Chase – Review

    von Michael Brandes

    Rezension von Michael Brandes – 29.10.2010

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    Das „Chase“-Team
    Das „Chase“-Team

    Jerry Bruckheimer fabriziert für das Fernsehen mittlerweile mehr Flops als Erfolge. Dennoch gelingt es dem vielbeschäftigten Produzenten noch immer, in jeder TV-Saison die eine oder andere Serie bei den US-Networks unterzubringen. Im Herbst starteten mit „The Whole Truth“ (ABC) und „Chase“ (NBC) gleich zwei neue Serien aus dem Hause des „C.S.I.“-Produzenten, der in Sachen Kreativität seit einiger Zeit auf der Stelle tritt.

    „Chase“ beginnt mit einer wilden Verfolgungsjagd. U.S. Marshal Annie Frost (Kelli Giddish) hetzt zu Fuß einem Flüchtling hinterher. Schon in dieser Einleitung wird sie als kühle, kompromisslose Verbrechensbekämpferin charakterisiert, die sich selbstlos für das Gesetz in Gefahr begibt und dabei von ihren außerordentlich athletischen und kämpferischen Qualitäten profitiert. Während diverse Polizeiwagen hilflos herumirren und auch ihr Partner Jimmy Godfrey (Cole Hauser) kaum mehr folgen kann, bleibt Annie dem Mann auf den Fersen. Sie jagt ihn in Hochgeschwindigkeit erst durch eine gut besuchte Kneipe, anschließend durch eine Rodeohalle, vorbei an einer irritiert dreinblickenden Bullenherde. Vollkommen angstbefreit sprintet sie dann in einen stockdunklen Tunnel, in dem der Gejagte ihr auflauert. Der Mann wirft sich auf sie und wälzt sich mit ihr auf dem Boden herum wie bei einer Saloonschlägerei im Western. Doch einige Handgriffe später erweist sie Annie als körperlich überlegen und legt dem Gegner Handschellen an. Das gibt den Autoren die Gelegenheit, ein paar bemüht flotte Dialogzeilen einzuwerfen, denn der Flüchtling lässt seine Verhaftung nicht unkommentiert: „Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass Mädchen nicht mit Waffen spielen sollen?“ Diese Fragestellung kontert Annie mit einem trockenen Verweis auf ihre schicksalhafte Kindheit: „Meine Mutter starb, als ich acht war … “

    Kelli Giddish als Annie Frost
    Kelli Giddish als Annie Frost

    Annie ist Mitglied der „H.E.A.T.“ (Houston Enforcement & Apprehension Task Force), einer für die Suche nach kriminellen Flüchtlingen zuständigen Spezialeinheit der US-Bundespolizei. Das Markenzeichen der vorbildlichen Texanerin sind ihre Cowboystiefel, die ihr den Spitznamen „Boots“ eingebracht haben. Viel mehr wird über Annie im Pilotfilm nicht verraten. Immerhin spuckt die NBC-Website noch einen kleinen Steckbrief aus: Ihr Hobby ist es demnach, „Unschuldige zu beschützen“, während als prägnante Eigenschaft das „Springen aus gefährlichen Höhen bei der Verfolgung von Flüchtlingen“ genannt wird. Das klingt alles schon sehr nach einer künstlichen Figur aus einem PC-Spiel, und da inhaltliche Tiefe oder sorgfältige Charakterzeichnung ganz sicher nicht zu den Stärken von „Chase“ gehören, ist dieser Vergleich auch nicht abwegig. Im Rahmen einer mit augenzwinkernder Ironie versehenen Actionserie wäre das sicher egal, doch Bruckheimer sieht „Chase“ als bitterernstes Crime-Drama mit Bezug zur Realität. Die Serie ist gedacht als Hommage auf die texanischen U.S. Marshals, die im vergangenen Jahr – so klärt eine Texttafel zu Beginn des Pilotfilms auf – „mehr als 90.000 von Amerikas gewalttätigsten und gefährlichsten Flüchtlingen“ festgenommen haben sollen. Eine in mehrfacher Hinsicht eher fragwürdige Statistik. Mit dieser Ausgangslage im Rücken geht „Chase“ auf Verbrecherfang, und es ist wohl nicht überraschend, dass es sich beim ersten Bösewicht der Woche gleich um einen besonders brutalen Gewalttäter handelt. Der 26-jährige Mason Boyle (Travis Fimmel, „The Beast“) dringt nachts in ein Haus ein, reißt eine dreiköpfige Familie aus dem Schlaf und raubt ihren Safe aus. Es folgt eine Hinrichtung: Er schießt den Eltern, die vor ihm knien, in den Kopf, der Tochter in den Rücken.

    Jesse Metcalfe als Luke Watson
    Jesse Metcalfe als Luke Watson

    Im Großraumbüro der „H.E.A.T“ bekommt das multikulturelle Elite-Team von Annie, bestehend aus dem bodenständigen Jimmy Godfrey (Cole Hauser), dem redseligen Marco Martinez (Amaury Nolasco) und der hemdsärmeligen Daisy Ogbaa (Rose Rollins), genannt „Hurricane“, ein neues Mitglied aufgedrückt. Frischling Luke Watson (Jesse Metcalfe), ein Academy-Absolvent mit Top-Noten, soll eingearbeitet werden. Die Begeisterung im Team, sich mit einem Neuling beschäftigen zu müssen, hält sich allerdings in Grenzen. Annie bekommt den Fall Boyle zugeteilt, und da sie die Fahndungslisten auswendig kennt, klärt sie das Team darüber auf, dass Boyle derzeit zur „Most Wanted Top 15“ zählt. In nicht einmal zwei Minuten legt die Blondine ein psychologisches Täterprofil an, aus dem hervorgeht, dass der Schwerverbrecher im Grunde ein sentimentales Muttersöhnchen ist. Mit dem Schlachtruf „Let’s go hunting!“ bläst sie zur Jagd auf Boyle.

    Nachdem sich die Teammitglieder aus dem Kofferraum ihres Dienstwagens, der ein beeindruckend umfangreiches Waffensortiment enthält, ein paar hübsche Exemplare ausgesucht haben, wird der Mutter von Boyle in voller Kampfmontur ein Besuch abgestattet. Von ihr erfährt Annie, dass Boyle inzwischen mit einer Kellnerin verlobt ist. Diese entpuppt sich dann als hingebungsvoll loyale und hoffnungslos naive Gefährtin, die ihren Verlobten schon allein aufgrund seiner lieben Augen für unschuldig hält. Anschließend besucht Annie im Krankenhaus eines der Opfer. Die kleine Tochter der Familie hat den Überfall überlebt und kann der Fahnderin einen entscheidenden Hinweis liefern: Boyle summte während seiner Tat den Song „Armed and dangerous“ des Outlaw-Countrysängers Waylon Jennings vor sich hin, dem auch ein „W“-Tattoo auf seinem Hals gewidmet ist.

    Boyles Flucht in einem gestohlenen Wagen wird unterdessen immer wieder in Parallelmontagen gezeigt. Dabei pflastern weitere Leichen seinen Weg. Wie der Zufall es so will, ist Annie am Telefon Ohrenzeuge, als Boyle einen Mann erschießt. Gelegenheit für ein kurzes Gespräch mit dem Täter, dass Annie vor allem nutzt, um ihm den Jennings-Song „Mammas don’t let your Babies grow up to be Cowboys“ vorzusingen. Irgendwie seltsam. „Musik ist der schnellste Weg in die Seele eines Menschen“, erklärt Annie dem Neuling Luke (und somit auch den Zuschauern). Sie hört sich fortan durch diverse Alben von Waylon Jennings, um in den Songtexten Hinweise auf das weitere Vorgehen Boyles zu finden. Diese eigenwillige Ermittlungsmethode hat dann tatsächlich Erfolg: Annie findet heraus, dass Boyle seine aus den Augen verlorene Jugendliebe aufsuchen wird, die mittlerweile als Immobilienmaklerin arbeitet. Er entführt deren gemeinsame Tochter Amber und nimmt sie mit auf die Flucht.

    Auf einer Autobrücke kann das Elite-Team den Täter stellen, der sich mit einem Sprung in den Fluss aus rund 20 Metern Höhe seiner Verhaftung entzieht. Weil „Chase“ natürlich einen ordentlichen Showdown braucht, springt Annie umgehend hinterher – ohne vorab zu prüfen, wo sie denn landen wird. Es kommt zu einem Duell im Wasser, bei dem Boyle drauf und dran ist, die neue Serienheldin schon in ihrem ersten TV-Einsatz entweder zu ertränken oder zu erwürgen. Beide Hände um ihren Hals gelegt, drückt er sie unter Wasser. Doch plötzlich gelingt es Annie, noch einmal aufzutauchen, tief Luft zu holen und den Mörder mit einem Holzknüppel niederzustrecken, der praktischerweise auf dem Grund des Flusses herumlag. Kollege Jimmy kommt wieder einmal etwas zu spät, gratuliert aber höflich: „Nice Job, Boots!“

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