„Mein Freund, das Ekel“: Dieter Hallervorden trifft bei Rückkehr als Miesepeter Hintz voll ins Schwarze – Review

    ZDF-Serienfortsetzung der gleichnamigen Filmkomödie knüpft an die Stärken der Vorlage an

    Gregor Löcher
    Rezension von Gregor Löcher – 16.09.2021, 12:00 Uhr

    Wahlfamilie: Hintz (Dieter Hallervorden) mit Trixie Kunze (Alwara Höfels) und ihren Kindern – Bild: ZDF/Conny Klein
    Wahlfamilie: Hintz (Dieter Hallervorden) mit Trixie Kunze (Alwara Höfels) und ihren Kindern

    Als 2019 der ZDF-Fernsehfilm „Mein Freund, das Ekel“ mit Dieter Hallervorden in der Hauptrolle angekündigt wurde, war nicht abzusehen, wie beliebt sich dieser beim Publikum und in den Rezensionen erweisen würde. Eine rundum gelungene Produktion, was Drehbuch, Regie, Charaktere und Besetzung anging, ward aus der Taufe gehoben. Naheliegend also das Bedürfnis der Verantwortlichen, diese sorgsam zusammengestellten Zutaten zu einem neuen Kuchen zu verrühren (Anspielung beabsichtigt!). Das Filmformat beizubehalten und einen zweiten Teil zu drehen, hätte sich angeboten. Aber wir leben im goldenen Zeitalter der Serien (im wievielten inzwischen, kann wohl niemand mehr zählen), und so meldet sich Hallervorden nun wortgewaltig und ungenießbar als „Stinkstiefel“ Hintz in Serienform auf den Bilfschirmen zurück, um weiter mit seiner Besserwisserei seine Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen – zumindest diejenigen, die nicht durchschauen, dass sich hinter seiner schroffen Art aufrichtiges Interesse und verklausulierte Hilfsangebote verbergen.

    Die Handlung der Serie setzt sechs Monate nach Ende des Films ein. Die quirlige Trixie Kunze (traumhaft: Alwara Höfels) wohnt nach wie vor kostenlos mit ihren drei Kindern beim pensionierten Lehrer Hintz in dessen geräumiger Wohnung in Berlin-Charlottenburg und schmeißt dem Rollstuhlfahrer dafür den Haushalt. Hintz hilft Trixie, Lesen und Schreiben zu lernen – deren Mutter war Alkoholikerin und hat Trixie als Kind derart vernachlässigt, dass diese zur Analphabetin heranwuchs und ihre Schwäche Zeit ihres Lebens verheimlichen musste.

    Dies ist in der Serie mehr noch als im Film ein zentrales Thema – Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft weniger Chancen als andere hatten und sich deswegen irgendwie durchschlagen müssen, oftmals auch mit Tricks oder gar unredlichen Mitteln, um sich ihren Platz im Leben und in der Gesellschaft zu erarbeiten. Dabei ist „Mein Freund, das Ekel“ nie urteilend, sondern beleuchtet sorgfältig die Umstände, die zur meist unverschuldeten Lebenssituation der jeweiligen Personen führten – und vermag somit durchgängig, Empathie für die ausgearbeiteten Charaktere zu entfachen. Neben den bereits angesprochenen Problemfeldern werden auch Armut, Minijobbing und Wohnungsnot behandelt.

    Neues Zuhause: Nicht ganz Berlin-Charlottenburg ZDF/​Conny Klein

    Hintz hat der leidenschaftlichen Bäckerin Trixie eine Ausbildungsstelle in einer Konditorei besorgt, es könnte also eigentlich nicht besser laufen – bis Hintz’ Schwester Elfie (Ursela Monn) mit ihrem neuen Freund, dem esoterisch angehauchten Waldemar, vor der Tür steht und ihre Hälfte der Wohnung zurückfordert, die Trixie nur übergangsweise bewohnen durfte. Und so sieht sich Trixie gezwungen, samt Kindern in ihre alte Nachbarschaft in eine Hochhaussiedlung (Berlin Gropiusstadt wunderbar als Kulisse genutzt) zu ziehen – abermals übergangsweise, diesmal in die Wohnung ihrer besten Freundin Jackie, während diese verreist ist – und ohne deren Kenntnis. Hintz hingegen fremdelt mit dem neuen Mann an der Seite seiner Schwester: Beschmutzen Sie nie wieder die lateinische Sprache – und ziehen Sie sich gefälligst Socken an, Sie Barbar! Der Zwist geht so weit, dass Hintz Waldemars Bademantel in der heimischen Badewanne in Brand setzt. Zu dumm, dass der darin befindliche Verdampfer eine Kettenreaktion auslöst, die mit dem völligen Ausbrennen der Behausung endet und diese unbewohnbar macht. Kurzentschlossen packt der nun Obdach suchende Hintz seinen Koffer und sucht bei Trixie Unterschlupf.

    Die Serie variiert hier clever das Fish Out Of Water-Thema des Films: Während dort die aus einfachen Verhältnissen stammende Trixie in der akademisch geprägten Charlottenburger Gesellschaft aneckte und einen Weg finden musste, sich zu behaupten, ist es nun der Zeit seines Lebens besser gestellte Hintz, der sich neu orientieren muss – in einer Welt der Hochhäuser, samt dauer-defekten Fahrstühlen, Imbiss-Buden mit ungenießbarem Kuchen, und Billigläden mit grammatikalisch inkorrekten Betitelungen. Ergo kommt Hintz mit dem Klugscheißen gar nicht mehr hinterher – was selbst redend bei den Einheimischen nicht gut ankommt und für allerlei Konfliktpotential sorgt.

    Hier liegt auch die einzige wirklich Schwäche der Fortsetzung: Der Kleinkrieg, den sich sowohl Trixie als auch Hintz mit Hausmeister Novak (gewohnt sehenswert: Thorsten Merten, „Sedwitz“) liefern, soll wohl einen Schuss zusätzlichen Klamauk mit in die Serie bringen (Eine Flasche Pommes bitte lässt grüßen), wirkt aber ermüdend und unnötig, da er dem eher trockenen Humor zuwiderläuft und die ansonsten konsequent durchgezogene Weiterentwicklung und Selbstfindung der Charaktere unterbricht.

    Fahrstuhl des Kleinkriegs: Novak (Thorsten Merten, l.), Hintz (Dieter Hallervorden) ZDF/​Conny Klein

    Doch Schwamm drüber, das ist bei „Mein Freund, das Ekel“ Jammern auf hohem Niveau. So, wie sich die sozialen Probleme der dargestellten Figuren wie ein roter Faden durch das Drehbuch ziehen, so bleiben ebenso durchgängig Hilfestellung, Unterstützung und ungewöhnlichen Allianzen in der Not das Themenfeld, das wie ein Silberstreifen am Horizont stets ein Hoffnungsschimmer bleibt, an dem man sich festhalten kann. Dermaßen gelebte Solidarität zwischen gänzlich unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mag ein Märchen sein, aber gerade in Zeiten fortschreitender gesellschaftlicher Spaltung fühlt es sich an wie die Einsalbung mit Wick VapoRub bei Bronchitis – möglicherweise wirkungslos, aber dennoch tröstend.

    Positiv ist des Weiteren zu bemerken, dass alle Mitwirkenden des Films für die Serie übernommen werden konnten. Bei den Kinderdarstellern fällt auf, dass mehr Zeit als die vorgeblichen sechs Monate seit dem Film vergangen sind, aber daran hat man sich schnell gewöhnt. Für die Serie wird der Cast um etliche Nebenrollen erweitert, die sich jedoch plausibel in die Haupthandlung einfügen. Die Kontinuität vom Film zur Serie ist also gewahrt, wenn man davon absieht, dass Ursela Monns Charakter Elfie ihren Freund Helmut (Michael Hanemann) gegen Waldemar (Horst-Günter Marx) eintauscht, aber auch das wird erklärt.

    Mit seinem neuesten Wurf hat das ZDF ins Schwarze getroffen – die Besetzung ist durchweg tadellos, bei Höfels und sogar Hallervorden stellt sich mehr und mehr das Gefühl ein, als spielten diese die jeweilige Rolle ihres Lebens. Und je mehr es dem Ende zugeht, desto mehr steigt in mir der Wunsch hoch, dass das noch nicht das Letzte ist, was ich von Hintz und Kunze auf dem Bildschirm gesehen habe. Auch wenn – so viel seit verraten – genau wie bereits der Film auch die Serie wieder eine sehr abgerundete Geschichte erzählt, was eine abermalige Fortsetzung schwierig machen dürfte.

    Dieser Text beruht auf Sichtung der kompletten sechs Episoden der Serie „Mein Freund, das Ekel“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Alle Episoden von „Mein Freund, das Ekel“ sind am 16. September 2021 in die ZDFmediathek gekommen. Die lineare Ausstrahlung erfolgt ab dem 30. September im ZDF, immer donnerstags ab 20:15 Uhr gibt es eine Doppelfolge.

    Trailer zu „Mein Freund, das Ekel“

    Über den Autor

    Gregor Löcher wurde in den späten 70er-Jahren in Nürnberg geboren und entdeckte seine Leidenschaft für Fernsehserien aller Art in den 80er-Jahren, dem Jahrzehnt der Primetime-Soaps wie dem Denver Clan und Falcon Crest, was ihn prägte. Seitdem sind Faibles für viele weitere Serien und Seriengenres hinzugekommen, namentlich das der Comedyserie. Seit 2008 ist er als Webentwickler für fernsehserien.de tätig und hat zum Glück nach wie vor die Zeit, sich die eine oder andere Serie anzusehen.

    Lieblingsserien: Desperate Housewives, 24, Will & Grace, Die Brücke

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Hab mir das jetzt dann auch mal angeschaut inklusive dem Fernsehfilm.
      das Positive vorweg: gefällige Unterhaltung mit überdurchschnittlicher schauspielerischer Leistung der Hauptdarsteller und auch wieder wie im ersten Teil mitunter witzige plot twists. Insbesondere Hallervorden als Rollstuhlfahrer mit Schlaganfall, Krückstock und Rückenschmerzen, der sich in eine sadomaso-anmutenden Physiotherapie begibt. Wer Hallervorden kennt, vor allem nach seiner Performance in "The Masked Singer", der weiß, dass er im Realleben, das krasse Gegenteil ist und Dank seiner täglichen Stunde Sport (Zitat;: "Da gibt es keine Ausreden") eine Physiopraxis real wohl noch nie von innen gesehen hat.
      Das zeichnet gute Schauspieler aus: sie spielen krank, sind es real aber nicht. Ein Willy Millowitsch hat das sinngemäß auch so gesagt, dass wenn er selbst nicht mehr richtig laufen kann, er keinen Gehbehinderten auf der Bühne mehr spielen kann.
      Witzig auch der esoterisch-durchgeknallte neue Freund von Hintz' Schwester, der mit nackten Tatsachen glänzt und dessen Rolle ausbaufähig gewesen wäre, aber nach dem Wohnungsbrand nur noch wenig Platz gehabt hätte.
      Das Negative: trotz witziger Einlagen und plot twists kommt das Drehbuch doch nicht ohne doch sehr an den Haaren herbei gezogene Einfälle aus: der Zündelnde Hintz, das Einsperren der verfeindeten Mutter und Tochter im Fahrstuhl zwecks Versöhnung, der kleine Sohn als Topgamer. Das hat doch etwas sehr Plumpes um die Handlung voran zu treiben und zu dramatisieren, die serientypisch dann doch einige Längen hat und diese mit Nebenkriegsschauplätzen zu füllen versucht. So vertauschen die Kinder ihre moralischen Rollen aus dem Fernsehfilm: die Tochter und der jüngere Sohn werden zu notorischen Lügnern, während der vormals ins Kriminelle abzurutschen drohende Murat jetzt die Ehrlichkeit in Person ist und entsprechend blass wirkt. Überhaupt wird das Spiel mit dem Lügen und Betrügen der Hauptdarsteller - von sich selbst und anderen - doch arg auf die dramatische, menschelnde Spitze getrieben, während Versicherungsvertreter und Ärztinnen zwar die harte law-and-order Fraktion darstellen aber moralisch immer "korrekt" handeln. Generell fehlt es den Nebenrollen an Tiefe bzw. gehen nicht über Stereotype hinaus.
      Fazit: gefällige Unterhaltung ohne Momente des Fremdschämens oder Abschaltimpuls (wie leider bei deutschen Produktionen häufig der Fall), mitunter witzig ohne platt zu wirken, aber eben auch mit vielen wenig glaubwürdigen Kompromissen zugunsten der Dramatisierung der Handlung. Mit einer Fortsetzung muss mMn gerechnet werden, denn die Geschichte ist zwar am Ende "rund", lässt aber noch Entwicklungsspielraum, sowohl bei den Protaginisten als auch den Beziehungen zwischen diesen und zur Außenwelt.
      • am

        Für den Charakter des Murat hätte ich mir in der Serie auch eine interessantere Storyline gewünscht, ja. Gleichzeitig habe ich es aber begrüßt, dass Afia im Gegensatz zum Film in der Serie nun ihre eigene Geschichte hatte.

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