Sean Bean („Snowpiercer“) erntet Schelte für Kommentar über Sex-Szene

    Braucht die Fernsehindustrie Intimacy Coordinators?

    Bernd Krannich
    Bernd Krannich – 10.08.2022, 15:13 Uhr

    Sean Bean als Joseph Wilford in „Snowpiercer“ – Bild: TNT
    Sean Bean als Joseph Wilford in „Snowpiercer“

    In den vergangenen Jahren, und auch unter dem Eindruck der #metoo-Bewegung, ist es in Film- und Fernsehproduktionen immer mehr zum Standard geworden, dass bei Szenen von simulierter Sexualität ein sogenannter Intimacy Coordinator eingeschaltet wird. Wie der Name schon sagt, soll mit diesem Posten dafür gesorgt werden, dass alles mit mehr Plan und damit auch mehr „Sicherheit“ abgeht. Mit einem Interviewbeitrag, dass dieser Posten eigentlich eher hinderlich sei, hat Sean Bean nun für gehörigen Rummel gesorgt.

    Bean wurde im Umfeld seiner anstehenden Serie „Marriage“ (bald auch schon in Deutschland) interviewt, in der es um eine langanhaltende Ehe geht. Bean äußerte zur Anwesenheit eines Intimacy Coordinator die Ansicht, dass die natürliche Art, wie Liebende sich verhalten, ruiniert wird, wenn jemand [die Szene] auf technische Details reduziere. Er gab als Beispiel Szenen an, die er in der zweiten Staffel von „Snowpiercer“ mit Kollegin Lena Hall hatte – [she] was up for anything (etwa sie war für alles offen/​zu haben). Dabei erläuterte Bean, dass Hall aus dem Kabarett komme und „daher“ keine Berührungsängste habe.

    Hall widersprach den Aussagen von Bean selbst auf zunächst genereller Ebene (Hall auf Twitter). Nicht ihr Theater-Hintergrund sei dafür verantwortlich, dass sie bei den Aufnahmen locker gewesen sei. Es käme immer auf den anderen Darsteller, die jeweilige Szene, den Regisseur und die am Set anwesende Crew an. Und in der Tat sei halt Sean Bean in ihren Augen ein großartiger Schauspieler, der dafür gesorgt habe, dass sie sich in der Situation behaglich fühlte, und in dem sie einen Kollegen hatte, mit dem sie die recht ungewöhnliche Szene um eine Sex-Fantasie von Beans Charakter Joseph Wilford in Partnerschaft spielen konnte – wobei es eben auch darum ging, das Bizarre an Wilfords darzustellen. Da sei in der Tat kein Intimacy Coordinator von Nöten gewesen. In Halls Ausführungen auf Twitter gibt es aber auch das große Aber.

    Sollte es in einer Szene dazu kommen, dass sie sich weird fühle, angewidert oder deutlich mehr Nacktheit als notwendig gefordert werde – dann werde sie sich mit einem Widerspruch zum Sinn der Szene zu Wort melden oder auf einen Intimacy Coordinator als Vermittler hoffen. Daneben drückte sie aus, dass Schauspieler bei ihrer Darstellung auch emotional mitgerissen würden, und nach manchem Dreh (etwa um die Themen Vergewaltigung und Suizid) sei es unerlässlich, einen fachkundigen Gesprächspartner am Set zu haben, mit dem man über solch traumatische Ereignisse sprechen kann – wo sie sich auch Unterstützung von einem Intimicy Coordinator oder Trauma Counselor erwünscht. Jede Situation entwickle sich unterschiedlich – manchmal kann man im Nachhinein froh sein, wenn ein Intimicy Coordinator am Set sei, manchmal stellt sich heraus, dass man keinen gebraucht hat.

    Generell sind solche Koordinatoren in der Tat dafür vorgesehen, unvorhergesehene Entwicklungen und Unsicherheiten beim Dreh gar nicht erst aufkommen zu lassen – schon vorab sollen sie zwischen den beteiligten Darstellern vermitteln und klären, was passiert – auch im Sinne einer „Choreographie“ von Szenen mit Nacktheit oder simulierten sexuellen Handlungen und in Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Dabei geht es zudem darum, dass die Darsteller wissen, wozu sie einwilligen und dass sie die Möglichkeit haben, ihre Einwilligung eben nicht zu geben.

    Daneben gibt es objektive Aufpasser, die an den Sets darauf ein Auge haben, dass die geltenden Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden.

    In den letzten Jahren hatten vor allem bekannte Darstellerinnen immer wieder Anekdoten aus der Frühzeit ihrer Karrieren erzählt, in denen sie sich bei der Arbeit unwohl oder eingeschüchtert gefühlt hatten. So berichtete etwa Lizzy Caplan davon, dass ihre Dreharbeiten für die Auftaktstaffel der HBO-Serie „True Blood“ gleich mit einer Sexszene begannen – und dass sie sich die Nervosität davor mit größeren Mengen Alkohol weggetrunken habe. Auch Emilia Clarke erzählte, dass sie eingangs bei „Game of Thrones“ als Schauspielanfängerin nicht den Mut gehabt hatte, sich für sich selbst einzusetzen – etwa sich einfach eine Bedeckung reichen zu lassen, als in einer Nacktszene die Kameras nicht mehr rollten. Clarke wusste, dass sie bereits die Zweitbesetzung für ihre Figur war und wollte sich nicht unbeliebt machen.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1978) am

      Immerhin weiß Sean Bean wovon er spricht. Ich glaube, er war der erste Schauspieler, den ich komplett nackt gesehen habe - lange, bevor das in den 2000ern nach dem "full frontal naked" Auftritt von James Purefoy in "Rome" Mode wurde.
      Im Grunde geht es doch darum, ein Machtgefälle auszugleichen, wenn der Regisseur oder Produzent oder sonstwer Druck, meist auf weibliche Schauspielerinnen, ausübt. Da hat aber jeder Schauspieler und jede Schauspielerin andere Erfahrungen gemacht.
      • am

        Ach Sean. Hör einfach mal mit der Sauferei auf, dann klappts auch mit den Interviews.🤦🏻🤷🏻

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