WDR Story Folge 26: Wenn der Partner zuschlägt – Häusliche Gewalt in NRW
Folge 26
Wenn der Partner zuschlägt – Häusliche Gewalt in NRW
Folge 26 (45 Min.)
25 Jahre lang hat die schmale, blonde Frau die Schläge und Demütigungen ihres Partners ertragen. Dann hatte sie endlich die Kraft, in ein Frauenhaus zu flüchten. „Du stirbst von innen. Er hat meine ganze Seele kaputt gemacht.“ Sie ist kein Einzelfall. 2025 gab es laut Landeskriminalamt 67.508 Opfer häuslicher Gewalt. Ein neuer Höchststand. Und nur fünf Prozent der Taten werden überhaupt angezeigt. Marion Steffens kennt viele hässliche und traurige Geschichten. Sie betreut seit mehr als 30 Jahren Opfer häuslicher Gewalt und hat 1992 ein Frauenhaus im Ennepe-Ruhrkreis mitgegründet.
Nicht nur für die Frauen ein Zufluchtsort, sondern auch für ihre Kinder. „Die erleben, wie die Mutter geschlagen wird, die bekommen mit, wie sie niedergebrüllt wird. Teilweise werden Kinder zu sexuellen Übergriffen mit hinzugezogen, um sich das anzugucken oder sollen sich an den Demütigungen der Mutter beteiligen,“ erzählt Marion Steffens. Deshalb werden in ihrem Frauenhaus die Kinder sehr intensiv begleitet. Den gewalttätigen Partner zu verlassen, ist aber nicht einfach. Denn die Frauen und ihre Kinder müssen alles zurücklassen: den Job, die Schule, das Zuhause, die Freunde.
Und einen Platz im Frauenhaus zu finden, ist schwierig. In NRW gibt es momentan 70 geförderte Frauenhäuser mit 708 Plätzen für Schutzsuchende. Zu wenige, sagt Marion Steffens. Immer wieder muss auch sie Frauen
abweisen. Viele Frauen, die geschlagen werden, sprechen nicht darüber. „Sie schämen sich, fühlen sich minderwertig“, weiß Marion Steffens. Ärzte sind häufig diejenigen, denen blaue Flecken oder andere Verletzungen auffallen. An der medizinischen Fakultät in Münster müssen Studenten deshalb im 7. Semester ein Seminar zum Thema häusliche Gewalt belegen.
Das gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Für Projektleiterin Bettina Pfleiderer eine Herzensangelegenheit: „Betroffene gehen irgendwann zum Arzt. Und da kommt es darauf an, dass wir dann die Ersthelfenden sind.“ Aber wie soll die Betroffene geschützt werden, wenn sie dann keinen Platz im Frauenhaus findet? In NRW kann die Polizei einen Täter für 14 Tage der Wohnung verweisen und ein Rückkehrverbot aussprechen. Im Juni 2026 hat außerdem der Bundesrat strengere Maßnahmen gegen häusliche Gewalt beschlossen, darunter elektronische Fußfesseln und Anti-Gewalt-Kurse für Täter.
NRW-Justizminister Benjamin Limbach reicht das nicht. Er fordert eine Umsetzung des spanischen Modells: Spanien hat Gerichte, die auf geschlechtsspezifische Gewalt spezialisiert sind. Es gibt eine landesweite polizeiliche Datenbank, die das Risiko für die Opfer einschätzt und Schutzmaßnahmen festlegt. Ein Vorbild auch für Marion Steffens. Sie hat zusammen mit anderen ein Netzwerk gegründet z.B. mit Jugendämtern und Polizei, um Frauen besser schützen zu können. (Text: WDR)