie The Head and the Heart oder Reignwolf sind. In den Sequenzen, in denen mal länger ein Song zu hören ist, findet die Serie auch am ehesten zu sich selbst, gelingt es ihr dann immerhin kurz, etwas von dem Gefühl zu vermitteln, das bei populärer Musik doch so eine wichtige Rolle spielt. Am Ende der ersten Folge verbindet sich das mit Crowes Liebe zum Film, wenn sich Shelli einen von Kelly Ann erstellten Zusammenschnitt berühmter Filmszenen ansieht, in denen Menschen aus verschiedensten Gründen zu rennen anfangen – was mit Kelly Ann selbst, die zurück zu ihren Kollegen rennt, gegengeschnitten wird. Da kommen nicht nur der Managerin die Tränen, das ist tatsächlich auch einmal beim Zusehen berührend. Solche Momente finden sich aber leider viel zu wenige, wobei positiv festzuhalten ist, dass die zweite Folge (geschrieben von Showrunnerin Winnie Holzman, die sich mit den Kultserien „Willkommen im Leben“ und „Die besten Jahre“ einige Meriten erworben hat) insgesamt runder, weniger schwerfällig wirkt. Es besteht also Hoffnung, dass die Serie doch noch ihren eigenen Ton finden könnte. Totzukriegen war Rock’n’Roll ja noch nie.

    Meine Wertung: 3/5

    basierend auf den ersten beiden Folgen der Serie

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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