NDR Story Folge 502: Sündenbock Reh – Wie viel Wild verträgt unser Wald?
Folge 502
Sündenbock Reh – Wie viel Wild verträgt unser Wald?
Folge 502 (45 Min.)
NDR Fernsehen NDR STORY – SÜNDENBOCK REH, „Wie viel Wild verträgt unser Wald?“ Hans-Martin Hauskeller, Landesforsten Niedersachsen: „Für den Harz haben wir die Notwendigkeit, die Abschüsse zu erhöhen.“
Bild: NDR/Büll
Eine spannende Dokumentation über die Frage, wie man mit Reh und Hirsch umgehen sollte und den Wald robuster macht. Zwischen Jägern und Förstern ist ein Streit um das Reh in deutschen Wäldern entbrannt. Viele Förster fordern, ein Drittel mehr Wild zu schießen, weil vor allem Rehe junge Pflanzentriebe abfräßen und so einen klimaresistenten Zukunftswald verhinderten. Außerdem gebe es eine Zunahme an Wildunfällen, die den Menschen gefährde. Jägerinnen und Jäger widersprechen. Sie befürchten, dass wirtschaftliche Interessen der Forstwirtschaft bei der Forderung nach höheren Abschüssen im Vordergrund stehen.
Reh und Hirsch stünden zu Unrecht am Pranger. Wer hat recht? In der „NDR Story“ sprechen Antje Büll und Felix Meschede mit Förstern, Waldbesitzern und Jägern. Rehe und Hirsche gehören fest zur deutschen Kulturlandschaft. Was kaum einer weiß: jährlich werden 1,3 Millionen Rehe und 80.000 Hirsche in Deutschland erlegt. Für viele Förster, die meist auch selbst jagen, ist das jedoch viel zu wenig. Sie sind überzeugt, die Rehe fressen die Knospen der jungen Bäume ab und behindern so den Waldumbau in einen klimaresistenten Mischwald.
„Wir haben deutschlandweit überhöhte Wildbestände, die dazu führen, dass der Wald sich nicht natürlich verjüngen kann, und das ist ein riesiger volkswirtschaftlicher Schaden“, so Moritz von Maltzahn, Waldbesitzer aus Mecklenburg-Vorpommern. Der Förster ist überzeugt, dass man auch mit einem ökologischen Mischwald forstwirtschaftlich Gewinne erzielen kann. Doch dafür, sagt er, verbringe er 20 Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Erlegen des Wildes. Auch im Harz starten Ende jeden Jahres die großen Treibjagden,
um möglichst viele Rehe und Hirsche zu schießen.
Die Landesforsten stehen unter Druck. Nach dem großen Fichtensterben müssen sie den Harz aufwendig aufforsten. Dabei störe vor allem der Hirsch, der Jungpflanzen anknabbere. „In den Niedersächsischen Landesforsten dient die Jagd dem Erreichen unserer waldbaulichen Ziele“, so Dr. Hans-Martin Hauskeller, Leiter der Abteilung Wald und Umwelt bei den Niedersächsischen Landesforsten. Ganz anders sieht es hingegen der Waldökologe Roland Pietsch, der den angrenzenden Nationalpark Harz leitet.
Er beobachte, dass sich der Wald zwischen den abgestorbenen Fichten auch ohne viel Jagd verjüngen könne. „Wir brauchen mehr Äsungsflächen statt mehr Abschuss“, sagt er. Sein Ziel ist es, im Nationalpark auf Jagd ganz zu verzichten. Doch mit den Förstern der angrenzenden Landesforsten gibt es dazu Streit. Viele Jäger sehen sich als Anwälte des Rehs und des Hirsches. Es sei zu einfach, den Wildtieren die Schuld zu geben, wenn der Waldumbau nicht funktioniere. Monokultur und Trockenheit seien schuld am schlechten Waldzustand.
Intensive Jagd führe zu Stress bei den Tieren, die deswegen mehr fräßen als sonst. Eine intensive Bejagung und stetig schrumpfende Lebensräume führten beim Hirsch zudem zu Inzucht und somit Missbildungen. Es brauche mehr Wildlenkung und lange Schonzeiten. Die NDR Autoren Antje Büll und Felix Meschede gehen dem „Wald-Wild-Konflikt“ auf den Grund. Sie begleiteten sechs Monate lang norddeutsche Jäger, Förster und private Waldbesitzer bei Wildbeobachtungen, Jagd, Pflanzungen und Fällarbeiten. Sie sprechen mit ihnen über ihre persönliche Einstellung zu Reh und Hirsch, ökonomische Ziele und gesellschaftliche Erwartungen. (Text: NDR)