Prosit, „Geh aufs Ganze!“! 30 Jahre Zocken, bis der Zonk kommt

Rückblick auf die Kult-Gameshow mit Jörg Draeger

Dennis Braun
Dennis Braun – 02.01.2022, 10:30 Uhr

„Geh aufs Ganze!“ anno 1994 (l.), 2001 (M.) und 2021 (r.) – Bild: IMAGO/teutopress & Sat.1/Marc Rehbeck
„Geh aufs Ganze!“ anno 1994 (l.), 2001 (M.) und 2021 (r.)

Nach fast zweieinhalb Jahren bröckelten allerdings auch bei Kabel 1 die Quoten beider Gameshows, was für „Geh aufs Ganze!“ ab 30. Juli 2001 die Reduktion auf 30 Minuten Sendezeit brachte. Nichtsdestotrotz wurde „Geh aufs Ganze!“ nun endgültig zur Casino-Show, so wie es sich Jörg Draeger immer gewünscht hatte: Unter dem neuen Marketingchef Kai Blasberg, der später Tele 5 maßgeblich prägen sollte, wurde das Studio aufwändig umgebaut, alle Möbel wie Spieltische und Wandverkleidungen bestanden nun aus feinstem Acryl, zudem gab es imposante neue Scheinwerfer und Lichtreflexe. Während der Spiele sollte Spannungsmusik zur Atmosphäre beitragen, die sich allerdings negativ auf die Stimmung im Studio auswirkte. Die Zeiten, in denen das Publikum sinnlose Tipps wie „Umschlag!“ oder „Tor 3!“ von den Rängen brüllte, waren schlagartig vorbei. Nach weiter gefallenen Quoten beendete man am 28. Dezember 2001 die werktägliche Ausstrahlung.

Dennoch wollte Kabel 1 die Show noch nicht endgültig einstellen: Am 9. Mai 2002 um 21:15 Uhr meldete sie sich mit dem Special „Der Zonk wird 10“ zurück. Zu diesem Zeitpunkt konnte man folgende beeindruckende Bilanz ziehen: knapp 2200 Folgen, umgerechnet 1320 Stunden (ohne Werbung und Wiederholungen) oder fast 55 Tage ununterbrochen den ganzen Tag und die ganze Nacht „Geh aufs Ganze!“. Hochgerechnet wurden seit dem Sendestart in Sat.1 etwa 2,6 Milliarden Zuschauer gezählt. Rund 530.000 Fans besuchten Jörg Draeger live im Studio, von denen über 20.000 Kandidaten die Chance hatten, in über 10.000 Spielen zu zocken – rund 7.500 davon konnten als Gewinner nach Hause gehen. Ihnen standen Preise im Gesamtwert von über 130 Millionen Euro als Gewinne zur Verfügung, sie wurden in Form von über 22.000 Sachpreisen präsentiert. Insgesamt wurden Sachpreise im Wert von annähernd 30 Millionen Euro gewonnen: 800 Autos im Gesamtwert von 10 Millionen Euro, 1.200 Motorräder, 4.500 Reisen und Bargeld im Gesamtwert von über zwei Millionen Euro wurde von Jörg Draeger an die Kandidaten „verteilt“. Die schönste Niete der Welt – der Zonk – rekelte sich mittlerweile auf über 8.500 Sofas und Kanapees seiner neuen Herrchen und Frauchen. Rund 11.000 Mal wurde Tor 1, Tor 2 oder Tor 3 auf- und zugemacht. Und schließlich belohnte sich Jörg Draeger nach jeder Show mit einer edlen Cohiba-Zigarre, sodass sich über 80.000 Euro in Rauch auflösten.

Der Zonk, Jörg Draeger und Simone Dericks feierten 2002 das 10-jährige Jubiläum von „Geh aufs Ganze!“Kabel 1

Allzu viele Ausgaben sollten jedoch nicht mehr hinzukommen: Vom 29. August bis 26. September 2002 gab es noch einmal einen Versuch mit fünf 60-minütigen Shows in der Donnerstags-Primetime, die von keinem großen Erfolg gekrönt waren. Die finalen sechs Folgen, die man im gleichen Jahr produziert hatte, wurden erst zwischen 1. Juni und 13. Juli 2003 am Sonntagvorabend um 19:10 Uhr versendet. Damit schloss sich still und leise das zweite Kapitel von „Geh aufs Ganze!“ bei Kabel 1 – immerhin hatte man letztendlich sogar das „Glücksrad“ überlebt, das bereits am 31. Oktober 2002 abgesetzt worden war.

Im gleichen Jahr wechselte Jörg Draeger zum dubiosen Call-In-Sender 9Live und erhielt mit „Die 100.000-Euro-Frage“ eine neue Show, die aber nach 26 Folgen nicht fortgesetzt wurde. Am 5. März 2004 ging er dort mit „Alle gegen Draeger“ auf Sendung, einer abgespeckten Version von „Geh aufs Ganze!“, in der er mit Kandidaten in Karten-, Würfel-, Hütchen- und Umschlagspielen um Geldbeträge zockte. Ähnlich wie beim „Glücksrad“, das der Sender nur wenige Tage zuvor ebenfalls zurückgebracht hatte, diente das Format aber in erster Linie dazu, Aufmerksamkeit für sein eigentliches Geschäftsmodell, die zweifelhaften Telefongewinnspiele, zu generieren. Dennoch blieb der Moderator 9Live mit Unterbrechungen bis 2006 treu.

Obwohl die Zeit der täglichen Gameshows längst vorbei war, gab es immer mal wieder Reminiszenzen an die guten, alten 90er. So auch im Fall des „Gameshow-Marathons“, den ProSieben ab dem 15. Januar 2007 insgesamt neunmal am Montagabend ausstrahlte. Die sechs prominenten Teilnehmer Sonya Kraus, Hennes Bender, Hella von Sinnen, Detlef D! Soost, Gülcan Kamps und Kai Böcking spielten unter der Leitung von Oli Petszokat und Oliver Pocher die beliebtesten Formate dieses Genres nach, wobei das Ganze mehr als Comedy-Veranstaltung über die Bühne ging. Neben „Der Preis ist heiß“, „Hopp oder Top“, „Glücksrad“, „Familien-Duell“ und „Bube, Dame, Hörig“ wurde in der zweiten Ausgabe am 22. Januar auch „Geh aufs Ganze!“ reaktiviert – mit einem Gastauftritt von Jörg Draeger, der auch eine Runde mit den Protagonisten zockte. Aus Quotensicht tat sich der „Gameshow-Marathon“ allerdings äußerst schwer, sodass nach einer Staffel schon wieder Schluss war.

Danach sollte es geschlagene sechseinhalb Jahre dauern, bis man den Zonk erneut wiederauferstehen ließ. Der „ZDF-Fernsehgarten“ kündigte für den 21. Juli 2013 überraschend eine Sonderausgabe an, in der man Werner Schulze-Erdel, Elmar Hörig, Harry Wijnvoord und Jörg Draeger ihre alten Shows noch einmal moderieren ließ – wenn auch nur für ein bis zwei Spielrunden. Aufgrund der positiven Resonanz wiederholte man den „Gameshow-Fernsehgarten“ auch in den kommenden beiden Jahren, am 17. August 2014 sowie am 16. August 2015.

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