ARD History Folge 74: Die Freiheit, die Stasi und der Tod – Das kurze Leben des Matthias Domaschk
Folge 74
Die Freiheit, die Stasi und der Tod – Das kurze Leben des Matthias Domaschk
Folge 74 (90 Min.)
Am Freitag, dem 10. April 1981, steigen der 23-jährige Matthias Domaschk und sein Freund Peter Rösch gut gelaunt in einen Zug nach Ostberlin. Während in der Hauptstadt der DDR an diesem Wochenende der X. Parteitag der SED aufwändig zelebriert wird, wollen die beiden jungen Männer aus Jena zu einer Geburtstagsparty von Freunden. Die beiden werden Berlin nie erreichen. Zwei Tage später ist Matthias tot – gestorben in einem Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit. Er soll sich an seinem eigenen Hemd erhängt haben.
Matthias’ Familie und Freunde zweifeln bis heute am angeblichen Selbstmord des jungen Vaters. Zu vieles scheint merkwürdig. Die Staatssicherheit versucht nach Matthias’ Tod mit allen Mitteln, die Tragödie zu verschleiern und sogar seine Beerdigung geheim zu halten. Was ist am 12. April 1981 wirklich im Untersuchungsgefängnis passiert? Julia Deane, Matthias Domaschks Tochter, geboren 1976: „Ich will verstehen, was passiert ist. Und ich will auch verstehen, was war das für eine Gesellschaft, die das so hat geschehen lassen oder die dazu beigetragen hat.“ Stefanie Domaschk, Matthias Domaschks Schwester: „Diese Anpassung, die man in der DDR haben musste, um eben in bestimmten Positionen zu sein, da hat mein Bruder gesagt, das mach ich nicht mit, so verbiege ich mich nicht.
Diese Doppelzüngigkeit, die will ich nicht.“ Packend und zugleich komplex zeichnet die Dokumentation von Sabine Michel und Sonia Otto die Geschichte junger Menschen in der DDR, die einen anderen Lebensentwurf haben als ihre Eltern.
Sie wollen reisen, internationale Rockmusik hören und selbstbestimmt leben. Sie träumen von einem „freiheitlichen“ Sozialismus. Weil sie anders sind, geraten sie ins Visier der Staatssicherheit, die präventiv zuschlägt.
Bernd Roth, damals Hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS: „Man hat diese Leute als Dekadente aufgefasst, die möglicherweise dazu neigen könnten, in der DDR eine Opposition aufzubauen. Wenn du dafür warst, warst du auf der richtigen Seite.
Wenn du dagegen warst, warst du auf der falschen Seite.“ Politisiert durch die Gewalt der paranoiden Staatsmacht, treten Matthias Dommaschk und seine Freunde für ihre Rechte ein. Sie unterzeichnen 1976 den Appell der Künstler gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Renate knüpft Matthias Kontakte zu oppositionellen Bewegungen in der Tschechoslowakei und Polen. Renate Ellmenreich, Mutter der gemeinsamen Tochter Julia: „Matthias war sofort dafür, gegen die Biermann-Ausbürgerung zu unterschreiben und hat dann auch gesagt, wenn unser Kind mal fragt, was habt ihr denn gemacht? Dann können wir ihm in die Augen gucken und sagen, wir haben uns gewehrt, so gut wir konnten.
Wir haben nicht Nichts gemacht.“ „Die Freiheit, die Stasi und der Tod – Das kurze Leben des Matthias Domaschk“ ist ein Cold Case von aktueller Bedeutung. Die Schlüsselerlebnisse werden erstmalig multiperspektivisch von seinen wichtigsten Angehörigen und Freunden, durch private Dokumente und durch Einblicke in den Apparat der Staatssicherheit erzählt.
Umfangreiches Film- und Foto-Archivmaterial und animierte Szenen nehmen uns mit auf eine Zeitreise in das Leben der 70er und 80er Jahre in der DDR. Wir lernen Matthias als einen Menschen kennen, mit dem wir uns identifizieren können. Seine Träume und kritischen Haltungen damals sind auch für junge Menschen heute leicht nachzuempfinden. Die Frage nach der individuellen Verantwortung des Einzelnen in einer Gesellschaft stellt sich uns allen heute wieder mehr denn je. (Text: ARD)