37 Grad
    • Folge 954 (30 Min.)
      Bild: ZDF und Stefan Sick.
      Rösli und Joachim Völker besuchen eine Vorlesung der Uni Heidelberg. – © ZDF und Stefan Sick.

      Das Alter – eine körperlich und seelisch herausfordernde Lebensphase. Wie schafft man es, das Leben wertzuschätzen und gleichzeitig loszulassen? Was ist mit Glück und Zufriedenheit? Vier Menschen zwischen 77 und 94 meistern das Alter: Persönlich, verletzlich und zugleich humorvoll geben sie Einblick in ihren Alltag. Mit welcher Haltung begegnen sie dem Leben, das Einschränkungen, aber doch auch noch einige Möglichkeiten für sie bereithält? Rösli (77) und Joachim Völker (78) aus Sinsheim bei Heidelberg sind seit fast 50 Jahren ein Paar. Sie haben schwere, durch Krankheit geprägte Zeiten durchgestanden. Ihre Vergangenheit bezeichnet Rösli als „Krieg und Frieden“, ihre Liebe beschreibt sie so: „Am Anfang ist es ein Feuer, das hochlodert, aber es darf natürlich kein Strohfeuer sein, dann geht’s zu schnell wieder aus. Im Laufe der Zeit werden die Flammen kleiner, und im Alter ist es nur noch eine beständige Glut, die aber auch immer noch entfacht werden kann.“ Dem Alter versucht das Paar möglichst positiv zu begegnen und stellt sich ihm auf unerschrockene Weise. Kraft und Zuversicht hierfür schöpft es aus seinem Glauben. Hubertus Mangold (83) ist ehemaliger Schuldirektor und eine echte Sportskanone. Fast täglich geht der Freiburger joggen, fährt Mountainbike oder macht lange Wanderungen durch den Schwarzwald. Früher war er Extremsportler. „Ich bin ein Einzelgänger“, sagt er über sich selbst. Trotzdem ist er verheiratet, Kinder hat er keine. Über seine Frau spricht er wenig. Sie sei an einem alten Kriegsleiden erkrankt, erklärt er. Mehr nicht. Trotz dieses Schicksals nimmt er alles im Leben „als eine Herausforderung an“ und freut sich darüber, wenn er wieder einmal etwas beweisen kann. Einmal in der Woche leitet er eine kleine Altherren-Gymnastikgruppe. Eineinhalb Stunden fordert er die teilweise 30 Jahre jüngeren Sportskollegen – und macht klar: „Wir trainieren so hart wie die Fremdenlegion.“ Friedrich Kremer ist 94 Jahre alt und lebt in Duisburg. Der frühere Versicherungsbeamte ist vor Kurzem in ein Seniorenzentrum gezogen. Eine Entscheidung, die er so will. Seit seine Frau vor über zehn Jahren starb, wurde ihm das gemeinsame Haus nach und nach zu einsam. Deshalb ist er dort ausgezogen, bevor er seinen Kindern zur Last fällt. Ein letztes Mal geht er durch sein Haus, in dem er mehr als 60 Jahre seines Lebens verbracht hat. Beim anschließenden Notar-Termin verkauft er es wehmütig, aber auch stolz an ein junges Paar. Auch wenn ihn manchmal die Trauer um Verlorenes überfällt, sagt er: „Ich bin zufrieden, wie es ist.“ (Text: ZDF)

      Deutsche Erstausstrahlung: Di 27.11.2018 ZDF
    • Folge 955 (30 Min.)
      Bild: ZDF und Torsten Lapp.
      Beim Verzeihen gibt man den Anspruch auf Rache und Genugtuung auf. Petra J. ist das gelungen. Sie hat dem Mörder ihrer elfjährigen Tochter verziehen. Vor allem, um weiter leben zu können. Kein Opfer mehr zu sein. – © ZDF und Torsten Lapp.

      Kann man die Ermordung des eigenen Kindes verzeihen? Und soll man den Täter treffen und ihm in die Augen sehen? Der Film zeigt Angehörige, die um diese Fragen ringen. Dass Angehörige von ermordeten Kindern sich als Opfer fühlen und mit der Schuldfrage herumplagen, genauso wie mit kraftraubenden Rachegefühlen und tiefer Traurigkeit, liegt nahe. Doch es sind vor allem die offenen Fragen, die sie in der Trauer feststecken lassen. Sigrids Sohn Samuel wurde zusammengeschlagen und zu Tode geprügelt. Der 25-Jährige starb an seinen Verletzungen. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Täter: zwei junge Männer, die – über den Ausgang der Prügelei schockiert – sagten: „Bisher sind sie doch immer wieder aufgestanden.“ Sigrids Gedanken kreisten jahrelang um die Täter: „Man will wissen, wer einem das Kind genommen hat.“ Dann entscheidet sie sich – nach einem langen Antragsprozess -, den Tätern in die Augen zu sehen. Tatsächlich wurde ihr schließlich der Besuch im Gefängnis genehmigt. Beide Täter erklärten sich bereit, mit ihr zu sprechen. Für Sigrid war es in dieser Situation wichtig, dass der Mörder die Verantwortung für seine Tat übernimmt, bestenfalls eine echte emotionale Betroffenheit erkennbar ist. Petra hat es geschafft. Sie hat dem Mörder ihrer Tochter verziehen, auch wenn sie nie die Möglichkeit hatte, ihm in die Augen zu schauen. Ihre damals elfjährige Tochter Lisa wurde im türkischen Alanya von einem Ladenbesitzer umgebracht. 14 Jahre ist das her, in denen Petra sich viel mit der vermeintlich eigenen Mitschuld beschäftigt hat. „Ich habe mein Kind nicht beschützt. Das hat mich lange gequält.“ Doch nicht sie hat ihr Kind umgebracht, sondern der Täter. Die Gespräche mit Menschen, denen es ähnlich erging, und das Ringen um den Entschluss, zu vergeben, haben Petra verändert. Petra führt jetzt ein anderes Leben, eines, in dem sie wieder glücklich sein kann. Dass sie dem Täter verzeihen konnte, spielt dabei eine große Rolle: „Wenn ich damit keinen Frieden hätte schließen können, dann wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Es geht mir wieder gut.“ (Text: ZDF)

      Deutsche Erstausstrahlung: Di 04.12.2018 ZDF
    • Folge 956
      Bild: ZDF und Nadja Kölling.
      Bruno (70) bessert mit dem Pfandsammeln nicht nur seine kärgliche Haushaltskasse auf. Er schätzt am Flaschensammeln auch die sozialen Kontakte und die Bewegung. – © ZDF und Nadja Kölling.

      In den letzten Jahren hat sich das Flaschensammeln zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelt: Warum wühlen Menschen für ein paar Cent in Mülleimern? „37°“ begleitet drei Pfandjäger. Burkhard (79), Nicole (57) und Bruno (70) bessern mit dem Pfand nicht nur ihre schmale Haushaltskasse auf. Sie schätzen am Flaschensammeln auch die Bewegung, die sozialen Kontakte und die feste Tagesstruktur. Alle drei sind Flaschensammler aus Überzeugung. Burkhard aus Hannover ist ein klassischer „Lebenskünstler“: Er hat als Bildhauer gearbeitet, einen Flohmarkt organisiert, war Musiker. Seit fast zwölf Jahren – seit er eine kleine Rente bezieht – sammelt Burkhard nachts am „Café Glocksee“ die Pfandflaschen des Partyvolks. Mit seinem Einkaufswagen steht Burkhard im Hof und unterhält sich mit den jungen Leuten. Inzwischen ist er dort zu einer Art Kultfigur geworden. Das Flaschensammeln hilft Burkhard, seinen Tag zu strukturieren: „Jetzt ist Flaschensammel-Zeit, dann Flaschenwegbring-Zeit, so hat man immer was zu tun. Und so ist man im Leben drin, ich könnte mir nicht vorstellen, im Altersheim am Stadtrand darauf zu warten, dass das Essen kommt.“ Burkhard lebt allein, seine sozialen Kontakte finden hauptsächlich im Umfeld des Cafés statt. 2017 hatte Burkhard einen Herzinfarkt, seitdem braucht er mehr Ruhe und ist nicht mehr so fit: „Das Flaschensammeln bringt mich in Bewegung, raus aus dem Haus, unter Menschen. Das tut mir gut, sonst wird man immer schlaffer. Und dann verdiene ich auch noch ein bisschen was dabei.“ Aber wie lange wird Burkhard das noch gesundheitlich schaffen? Nicole stammt aus Düsseldorf. „Am Anfang hatte ich massive Hemmungen, in einen Mülleimer zu greifen. Aber wenn Sie nicht reingreifen, kriegen Sie nichts, da muss man drüber weg. Manche Leute gucken dann weg, andere gucken mitleidig, aber meistens wird man gar nicht gesehen – weil Armut unsichtbar macht.“ Seit 2011 ist die diplomierte Sozialarbeiterin aufgrund eines schweren Rückenleidens und eines Wirbelimplantates erwerbsunfähig. Sie kann keinem normalen Job mehr nachgehen, weil sie unter chronischen Schmerzen leidet. Und plötzlich blieben der alleinerziehenden Mutter nach Abzug ihrer Fixkosten nur noch knapp 100 Euro im Monat. So begann sie mit dem Pfandsammeln: „Ich kann nichts anderes machen, aber das ist eine ehrliche Arbeit. Ich trinke nicht, ich nehme keine Drogen, ich prostituiere mich nicht. Wofür sollte ich mich schämen?“ Nicole ist es gewohnt, zu kämpfen, sich durchzubeißen. Ihr Sohn ist längst ausgezogen, aber Flaschen sammelt Nicole noch immer. So oft es ihre Gesundheit zulässt, verlässt sie um 4:30 Uhr ihre Wohnung in „Arbeitskleidung“ und sucht die Straßen ab, sie durchwühlt knapp 250 Mülleimer nach Leergut. „Ich will mir einmal im Monat eine Tasse Kaffee leisten, ohne überlegen zu müssen, was ich morgen zu Mittag esse.“ Bruno kommt an richtig guten Tagen auf einen Stundensatz von knapp fünf Euro. Acht Cent bringen Glasflaschen, 15 Cent Mehrwegflaschen und PET-Flaschen sogar 25 Cent: Edelpfand nennt er das. „Das ist schon hart – andererseits liegt da bares Geld auf der Straße, und das einfach liegen lassen? Kann ich auch nicht.“ Brunos Revier ist die Reeperbahn auf St. Pauli. Er sammelt, wenn die anderen feiern: von Mitternacht bis morgens früh. „Ich sammele, wenn es am ökonomischsten ist. Jetzt ist der meiste Krach, da kann ich eh nicht schlafen. Dann gehe ich halt spazieren, bleibe agil und verdiene dabei Geld.“ Die Konkurrenz unter Pfandsammlern ist groß, nicht selten kommt es zu „Revierkämpfen“ untereinander. Und auch betrunkene Kiezbesucher gehen die Sammler oft aggressiv an. Bruno versucht, sich aus allem Ärger rauszuhalten. 2008 kam er aus dem Osten nach Hamburg, um hier einen Job zu finden. Trotz seiner drei Ausbildungen fand er nichts, für ihn ein herber Schlag. Mit dem Pfandgeld besserte er seine Haushaltskasse auf. Inzwischen ist er in Rente und lebt von 800 Euro im Monat. „Von dem Flaschengeld kann ich mir ab und zu ein Highlight gönnen, wie im Restaurant zu essen. Das tut der Seele gut, und danach geht es mir besser.“ Die Miete in Hamburg kann er sich nicht mehr leisten, daher muss er umziehen, in eine kleine Wohnung im sächsischen Görlitz. Dort will er neu anfangen. Der Film taucht ein in das Flaschensammler-Milieu und begleitet Burkhard, Nicole und Bruno ein halbes Jahr lang in ihrem Alltag. (Text: ZDF)

      Deutsche Erstausstrahlung: Di 11.12.2018 ZDF