„Sobald Angst im Raum ist, stirbt Kreativität und Innovation“: TNT-Köpfe im Interview

    „4 Blocks“-Macher Anke Greifeneder und Hannes Heyelmann über das goldene Serienzeitalter

    "Sobald Angst im Raum ist, stirbt Kreativität und Innovation": TNT-Köpfe im Interview – "4 Blocks"-Macher Anke Greifeneder und Hannes Heyelmann über das goldene Serienzeitalter – Bild: Andreas Rentz/Getty Images for Turner Broadcasting Deutschland
    Anke Greifeneder und Hannes Heyelmann bei der Premiere von „Andere Eltern“

    Die beiden Pay-TV-Sender TNT Serie und TNT Comedy von Turner Broadcasting System machten in den vergangenen Jahren mit einigen prestigeträchtigen Eigenproduktionen auf sich aufmerksam. Lange bevor Netflix in Deutschland an den Start ging, schickte TNT Serie mit „Add a Friend“ 2012 die erste eigenproduzierte deutsche Serie eines Pay-TV-Anbieters überhaupt auf Sendung. Es folgte die Mysteryserie „Weinberg“ und zuletzt das mit Preisen und Lob überhäufte Gangsterdrama „4 Blocks“ sowie die Koproduktion „Hackerville“ mit HBO Europe. TNT Comedy zog mit der schwarzhumorigen Serie „Arthurs Gesetz“ nach und präsentiert nun mit der Mockumentary „Andere Eltern“ die zweite Eigenproduktion.

    fernsehserien.de-Redakteur Glenn Riedmeier sprach mit zwei Menschen, die maßgeblich für diese Erfolge verantwortlich sind: Turner-Produktionschefin Anke Greifeneder und Hannes Heyelmann, Geschäftsführer von Turner Zentral- und Osteuropa, im Interview über Chancen, Ziele und Veränderungen im „goldenen Serienzeitalter“:

    fernsehserien.de: Frau Greifeneder, Herr Heyelmann, heute Abend startet bei TNT Comedy Ihre neueste eigenproduzierte Serie, die Mockumentary „Andere Eltern“. Was hat Sie zu der Entscheidung bewogen, die Serie in Auftrag zu geben?

    Anke Greifeneder: Comedy ist vor allem Geschmackssache, daher finde ich es gerade in diesem Genre relativ schwierig, eine Einschätzung im Vorfeld abzugeben. Von zehn Leuten können entweder alle, drei oder auch keiner lachen, das ist sehr individuell. Bei dramatischen Serien reagieren die meisten Menschen hingegen auf ähnliche Weise. Im Fall von „Andere Eltern“ hatten wir das Glück, dass uns Regisseur Lutz Heineking, Jr. bereits einen kleinen produzierten Mini-Piloten zur Ansicht vorgelegt hat – und der hat mich sofort angesprochen, weil er so erfrischend und ungestellt gewirkt hat. Mir gefiel, dass der Humor aus den Charakteren heraus entstanden ist und eben nicht auf Gagdichte gescripted gewirkt hat. Ich fand das Ensemble schon im Piloten total überzeugend. Alles hat auf Anhieb stimmig gewirkt, daher fiel die Entscheidung letztendlich sehr schnell. Die Serie fühlt sich auf natürliche Weise nah am Puls der Zeit an.

    Hannes Heyelmann: Stimmt, denn das Thema Eltern lag schon in der Luft – wenn man sich Bestsellerlisten anschaut, findet man momentan vieles dazu. Im Fernsehen wurde es dagegen noch kaum behandelt. Daher war für uns klar: Wenn wir das machen wollen, müssen wir schnell sein, bevor uns jemand zuvorkommt.

    „Andere Eltern“

    Das Besondere an „Andere Eltern“ ist, dass die Rollen der Darsteller nur skizziert wurden und die Dialoge von den Schauspielern improvisiert wurden. Welche Vorteile brachte dies mit sich?

    Anke Greifeneder: Es war natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, denn die Schauspieler konnten sich in diesem Fall nicht rein auf die Drehbücher verlassen. Allerdings bot das Improformat für sie auch die Möglichkeit, mehr aus sich herausgehen. Die Szenen wurden immer nur einmal gedreht, nur in Ausnahmefällen gab es einen Pick-Up, um die Authentizität aufrechtzuerhalten. Es gab im Vorfeld einen Writers’ Room, in dem wir uns Gedanken darüber gemacht haben, wo wir mit der Serie hin wollen. Einen groben Fahrplan gab es also, aber letztendlich mussten wir darauf vertrauen, dass am Ende ein tolles Ergebnis dabei herauskommt. Ich hatte allerdings von Anfang an ein gutes Gefühl bei der Sache. Die Serie bietet einen sarkastischen Blick auf den Zeitgeist und unsere Gesellschaft – aber ohne jemanden vorzuführen, was mir wichtig war. Es geht um Glaubenskriege zwischen einer bestimmten Generation von Eltern und ihre unterschiedlichen Ansichten, was Selbstoptimierung, Erziehungs- und Beziehungsfragen betrifft.

    Die Serie wurde in Köln-Nippes gedreht und verfügt über eine ordentliche Portion Lokalkolorit. Wie entscheidend war die Location für den Dreh?

    Anke Greifeneder: Für mich war das sehr entscheidend, weil ich großer Fan von Dialekten und Lokalkolorit bin. Natürlich hätte man die Serie auch in Berlin im Prenzlauer Berg drehen können – solche Bezirke gibt es in jeder Großstadt. Aber ich bin ganz froh, in „Andere Eltern“ nicht schon wieder die Oberbaumbrücke sehen zu müssen. Köln ist als Drehort spannend und ich fand es schön, auch mal Straßen zu sehen, die noch nicht so oft in Serien gezeigt wurden. (lacht)

    Betrachtet man die bisherigen Serienproduktionen von TNT Comedy und TNT Serie, erkennt man trotz der noch überschaubaren Anzahl bereits eine große Genrevielfalt. Ist das ein Qualitätsanspruch, den Sie sich selbst stellen?

    Hannes Heyelmann: Ja, wir wollen eigentlich immer etwas Neues machen. „Andere Eltern“ ist eine Mockumentary, während die erste TNT Comedy-Serie „Arthurs Gesetz“ eine cineastische schwarzhumorige Komödie war und mit einstündigen Episoden einen völlig anderen Stil hatte. Und auch unsere TNT Serie-Produktionen „Add a Friend“, „Weinberg“ und „4 Blocks“ decken jeweils unterschiedliche Themenspektren ab. Wir wollen uns mit jedem Projekt neu erfinden und neue Themen besetzen.

    „Add a Friend“

    Anke Greifeneder: Das steckt gewissermaßen in unserer DNA. Wir wollen nicht immer das Gleiche in Grün machen. Das deutsche Fernsehen verlässt sich allgemein gerne auf Erprobtes und wiederholt sich, nach dem Motto: Etwas funktioniert, also gehen wir auf Nummer Sicher und machen direkt zehn weitere Serien dieser Art. Dagegen ist auch nichts zu sagen und bei Free-TV-Sendern verstehe ich durchaus auch die Notwendigkeit dieser Entscheidungen, weil sie viel stärker von den Quoten abhängig sind. Aber für uns gilt das ja nicht, deshalb haben wir mehr Freiheiten. Daher wäre es dumm, sie nicht zu nutzen. Ich glaube, von einem Pay-TV-Sender erwarten die Zuschauer auch Dinge, die sie woanders eben nicht bekommen. Und es hat für uns selbst auch viele Vorteile, immer Neues auszuprobieren. In jedem Genre lernt man neue Schauspieler, Regisseure und Autoren kennen, die sich spezialisiert haben. So erhalten wir einen größeren Überblick über die Branche.

    Auch wenn Sie nicht so sehr von der Quote abhängig sind: Gehen Sie dennoch Risiken ein, wenn Sie Serien abseits des Mainstreams produzieren?

    Anke Greifeneder: Klar, wir gehen finanzielle Risiken ein, da solche Projekte natürlich auch gehörig in die Hose gehen können, eben weil es wenig Vergleichbares gibt. Wir können auch nicht zehn Produktionen pro Jahr in Auftrag geben und darauf hoffen, dass drei davon funktionieren. Wir haben einen oder zwei Shots pro Jahr – und die sollten dann möglichst sitzen. Umso wichtiger finde ich es, dass wir als Sender den Produktionsfirmen den Rücken stärken und ihnen alle Freiheiten geben, die sie benötigen, um sich auszutoben. Denn sobald Angst im Raum ist, stirbt Kreativität und Innovation. Wir wollen uns in der Freiheit nicht beschränken. Das bedeutet aber gleichzeitig nicht, dass wir zehn Kopfschüsse pro Minute oder Full Frontal Nudity zeigen müssen, nur weil wir es könnten. Am Ende ist es die Geschichte, die überzeugen muss.

    Hannes Heyelmann: Die Genrevielfalt passt auch zur Sendermarke TNT Serie, die ein breites Spektrum von Action über Horror und Sci-Fi alles Mögliche abdeckt. Gleiches gilt für TNT Comedy, wo von leichter Sitcomkost bis hin zu anspruchsvoller Comedy alles vertreten ist.

    „Arthurs Gesetz“

    Wenn Einschaltquoten nicht das Ausschlaggebende sind – was ist für Sie Erfolg?

    Hannes Heyelmann: Für uns gibt es eine Vielzahl von Erfolgsfaktoren. Wir haben immer die Gesamtnutzung im Blick – linear, on Demand und wie die Nutzung über ein ganzes Jahr betrachtet aussieht. Darüber hinaus spielt für uns auch eine große Rolle, welche Aufmerksamkeit wir erhalten, wenn unsere Serien bei Preisen gewürdigt werden. Dies führt wiederum zu Möglichkeiten, unsere Serien für eine Auswertung ans Free-TV, an SVoD-Dienste oder ins Ausland zu verkaufen. All das berücksichtigen wir, wenn es um die Frage nach Erfolg geht.

    Mit „Add a Friend“ war TNT Serie der erste deutsche Pay-TV-Sender, der eine eigene Serie produziert hat. Mittlerweile sind mit Sky, Netflix und Prime Video viele weitere Anbieter auf dem Markt, die mittlerweile Serien am laufenden Band produzieren. Ist dies für Sie eher besorgniserregend oder belebt mehr Konkurrenz das Geschäft?

    Hannes Heyelmann: Die größte Herausforderung angesichts der Masse an Produktionen ist es, hervorzustechen. Als wir 2012 mit „Add a Friend“ an den Start gegangen sind, war uns alleine durch die Tatsache, dass ein Pay-TV-Sender eine Serie produziert, die Aufmerksamkeit sicher und es gab viel Vorschusslorbeeren. Das ist mittlerweile nicht mehr so, der Markt hat sich verändert. Es muss auf jeden Fall das Produkt an sich überzeugen.

    Anke Greifeneder: Wir leben im goldenen Serienzeitalter. Die Konkurrenz ist größer geworden, aber aus privater Sicht freue ich mich über die gestiegene Vielfalt, weil ich selbst große Serienliebhaberin bin. Letztendlich belebt es das Geschäft. Schauspieler, Regisseure, Autoren und Produzenten bekommen wieder mehr zu tun und können sich ausprobieren. Viele stürzen sich von einem Projekt in das nächste. Daher ist häufig die größte Herausforderung, einen Zeitraum zu finden, an dem alle Beteiligten für eine Produktion zur Verfügung stehen. Wir arbeiten gerne sowohl mit fest etablierten Darstellern und Produktionsfirmen wie Wiedemann & Berg als auch mit neu gegründeten Produktionsfirmen und Nachwuchstalenten zusammen und geben ihnen eine Chance, sich zu verwirklichen. Bantry Bay hat für uns „Weinberg“ produziert, good friends stand hinter „Arthurs Gesetz“ und „Andere Eltern“ stammt von eitelsonnenschein.

    „4 Blocks“

    Einen riesigen Erfolg haben Sie mit „4 Blocks“ gelandet. Die Gangster-Dramaserie entwickelte sich schnell zum Pflichtprogramm unter Serienfans. Dennoch haben Sie beschlossen, dass nach der kommenden dritten Staffel Schluss sein soll. Weshalb?

    Anke Greifeneder: „4 Blocks“ war eigentlich als abgeschlossene Miniserie geplant. Es war gar nicht vorgesehen, weitere Staffeln zu drehen. So gehen wir an die meisten Projekte heran, da uns die Erfahrung gelehrt hat, dass man eher alles gibt, wenn man nicht mit angezogener Handbremse produziert und bestimmte Dinge noch in der Hinterhand hält, sondern die gesamte Energie in eine einzige Staffel steckt. Wir wollen lieber mit neuen Serien Aufmerksamkeit generieren, als eine Serie ewig weitermachen. Es lassen sich auch leichter Schauspieler gewinnen, wenn sie wissen, dass sie nicht jahrelang für einen Zeitraum geblockt sind, sondern nur für eine Staffel. „4 Blocks“ hat uns allerdings so sehr überzeugt, dass wir weitermachen wollten – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es noch genug zu erzählen gibt und wir das Niveau halten können. Also haben wir uns zusammengesetzt und sind zu der Entscheidung gelangt, dass die Serie nach der dritten Staffel zu einem würdigen Abschluss gebracht werden kann. Wir wollen die Serie auf einem Hoch beenden und nicht zu einem späteren Zeitpunkt, an dem die Zuschauer sagen würden: „Hätten sie mal lieber früher aufgehört.“ Ich finde, das ist man einer Serie einfach schuldig.

    „Ponyhof“

    Eine Produktion von TNT Comedy, die mir sehr gut gefallen hat, war „Ponyhof“ mit Jeannine Michaelsen und Annie Hoffmann. Warum wurde die Show nach drei Staffeln nicht mehr fortgesetzt?

    Anke Greifeneder: Ich war auch großer Fan von „Ponyhof“! Ich habe die Show vor allem geliebt, weil sie innovativ und kreativ war und von zwei coolen Frauen getragen wurde. Das Format nicht fortzuführen war eine strategische Entscheidung zugunsten der fiktionalen Serien, worauf wir jetzt unseren Schwerpunkt gelegt haben.

    Hannes Heyelmann: Es war eine Frage der Prioritäten und momentan sehen wir mehr Möglichkeiten in der Fiction. Das kann sich auch wieder ändern, aber in den kommenden zwei, drei Jahren liegt unser Hauptaugenmerk auf der Produktion von Serien.

    Vielen Dank für das interessante Gespräch!

    Die siebenteilige Serie „Andere Eltern“ ist ab dem 19. März immer dienstags um 20.15 Uhr bei TNT Comedy zu sehen.

    Premieren-Event von „Andere Eltern“ in Köln

    19.03.2019, 11:30 Uhr – Glenn Riedmeier/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier ist Jahrgang '85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. "Bim Bam Bino", "Vampy" und der "Li-La-Launebär" waren ständige Begleiter zwischen den "Schlümpfen", "Familie Feuerstein" und "Bugs Bunny". Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. "Ruck Zuck" oder "Kaum zu glauben!". Auch für Realityshows wie den Klassiker "Big Brother" hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie "Die Harald Schmidt Show" und "PussyTerror TV", hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie "Eine schrecklich nette Familie" und "Roseanne", aber auch schräge Mysteryserien wie "Twin Peaks" und "Orphan Black". Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Helmprobst am 19.03.2019 14:37 via tvforen.de

      TV Wunschliste schrieb:
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      "Sobald Angst im Raum ist, stirbt Kreativität und Innovation"


      Dann muss ja eine Menge Angst im Raum sein wenn die Programmplaner der beiden Sender TNT Serie und TNT Comedy zusammensitzen...

      Über Stunden ein- und diesselbe Serie statt etwas Abwechlung, viele identische Serien wie im Free-TV statt Alternativ-Angebote, kaum Klassiker. Wenn man da zuschaut hat man eher den Eindruck, die beiden Sender machen sich zum Teil stärker von Quote abhängig als mancher Spartensender im Free-TV. Etwas besser - im Sinne von abwechslungsreicher - dürfte das Programm der beiden Kanäle ruhig sein, unabhängig von der Zahl der Eigenproduktionen.

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