TV-Kritik „Snatch“: Stilgetreue Serienadaption von Guy Ritchies Kultfilm wirkt wie ein Relikt vergangener Zeiten

    Immer noch Schweine, immer noch Diamanten

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 22.05.2017, 12:18 Uhr

    Der Cast von „Snatch“: (v.l.) Rupert Grint, Phoebe Dynevor, Ed Westwick, Lucien Laviscount, Luke Pasqualino und Stephanie Leonidas – Bild: Crackle
    Der Cast von „Snatch“: (v.l.) Rupert Grint, Phoebe Dynevor, Ed Westwick, Lucien Laviscount, Luke Pasqualino und Stephanie Leonidas

    In der jüngeren Filmgeschichtsschreibung gilt der britische Regisseur Guy Ritchie als erster und erfolgreichster Epigone von Quentin Tarantino. Letzterer hatte in den Neunzigerjahren das Genre der postmodern-ironischen, blutig grundierten Gangstergroteske erfunden, und „Bube, Dame, König, grAs“, Ritchies Kinodebüt, war 1998 so etwas wie die Londoner Antwort auf „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“. Noch erfolgreicher wurde dann „Snatch“, der Ritchie im Jahr 2000 auch in den USA einen Hype bescherte, nicht zuletzt, weil er darin Brad Pitt einen seiner groteskesten Leinwandauftritte bescherte (als irisch nuschelnder Pavee-Boxer), sondern auch, weil er darin Tote an grunzendes Borstenvieh verfüttern ließ und haufenweise trottelige Kleinganoven in absurde Szenarien verstrickte. Der deutsche Verleih-Untertitel „Schweine und Diamanten“ klang zwar dämlich, fasste den hochenergetisch inszenierten Film freilich bestens zusammen.

    17 Jahre später wirkt Ritchies auf größtmögliche Coolness ausgelegter Inszenierungsstil, der mit wilden Cuts, Raffern, Zeitlupen und pausenloser Musikbeschallung immer auch ein bisschen so, als habe da jemand alles mal ausprobieren wollen, was die Editierprogramme hergeben, leicht antiquiert. In den Nullerjahren gab es derart viele Tarantino- und Ritchie-Epigonen, dass man irgendwann keine Filme mit popkulturell daherquatschenden Gangstern mehr sehen wollte. Auf Ritchies patentierte Stilmittel kann heute jeder YouTuber bequem zurückgreifen, sein jüngst krachend gefloppter Kinofilm „King Arthur“ demonstriert zudem, dass seine Art, Kino zu machen, heute nicht mehr ganz vorne ist, sondern eher ziemlich weit hinten.

    Dennoch hat der zu Sony gehörende Streamingdienst Crackle nun eine Serie herausgebracht, die in look and feel auf Ritchies Hit „Snatch“ basiert. Die Handlung ist allerdings neu, eine Taktik, die sich spätestens seit „Fargo“ als gewinnbringende Idee erwiesen hat. Wie sollte man auch die inhaltlich zwar konfuse, aber nicht eben dicke Bretter bohrende Handlung von „Snatch“ auf zehn Episoden strecken? Umgesetzt worden ist das Projekt vom britischen Autor Alex De Rakoff, der in den Neunzigern Musikvideos drehte und später unbedeutende Filme aus dem Segment eben jenes Ritchie-Epigonentums. Rakoff scheint seine Vorlieben nicht geändert zu haben, denn in „Snatch“, der Serie, schickt er, als wäre die Jahrtausendwende gerade erst gewesen, drei unbeholfene Kleinganoven in Situationen, die so aussehen, als hätte jemand die Plots und Figuren aus „Bube, Dame … “, „Snatch“ oder „Rock’n’Rolla“ auseinandergefriemelt und dann neu zusammengesetzt – dabei allerdings die knorzigen Hauptdarsteller von damals (Jason Statham, Vinnie Jones und Co.) durch teenkompatible Jungstars ersetzt. Diese müssen jetzt leicht ineinander verschobene Neuversionen von Turkish, Tommy, Mickey O’Neil und den anderen Charakteren verkörpern. Sie heißen anders, sind jünger, auch ihre bekannten Merkmale wurden neu verteilt.

    So gibt also Schönling Luke Pasqualino („Die Musketiere“) den verkrachten Albert Hill, der unter seinem Lebensmotto „Fake it until you make it!“ wohlfrisiert und in frisch gebügeltem Anzug einen auf Hustler und Boxpromoter macht, eigentlich aber tief in Schulden steckt und seiner Mutter Lily (Juliet Aubrey aus „The White Queen“) mit allerlei Hilfsarbeiten mehr schlecht als recht unter die Arme greift, wenn es darum geht, ihren Blumenladen namens „The Lone Arranger“ im Londoner East End zu retten. Der Halb-Pavee Billy Ayres, gespielt von Lucien Laviscount („The Bye Bye Man“), tritt für ihn im Boxring an – als einziger Klient. Beider Freund ist Charlie Cavendish-Scott, ein in extravaganten Klamotten umherstolzierender Parvenü aus adeligem Hause, der seine Steilvorlage qua Geburt am liebsten ignorieren würde und stattdessen mit Vanille und Kardamom parfümierten Billigwodka zur Hipster-Spirituose umetikettiert. Unehrlich reich sein kann man doch auch aus eigener Kraft! Ihn spielt Rupert Grint, bekannt als Ron Weasley aus den acht „Harry Potter“-Filmen. Als ausführender Produzent hat er sich hier seine erste Serienrolle zurechtgeschnippelt – und das nicht ohne Geschick, denn sein Charlie erweist sich schnell als eine der wenigen erinnerungswürdigen Figuren in diesem nicht eben originellen Szenario. (Die Tatsache, dass aus dem Hogwarts-Knirps in gefühlter Windeseile ein leicht verlebt aussehender Komödiant mit schütterem Rothaar geworden ist, geht durchaus als Memento Mori durch. Mit seinem Schauspielstil der gekonnt verzögerten Reaktion erinnert Grint nicht nur optisch an Simon Pegg.)

    Rupert Grint als Charlie Cavendish in Snatch
    Rupert Grint als Charlie Cavendish in Snatch

    Erzählerisches Prinzip der Serie ist es, wie in Ritchies Filmen, die letztlich sehr sympathischen Amateurverbrecher aus dem Londoner Kleinkriminellenmilieu in Situationen zu manövrieren, die eine deutliche Nummer zu groß für sie sind. In der Pilotfolge verschlimmert sich ihre Lage erst dadurch, dass sie sich bei einem manipulierten Boxkampf verheben, danach überfallen sie (mit Schweinemasken!) einen Transporter, in dem sich zu ihrer Überraschung eine große Anzahl riesiger Goldbarren befindet. In der zweiten Folge sollen sie drei orthodoxe Juden aus Brooklyn vom Flughafen Gatwick (und ihre Diamanten!) sicher zum Käufer eskortieren, doch die Besucher werfen Ecstasy ein und wollen in den Puff. Natürlich geht erneut alles schief.

    Als Verbrecher mit Agenda positionieren sich im Dunstkreis der korrupte Cop Bob Fink (Marc Warren, „Hustle“) sowie der kubanische Verbrecherkönig Sonny Castillo (eher lächerlich: Ed Westwick aus „Gossip Girl“), der Kokshaufen wegschnieft wie sonst nur Scarface und in dessen Laden namens „El Flamingo“ Videoscreens mit Flamingos flimmern. Anders als in den Ritchie-Filmen gibt es diesmal sogar Frauen in tragenden, wenn auch nicht besonders tiefschürfenden Rollen: Castillos Freundin Lotti (Phoebe Dynevor) scheint ein ebenso doppeltes Spiel zu spielen wie Goldhändlerin Chloe (Stephanie Leonidas aus „Defiance“), in die Charlie sich verliebt. Überhaupt: Doppelte Spiele spielen hier eigentlich alle. Was jene interessant macht, die keines spielen.

    Manchmal scheint es dabei so, als hangelte sich das eher sketchartig arrangierte Geschehen von Anspielung zu Anspielung auf die Ritchie-Filme, sowohl szenisch als auch begleitmusikalisch. Schon im Prolog ist eine Coverversion des The-Clash-Hits „Bankrobber“ zu hören, der einst auch in „Rock’n’Rolla“ eine wichtige Rolle spielte. Der Song läuft natürlich nicht ohne Grund: Alberts Vater Vic ist Bankräuber von Beruf, verabschiedete sich aber ins Gefängnis, als sein Sohn noch ein Knirps war. Dort hält er fröhlich per FaceTime bildtelefonischen Kontakt zu Lily und Albert, während er weiter krumme Dinger organisiert und es sich gutgehen lässt: mit Lachsfrühstück und treuem Diener (Tamer Hassan). Als Vic ist, mit einiger Selbstironie und Verkleidungsfreude, Dougray Scott zu sehen, Tom Cruises Gegner aus „Mission Impossible II“. Er darf auch die dicke Hornbrille weitertragen, die im Film der fiese Brick Top auf der Nase hatte.

    Zitate, Action, Style: Rakoff und sein Regisseur Nick Renton, ein TV-Routinier, sind mit aller Macht bemüht, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Doch bei all dem aufgeregten Gerenne durch Londons Halbwelt (gedreht wurde netterweise in Manchester) stellt sich bald die Sinnfrage – gerade weil die Macher so beflissen versuchen, den in die Jahre gekommenen Ritchie-Stil mit jeder Menge Splitscreens, Jumpcuts, Wischblenden, eingeblendeten Textnachrichten und Zeitraffern zu imitieren. Man kann sich nicht helfen: Es wirkt derivativ, zu oft gesehen, oll, besonders auch, da die Gags zu oft auf dumpfes Junggesellenabschiedsniveau hinabsinken. Insgesamt ist hier also eine Serie entstanden, die allenfalls solchen Gangsterkomödienfans als „originell“ zu empfehlen wäre, die mit Tarantino und/oder Ritchie bislang noch nie in Kontakt geraten sind – oder aber derart nostalgisch davon umweht sind, dass sie nach all den Jahren immer noch Nachschub brauchen. Alle anderen dürfen ziemlich bald ratlos mit der Schulter zucken: Wer braucht’s?

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Snatch“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    © Alle Bilder: Crackle

    Die Serie wurde am 16. März 2017 auf dem Streamingdienst Crackle verfügbar gemacht. In Deutschland startet sie am 23. Mai 2017 auf Sonys deutschem Pay-TV-Sender AXN.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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