Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki ist tot [2. UPDATE]

    Sender ändern zu Ehren des Kritikers ihr Programm

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 18.09.2013, 18:09 Uhr

    Marcel Reich-Ranicki – Bild: ZDF/Carmen Sauerbrei
    Marcel Reich-Ranicki

    2. UPDATE: Das Erste stellt sein Programm für Freitag, den 20. September, um und zeigt um 22:00 Uhr den Fernsehfilm „Mein Leben“, in dem Matthias Schweighöfer in der Rolle des Literaturkritikers zu sehen ist. Anschließend wird eine „Beckmann“-Sendung wiederholt, in der Reich-Ranicki 2009 zu Gast war.

    UPDATE: Zum Gedenken an Marcel Reich-Ranicki ändern mehrere Sender ihr Programm. Am heutigen Donnerstag, dem 19. September, um 23:15 Uhr erinnern sich unter anderem Hellmuth Karasek und Michel Friedman bei „Markus Lanz“ im ZDF an den Literaturkritiker. Im Anschluss ist um 00:45 Uhr der Porträtfilm „Ich, Reich-Ranicki“ aus dem Jahr 2006 von Lutz Hachmeister und Gert Scobel zu sehen. Der Bildungskanal BR-alpha zeigt außerdem um 0:00 Uhr eine Wiederholung der Gesprächssendung „alpha-Forum“, in der Reich-Ranicki 2004 zu Gast war. Parallel dazu läuft ab 0:30 Uhr das Interview von Walter Janson aus der Reihe „Wortwechsel“ von 2009 im SWR Fernsehen.

    ZUVOR: Deutschlands berühmtester Literaturkritiker ist tot. Marcel Reich-Ranicki starb am heutigen Mittwoch (18.9.) im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main. Bereits 2006 musste er wegen Herzbeschwerden ins Krankenhaus. Im März diesen Jahres machte Reich-Ranicki seine Krebsrkrankung bekannt, im Juni teilte er dann mit: „Mir geht’s schlecht“. Nun haben ihn die Kräfte verlassen.

    Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, vermeldete den Tod des Literaturkritikers am Mittwochnachmittag via Twitter, nachdem er ihn noch zwei Stunden zuvor besucht hatte. Kurz darauf bestätigte der Hessische Rundfunk die Nachricht. Marcel Reich-Ranicki leitete mehr als 15 Jahre lang den Literaturteil der FAZ und war demnach eng mit der Tageszeitung verbunden.

    Der am 2. Juni 1920 im polnischen Wloclawek geborene Marcel Reich-Ranicki übersiedelte 1929 mit seiner Familie nach Berlin. Nach seinem Abitur wollte er studieren, im Nazi-Regime wurde ihm jedoch der Zugang zur Universität verwehrt und er musste Deutschland verlassen. Ab 1940 lebte er zwangsweise im Warschauer Getto und arbeitete als Übersetzer. Er überlebte mit seiner Frau Teofila, die er 1942 geheiratet hatte, den Holocaust im Untergrund, während seine restliche Familie kein Glück hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Polens kommunistischem Geheimdienst und im diplomatischen Dienst tätig, bevor er nach Frankfurt am Main zog und bei der FAZ eine Stelle als Literaturkritiker annahm.

    Einer breiten Öffentlichkeit wurde er vor allem durch die Sendung „Das Literarische Quartett“ bekannt, die von 1988 bis 2001 im ZDF lief. Gemeinsam mit Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und später Iris Radisch rezensierte er auf unverwechselbare Art Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Er sparte dabei nicht mit harter Kritik und nahm bei seinen Bewertungen kein Blatt vor den Mund.

    Im Jahr 2008 sollte Reich-Ranicki „Der Deutsche Fernsehpreis“ für sein Lebenswerk verliehen werden. Doch der Literaturpapst fühlte sich auf der Veranstaltung überhaupt nicht wohl und lehnte die Auszeichnung mit den Worten „Ich nehme diesen Preis nicht an!“ medienwirksam ab. Daraufhin entbrannte kurzzeitig in der Öffentlichkeit eine Diskussion über die Qualität des deutschen Fernsehens. Außerdem nahm das ZDF eine Sondersendung mit dem Titel „Aus gegebenem Anlass“ ins Programm, in der Marcel Reich-Ranicki mit Thomas Gottschalk über all das plauderte, was seiner Meinung nach in der Fernsehlandschaft falsch läuft. Einen nachhaltigen positiven Effekt hatte die Diskussion allerdings nicht.

    Im Jahr 1999 wurde nach zahlreichen anderen Büchern seine Autobiografie „Mein Leben“ veröffentlicht, die mit mehr als 1,2 Millionen verkauften Exemplaren zum Bestseller wurde. 2009 wurde das Werk für das Fernsehen verfilmt. Matthias Schweighöfer verkörperte darin Marcel Reich-Ranicki. Mit seiner Frau Teofila war er mehr als 70 Jahre lang zusammen, bevor diese 2011 verstarb. Seitdem suchte er nur noch selten das Licht der Öffentlichkeit und wurde zu Hause betreut. 2012 hatte er allerdings noch einen bewegenden Auftritt, als er die Rede zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz im Deutschen Bundestag hielt. Neben zahlreichen Literatur- und Medienpreisen erhielt Reich-Ranicki auch das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am via tvforen.de

      ...ich weiss nicht mehr, in welcher Talkrunde es in der letzten Woche war..auf jeden Fall sass da auch "mein Lieblingsschauspieler" Tim Schweiger, der sich vor einigen Monaten doch selbst einmal ebenfalls in einer Talkshow als "INTERLEKTUELLEN" (ich schreib es so, wie er es gesagt hat ...) und in dieser besagten letzten Runde kam natürlich das Gespräch auf MRR und Schweiger wusste nicht einmal wirklich, wer das war und was er gemacht hat ... weia
      • am via tvforen.de

        Tjaja, der Schweigende Till ;)
      • am via tvforen.de

        holger schrieb:
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        > Tjaja, der Schweigende Till ;)


        Ach, hätte er doch geschwiegen.... :-)
      • am via tvforen.de

        Er wäre trotzdem kein Philosoph geblieben^^
    • am via tvforen.de

      Ich werde mich immer daran erinnern wie er den deutschen Fernsehpreis abgeleht hat.

      Eine wirklich grosse Leistung, die noch von echtem Charakter zeugt.
      • am via tvforen.de

        Ich war im ersten Moment irgendwie "erstaunt" über diese Meldung, es gibt Prominente, mit deren Tod ich gar nicht rechne, das war bei Jopie so und auch bei Reich-Ranicki.

        Jetzt ist er ja bei seiner Tosia, das war mein erster Gedanke. So lange verheiratet zu sein, und so viel Schlimmes gemeinsam zu meistern, das verdient Respekt. Als Literaturkritiker ist er mir nicht so bekannt, ich hab mir das Quartett mal kurz angesehen und kann damit nicht allzu viel anfangen. Ich lese gerne und schau mir, wenn ich fertig bin, dann immer die Rezensionen auf Amazon an ;-). Das Quartett ist mir ein bisschen zu intellektuell, was nicht heißt, dass ich ein Banause bin ;-).

        Ich muss aber zugeben: Ich liebe schon lange die Reich-Ranicki-Imitation von Hape, der macht das so herrlich.
        • am via tvforen.de

          Da haben uns durch Ranicki und Roger Ebert dieses Jahr zwei besonders herausragende Kritiker und Meinungsmacher in ihrem jeweiligem Gebiet verlassen.
          • am via tvforen.de

            Wie traurig. Den möchte ich immer sehr gern.
            • am via tvforen.de

              Siehe Meldung bei "Spiegel online" (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/marcel-reich-ranicki-ist-tot-a-923068.html).

              Auch wenn seine Ansichten nicht unbedingt mein Fall sind: Vor seinem Wirken für die Literatur habe ich Respekt. Und seine Biographie ist wirklich bemerkenswert.
              • am via tvforen.de

                Ein großer Mann, den ich erst spät schätzen gelernt habe. Das tut mir sehr leid. Ein großer Verlust.
              • am via tvforen.de

                Ein herber Verlust. Auch wenn das Quartett durchaus anstrengend war, seine Biografie war beeindruckend und erschütternd. Umso bewundernswerter, dass er der deutschen Sprache und Deutschland nicht den Rücken gekehrt hat. Hut ab.
              • am via tvforen.de

                dem kann ich mich nur anschliessen - ein beachtliches Alter hat er erreicht.
                Er war einer jener grossen, klugen Männer, bei denen Intelligenz, Wissen und Wortgewandtheit eine geradezu erotisierende Ausstrahlung auf mich hatten - und das meine ich ganz ernst.


                Was für ein Leben .... möge er unvergessen bleiben und in Frieden ruhen.
              • am via tvforen.de

                Nach ewig, ehrnen großen Gesetzen
                müssen wir alle unseres Daseins
                Kreise vollenden.
                (Goethe)
              • am via tvforen.de

                Ein wirklich gewitzter, manchmal gehässiger, aber immer leidenschaftlich redender und dabei nachvollziehbarer Mann.

                Und seine Biografie: Die hab ich als Jugendlicher gelesen und für grandios befunden.

                Dann verabschiede ich mich mal von ihm, wie er sich immer von uns verabschiedet hat:

                „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
              • am via tvforen.de

                ich dachte,er wäre schon vor Jahren verstorben, komisch. Gemocht habe ich in nie, war mir total unsymphatisch, arrogant. hab immer sofort ausgeschaltet, wenn der irgendwo zu sehen war.
              • am via tvforen.de

                Tja... da steht also der Tod an seinem Bett und sagt zu ihm: Marcel... Ich hab was für dich.

                Darauf er: Ich nehme den Preis nicht an!

                Aber diesen muss leider jeder annehmen...

                Er wird in seinen "Lit. Quartetten" weiterleben, von denen ja eine ganze Menge auf youtube stehen. Zwar nicht alle, aber sehr viele! (Also jedenfalls war das letztes Jahr noch so... ;-))

                Jetzt gibts auf der Wolke sicher das neue Quartett mit Johann Wolfgang, Friedrich und Gotthold Ephraim!
              • am via tvforen.de

                2. Juni , dieses Geburtsdatum teile ich mit Ihm, wenn auch freilich einen anderen Jahrgang ,-)

                Ich weis nicht ob es nur das war , aber ich füllte mich Ihm verbunden und bewunderte Ihn sehr.

                Sicher gab auch Marcel Reich - Ranicki selbst oft Anlass zur Kritik , aber wer sich desgleichen zum Lebensinhalt machte , der muss zwangsläufig anecken . Menschen die Anecken und Unbequem sind, die sind immer eine große Bereicherung für die humanistische Gesellschaft, sorgen sie doch für Kontroversen , lösen notwendige Diskussionen aus , aus denen sich etwas erneuern kann oder sich zumindest eine längst überfällige Frischzellen Kur entwickelt.

                Bei all der Oberflächlichkeit in unserer Gesellschaft sind es Leute wie Reich-Ranicki die ein Stück tiefe hinein bringen. Dafür muss man Ihn nicht mal Sympathisch finden . Vielleicht ist das auch das besondere gerade an Ihm ? Er setzte Gedanken Prozesse auch bei den Menschen an , die Ihn nicht mochten , aber Ihn ernst nahmen....

                Ich aber mochte Ihn und versuche seinem Hauptstreben wenigstens im Ansatz gerecht zu werden : Ab und an Lesen , einfach lesen......


                Gruß

                Sir Hilary
              • am via tvforen.de

                Irgendwelche Sendungen dazu?
              • am via tvforen.de

                Die ARD listet alle ihre Sendungen hier auf:
                http://programm.ard.de/TV/Themenschwerpunkte/Musik-und-Kultur/Zum-Tode-von-Marcel-Reich-Ranicki/Startseite

                Die erwähnte Sondersendung "Aus gegebenem Anlass" von 2008 gibt es in meinem YouTube-Kanal:
                http://www.youtube.com/watch?v=iiEUNeEnJwU
              • am via tvforen.de

                Ich kann mich da nur anschließen! Ein wahrer "Zeuge des Jahrhunderts" , der die Literaturwelt nachhaltig auf die große Bühne gehoben hat.

                Ruhen Sie in Frieden, Herr Reich-Ranicki,

                Ihre Wicket
              • am via tvforen.de

                Danke für die Links!!
                Auch an wunschliste.de für die Updates.

                Der Kelte

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