„One of Us Is Lying“: Young-Adult-Thriller scheitert an eigenen Stereotypen – Review

    Mix aus „Breakfast Club“, „Gossip Girl“ und „Pretty Little Liars“ liefert wenig Neues

    Jana Bärenwaldt
    Rezension von Jana Bärenwaldt – 15.10.2021, 17:30 Uhr (erstmals veröffentlicht am 12.10.2021)

    „One of Us Is Lying“ – Bild: Peacock
    „One of Us Is Lying“

    Fünf Schüler müssen gemeinsam nachsitzen, aber nur vier von ihnen verlassen den Raum lebend. Das ist die Prämisse der neuen Peacock-Serie „One of Us Is Lying“, basierend auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Karen M. McManus. Jennifer Morrison („Dr. House“, „Once Upon a Time – Es war einmal…“) führte bei der Pilot-Folge Regie. Das Opfer ist der 17 Jahre alte Simon Kelleher (Mark McKenna), ein nerdiger Außenseiter, der während des Nachsitzens einen allergischen Schock erleidet. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass das grausame Ereignis kein Unfall, sondern Mord war. Und an Verdächtigen mangelt es wahrlich nicht, da Simon der meistgehasste Schüler der Bayview High war.

    Simon ist in „One of Us Is Lying“ der Erzähler und so etwas wie das „Gossip Girl“ aus der gleichnamigen Serie, nur dass seine Identität ein offenes Geheimnis ist. Auf seinem Blog About That veröffentlicht er regelmäßig die Fehltritte und schmutzigen Geheimnisse seiner Mitschüler. Er sieht sich als moralische Instanz und entlarvt seine Klassenkameraden nur allzu gern als die Heuchler, die sie in seinen Augen sind. Für das neue Schuljahr werden in einem mysteriösen Post vier besonders brisante Enthüllungen für das Ende der Woche angekündigt.

    Es beginnt als harmloses Nachsitzen. Peacock/​NBC

    Bei der geheimnisvollen Ankündigung kommen die entfernt an Spencer Hastings (Troian Bellisario) aus „Pretty Little Liars“ erinnernde Überfliegerin Bronwyn (Marianly Tejada), Baseball-Spieler Cooper (Chibuikem Uche), Cheerleaderin Addy (Annalisa Cochrane) und der Kleinkriminelle Nate (Cooper van Grootel) besonders ins Schwitzen. Sie alle haben Geheimnisse, die sie um jeden Preis zu schützen versuchen und erkennen diese in den Andeutungen auf dem Blog. Eben diese Vier finden sich am Ende des ersten Schultags gemeinsam mit Simon beim Nachsitzen wieder und werden im Zuge der Ermittlungen zu den Hauptverdächtigen in dem Fall.

    Dabei werden nach und nach die Geheimnisse der vier Schüler aufgedeckt, die jedem von ihnen ein Motiv für den Mord geben. Und hierin liegt auch schon die größte Stärke der Serie: Die Handlung ist (zumindest nach den ersten zwei Folgen) nicht vorhersehbar. Jeder der Schüler ist gleichermaßen verdächtig und durch die vielen Wendungen rückt jeder abwechselnd in den Fokus. Das Tempo der Handlung ist schnell und packend, aber nicht überstürzt, sodass der Zuschauer von Anfang an einen leichten Zugang zu der Geschichte findet. Gebannt verfolgt man die Entwicklungen, hat Spaß beim Rätseln um den Mörder und tappt doch die meiste Zeit im Dunkeln.

    Was man als Zuschauer aber nahezu von Beginn an weiß, sind die Geheimnisse von Bronwyn, Cooper, Addy und Nate. Und die sind so wenig interessant oder innovativ wie die Figuren selbst. Ironischerweise spricht Simon genau das innerhalb der ersten zehn Minuten der ersten Episode aus: Dieser Ort ist so ein Klischee. Es ist, als ob jeder hier ist, um für die Neuauflage eines John-Hughes-Films vorzusprechen. Dabei verweist er auf die stereotypen Cliquen auf dem Campus der Schule, die sich in ähnlicher Manier zusammensetzen wie in Highschool-Filmen wie „10 Dinge, die ich an dir hasse“.

    Janae (Jessica McLeod) und Simon (Mark McKenna) fühlen sich ihren Mitschülern überlegen. Peacock/​NBC

    John Hughes ist der Schöpfer des gleichsam erfolgreichen wie einflussreichen Coming-of-Age-Films „Breakfast Club – Der Frühstücksclub“, welcher die hauptsächliche Inspiration von Autorin Karen M. McManus für ihren Roman war. Der Film gilt nicht zuletzt wegen seiner einprägsamen Stereotypen von Streber, Sportler, Prinzessin, Rebell und Außenseiter als genreprägend. Auf Simons Kritik hin antwortet seine beste Freundin Janae (Jessica McLeod), dass keiner von ihren Mitschülern wüsste, wer überhaupt John Hughes sei.

    Das gilt vielleicht für die Figuren in der Serie, nicht aber für die Produzenten von „One of Us Is Lying“. Nicht umsonst findet man auch in der Peacock-Serie die Stereotypen von Streberin, Sport-Ass, Beauty Queen, Bad Boy und Außenseiter vertreten. Soweit so gut, schließlich muss man bestimmte Tropes aus der Film- und Serienwelt auch erst einmal anerkennen, um anschließend mit den Motiven spielen zu können. Das gelingt dem Young-Adult-Thriller aber nur sehr bedingt.

    Besonders der Transfer in die Neuzeit gestaltet sich dabei schwierig. Vieles wirkt einfach veraltet und merkwürdig fehl am Platz. Muss eine Nebenhandlung über ein Outing in einer Serie aus dem Jahr 2021 wirklich noch so dramaturgisch überspitzt dargestellt werden? Wären nicht überall die Smartphones präsent, könnte „One of Us Is Lying“ auch Anfang der 2000er spielen. Natürlich werden die einzelnen Stereotypen in seltenen Momenten auch aufgelockert, im Endeffekt gelingt der Sprung in die Metaebene jedoch nicht und die fünf Schüler wirken mehr wie Archetypen statt selbstreferentielle Weiterentwicklungen der Rollen, die sie repräsentieren.

    Bad Boy Nate (Cooper van Grootel), Sport-Ass Cooper (Chibuikem Uche), Außenseiter Simon (Mark McKenna), Cheerleaderin Addy (Annalisa Cochrane) und Streberin Bronwyn (Marianly Tejada) Peacock/​NBC

    So beschleicht einen oft das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben. Zum Glück bringt die Handlung durch die vielen Rückblenden und Twists genug frischen Wind in die Serie, und die Jung-Darsteller können trotz ihrer stereotypen Figurenzeichnung überzeugen. Im Laufe der ersten zwei Folgen verdichten sich die Hinweise, dass jemand den Mord von langer Hand geplant hat, und es kein Zufall war, dass sich ausgerechnet Bronwyn, Cooper, Addy und Nate zusammen mit Simon beim Nachsitzen eingefunden haben. Das gegenseitige Misstrauen ist also einerseits groß, andererseits sitzen die unterschiedlichen Jugendlichen damit aber auch im selben Boot. Oder etwa doch nicht?

    Unterm Strich ist „One of Us Is Lying“ eine unterhaltsame Young-Adult-Serie mit einer von vielen Wendungen geprägten Handlung und überzeugenden Jung-Darstellern, die sich aber letztendlich in den selbst gewählten Stereotypen verheddert und sich dadurch nicht über ihre eigene Mittelmäßigkeit erheben kann. Im Endeffekt fehlt der Serie einfach das gewisse Etwas, mit dem sie sich von anderen Highschool-Dramen absetzen kann. Die Handlung ist spannend genug, um den Zuschauer bei der Stange zu halten und eignet sich perfekt für einen Serienmarathon an einem verregneten Herbst-Wochenende, jedoch wird die Serie für die meisten ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten, wie sie diese durchgebingt haben.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die ersten drei Episoden von „One of Us Is Lying“ wurden am 7. Oktober bei Peacock, dem US-Streaminganbieter von NBCUniversal veröffentlicht. Am 14. Oktober erscheinen die nächsten drei Folgen, bevor am 21. Oktober die beiden finalen Episoden laufen. Ein deutscher Ausstrahlungstermin ist bisher noch nicht bekannt, jedoch wurde zuletzt bekannt, dass Peacock ohne weitere Zusatzkosten im Rahmen von Sky nach Deutschland kommen soll (fernsehserien.de berichtete).

    Offizieller Trailer (englisch)

    Über die Autorin

    Jana Bärenwaldt entdeckte ihre Leidenschaft für Fernsehserien mit der Ausstrahlung von „The Tudors“ im deutschen Fernsehen. Bis heute ist die Historienserie eins ihrer favorisierten Genres, weswegen sie diesem Thema auch ihre Bachelorarbeit gewidmet hat. Mittlerweile schaut sie aber bunt gemischt, von Drama über Fantasy bis hin zu Anime Serien. Seit März 2016 ist Jana neben ihrem Studium der Medienwissenschaften in der Redaktion von fernsehserien.de tätig und schreibt dort hauptsächlich für TV-Serien aus dem englischsprachigen Raum.

    Lieblingsserien: The Walking Dead, Outlander, Westworld

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Ich find die Serie unterhaltsam...ich sehe sie eher als eine Mischung von *13 reasons why* und *Elite*. Anfangs ist sie etwas holprig, aber dann entwickelt sie sich.
      Peacock hatte bisher mit seinen Originals noch nicht viel Glück. Aber *One of us is flying* und *The lost symbol* könnten was werden.

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