Flugzeuge auf dem Weg zur dänischen Insel Bornholm sind hin und wieder von GPS-Störungen betroffen
Bild: Lennart Banholzer/NDR
Für Passagierflugzeuge über der Ostsee hat sich etwas verändert. Jeden Tag melden Piloten in dieser Region Störungen bei Navigationsgeräten. Systeme fallen einfach aus oder in den Cockpits ertönen schrille Warnungen, die sich als Fehlalarm herausstellen. Grund sind gezielte Störungen des satellitengestützten GPS. Ein Problem, das offenbar mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann und das neben dem Luft- auch den Schiffsverkehr betrifft. Viel deutet daraufhin, dass die Störungen ihren Ursprung etwa in der russischen Exklave Kaliningrad haben.
Wer genau verursacht sie – und warum? Diese „NDR Story“ beleuchtet die Auswirkungen, geht den Ursachen auf den Grund und fragt, ob und wie Europa sich dagegen wehrt. Der Film begleitet Piloten, die sich auf die neue Situation einstellen müssen. Einer von ihnen ist Oliver Quiter von der dänischen Airline DAT, die mit Regionaljets zur Ostseeinsel Bornholm vor Schweden startet. Auf dieser Strecke habe er in den vergangenen Jahren vier Mal Störungen bei der Navigation per Satellit erlebt, so der Pilot.
Und je näher man Russland oder der russischen Exklave Kaliningrad komme, desto häufiger träten sie auf, sagt der Pilot: „Ich weiß von Kollegen, die regelmäßig Richtung Finnland und ins Baltikum fliegen, dass sie es täglich haben.“ Wer verursacht die Störungen? In Polen treffen die NDR Reporter Lennart Banholzer und Simon Hoyme einen Forscher, der die Quellen der Störungen wissenschaftlich lokalisiert hat. Ihre Spur führt nach Russland. Den Erkenntnissen von Jaroslaw Cydejko von der Maritimen Universität Gdynia nach, gab es an der Küste der Exklave Kaliningrad in den vergangenen Jahren zwei Anlagen, von denen Störsignale ausgehen.
Sie sollen vom russischen Militär betrieben werden. In den vergangenen Monaten hat sich die Situation offenbar weiter verschärft, wie Jaroslaw Cydejko in der „NDR Story“ erklärt. Kürzlich habe er gemeinsam mit seinen internationalen Forschungskollegen eine dritte Störanlage ausgemacht: auf dem Wasser. Sorgen wegen abgeschalteter Sicherheitssysteme Die Probleme, die durch GPS-Störungen im Cockpit entstehen können, sind vielfältig.
Das beschreibt in der „NDR Story“ ein anderer Pilot: Niklas Ahrens fliegt für eine deutsche Airline auf Langstrecken und engagiert sich bei der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Es gebe zwei Störungsarten, erklärt er. Beim sogenannten Jamming falle das GPS-System an Bord einfach aus und die Piloten müssten für die Navigation Alternativen nutzen, etwa auf die Hilfe von Fluglotsen zurückgreifen.
Oft bis zur Landung. Noch gravierender sei das sogenannte Spoofing. Dabei werde das GPS-Signal nicht nur gestört, sondern gezielt verändert. „Wenn die GPS-Position verfälscht wird, kann es zu einer großen Zahl an Fehlwarnungen kommen“, so Pilot Ahrens. Um diese falschen Alarme zu verhindern, sei es üblich, ein wichtiges Sicherheitssystem im Cockpit abzuschalten. „Wir verhindern dadurch Fehlwarnungen. Andererseits nehmen wir uns aber auch das Sicherheitsnetz“, so Ahrens. Andere Alarmsysteme blieben aber aktiv.
Ramsey Faragher vom Royal Institute of Navigation in London stellt die Störung von GPS-Signalen in Konfliktzonen in Zusammenhang mit dem Vorgehen der russischen Streitkräfte. Es gehe dabei darum, Gegnern Angriffe mit Drohnen zu erschweren. Denn auch die nutzen in der Regel GPS. „Die Störungen reichen oft über Hunderte von Kilometern. Also weit über das Konfliktgebiet hinaus“, so Faragher. So ist es auch in der Ostsee, denn auch sie ist mittlerweile einer der Orte, an denen der russisch-ukrainische Krieg geführt wird.
Das liegt insbesondere an den russischen Ölexporten, die weitgehend über die Ostsee abgewickelt werden. Um der russischen Kriegswirtschaft zu schaden, greift die Ukraine tatsächlich immer wieder Häfen mit Drohnen an. Doch Russland stört nicht nur im Bereich der Ölhäfen das GPS. Die Störungen gehen auch von der russischen Exklave Kaliningrad aus und reichen teils bis in den deutschen Luftraum. Ist das ein hybrider Angriff? Die Reporter fragen nach, bei Florian Hahn (CSU), Staatsminister im Auswärtigen Amt: „Russland setzt damit ein deutliches Zeichen, will uns bedrohen, will zeigen, was es kann, will uns unter Druck setzen“, sagt er.
Wie wehrt Europa sich? Die deutsche Marine beobachtet die Situation offenbar mit Argwohn. Die Reporter der „NDR Story“ konnten exklusiv einen Verband von NATO-Schiffen bei einem internationalen Manöver zwischen Schweden und Deutschland begleiten. Der Kommandant der Korvette „Erfurt“, einem Kampfschiff, berichtete ihnen: „Jamming ist mittlerweile ein alltägliches Ereignis.“ Das liege auch daran, dass russische Kriegsschiffe in der Ostsee möglichst unbemerkt unterwegs sein wollen.
Aus Sicht der Marine ist es deshalb wichtig, die Situation genau zu verfolgen. Die Kommandeurin Inka von Puttkamer spricht in diesem Kontext vom „Lagebildaufbau“, also dem Sammeln von Informationen und Beobachtungen. Wichtig sei auch, Präsenz zu zeigen, denn auch das sei „Abschreckung gegenüber Russland“. Doch belässt Deutschland, belassen die EU und die NATO es dabei? Oder greifen sie auch selbst zu robusten Maßnahmen? Auch dieser Frage geht diese „NDR Story“ nach. (Text: NDR)