„Every Year After“: Ein Seestädtchen voller Schmachthaken – Review

Die Serienfassung des Carley-Fortune-Bestsellers bedient die Zielgruppe – und sonst niemanden

Gian-Philip Andreas
Rezension von Gian-Philip Andreas – 09.06.2026, 20:30 Uhr

Verliebt in Mutters Taverne: Percy (Sadie Soverall) und Sam (Matt Cornett), noch vor dem großen Bruch. – Bild: Prime Video
Verliebt in Mutters Taverne: Percy (Sadie Soverall) und Sam (Matt Cornett), noch vor dem großen Bruch.

Schmachtende Blicke, zweite Chancen und Körper, wie aus Marmor gemeißelt: Das sind die Zutaten, aus denen fast alles zusammengerührt wird, was dem Genre Romance zuzuordnen ist. Das literarisch ebenso leichtgewichtige wie absurd erfolgreiche Genre der in pinke oder lila Cover gehüllten Liebesromane für Young Adults hievt immer wieder völlig unbekannte Autor*innen urplötzlich auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste – auch die Kanadierin Carley Fortune, Autorin von „Fünf Sommer mit dir“. Die fällige Verfilmung startet jetzt mit acht Binge-fertigen Episoden bei Amazon Prime Video als programmierter Zielgruppen-Hit – irritiert aber mit seltsamem Casting, behaupteten Gefühlen und schamloser Schleichwerbung.

Die Plots von Romance-Büchern, machen wir uns nichts vor, passen in aller Regel aufs knappe Drittel eines Bierdeckels: die große Liebe, ein paar Hindernisse und Missverständnisse, dann deren ersehnte Überwindung. Das ist auch in Carley Fortunes Roman nicht anders: Da zieht Persephone „Percy“ Fraser im Alter von 13 Jahren erstmals mit ihren Großstadt-Eltern in ihr Sommerdomizil in Barry’s Bay, einem Kleinstädtchen, das idyllisch am See liegt, im Cottage County des östlichen Ontario. Die folgenden sechs Jahre verbringt sie dort die Sommermonate. Aus der innigen Freundschaft mit dem gleichaltrigen Nachbarsjungen Sam Florek wird Liebe, die Liebe ihres Lebens gar – die aber, so verlangt es die Dramaturgie, erst einmal jäh enden muss. Zwölf Jahre später kehrt Percy zur Beerdigung von Sams Mutter, der örtlichen Tavernenwirtin, dann erstmals wieder nach Barry’s Bay zurück – wo die Liebe zu Sam alsbald einer neuen Chance entgegenknistert. Ach ja, einen etwas älteren Bruder, Charlie, hat Sam auch noch – damit sich daran die fürs Genre typischen Rivalitäts- und Konkurrenzszenarien durchspielen lassen können.

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Strukturell bemerkenswert ist an „Every Summer After“ (so der Originaltitel des Buchs) allenfalls die Rückblendenstruktur, die aus der heutigen Timeline, in der Percy als 30-jährige Nachrufschreiberin für eine Zeitung tätig ist, immer wieder in die sechs damaligen Sommerjahre zurückblendet. Ansonsten freilich bleibt der Roman, wie es sich fürs Genre gehört, auch auf der Strandliege, zwischen Eindösen und Sonnenstich, hindernisfrei lesbar.

In Struktur, Anlage und Stoßrichtung weicht die Serienversion nicht nennenswert ab. Heißt: Wer den Roman kennt, weiß, was kommt. Wer den Roman nicht kennt, weiß es aber auch. Denn hier kommt alles wie erwartet. Jede Verwicklung, jeder Stimmungsumschwung, jede Liebesanbahnung, jede Trennung und selbstverständlich erst recht der große tragische Twist, um den sich hier alles dreht – alles ist von Anfang an meilenweit gegen die narrative Brise zu erahnen, und wenn es dann so kommt, wie es kommen muss, ist man fast erstaunt über den beherzten Mut zur Überraschungslosigkeit, den die Macher dabei an den Tag legen.

Ein Crush seit Jugendtagen: Delilah (Abigail Cowen) mit Charlie (Michael Bradway). Prime Video

Den Job, die Vorlage in Episodenform umzusetzen, hatte Amy B. Harris („The Carrie Diaries“), nachdem die ursprünglich als Showrunnerin vorgesehene „Hart of Dixie“-Autorin Leila Gerstein noch vor Drehstart ausgestiegen war. Die Aufgabe war klar umrissen, denn bei „Every Year After“ (der Serientitel ersetzt den „Sommer“ durchs „Jahr“) handelt es sich zuallererst um ein Produkt für den schnellen Affektservice: bisschen schmachten, bisschen sehnen, bisschen heulen, bisschen weinen vor Glück, dazu tolle Urlaubsbilder in Grün, Sonnengelb und Petrol sowie Körperbilder aus dem Modelkatalog. Für komplexe Charaktere, doppelbödige Handlungsverläufe oder moralische Grauzonen: bitte weitergehen! Sicherheitshalber lässt der ausstrahlende Streamer gleich in mehreren Szenen einen Amazon-Karton durch die Gegend tragen – dessen Logo die Regisseure in Großaufnahme ins Bild setzen müssen. Die Serienschauspieler mutieren derweil zu Werbe-Testimonials.

Damit das Produkt ganz besonders schön glänzt und leuchtet, haben die Macher das Geschehen allerdings entscheidend verändert – nicht im Plot, sondern im Look. Gedreht wurde nämlich nicht im östlichen Kanada, wo der Roman spielt, sondern im pazifischen Westen, auf Bowen Island. Der See, um den es geht, ist also kein See, sondern eine Bucht in der Meerenge der Salish Sea. Die bewaldeten Berge, die in der Ferne zu sehen sind, sehen wunderschön aus, haben mit dem Cottage County des Romans aber nichts zu tun.

Auch das im Vergleich zum Roman verjüngte Casting sorgt für Stirnrunzeln – weil die Zeitorganisation nicht mehr aufgeht. In der Jetztzeit wird Percy von Sadie Soverall („Fate: The Winx Saga“) gespielt, die bei den Dreharbeiten 23 war. Abgesehen davon, dass es schwierig ist, ihr die beruflich bereits gelangweilte Zeitungsfrau aus Seattle abzunehmen, die sie darstellen soll, wird Percys langjährige Abwesenheit aus Barry’s Bay auf diese Weise unplausibel. Für die ersten beiden Sommer „damals“ (im Roman hieß das: vor 18 Jahren) verlässt sich die Produktion noch auf altersadäquate Jungdarsteller (etwa Carson MacCormac aus „Clown in a Cornfield“ als Charlie), ehe ab der dritten Episode dann plötzlich die erwachsenen Darsteller übernehmen und ihr 16- bis 18-jähriges Selbst spielen müssen – mit etwas unordentlicherer Frisur und in gestreiften T-Shirts.

Läuft da was in Barry’s Bay? Provinz-Boy Jordie (Joseph Chiu) flirtet mit Großstadt-Lady Chantal (Aurora Perrineau). Prime Video

Der Effekt dieser Maßnahme irritiert. Auf der Schauspielerebene geht das noch gerade so durch, schließlich sind Soverall oder Sam-Darsteller Matt Cornett („High School Musical: Das Musical: Die Serie“) dem Jugendlichenalter nicht allzu lange entwachsen. Auf der Handlungsebene allerdings ergibt es keinen Sinn: Wann bitte soll all das, was zwischen „damals“ und „heute“ passiert ist, geschehen sein? Sams lange Medizinerausbildung? Percys Studium und Laufbahn? Wegzug und Wiederkehr von Delilah (Abigail Cowen, „Chilling Adventures of Sabrina“), eine Freundin der Teenagerfreunde mit ewigem Crush auf Charlie (Michael Bradway, „Safe House“)? Die gescheiterte Basketball-Karriere von Sams Kumpel Jordie (Joseph Chiu, „Motorheads“)? Wo der Roman seinen wehmütigen Reiz doch gerade aus der epischen zeitlichen Distanz zwischen den güldenen Jugendtagen und der ernüchterten Erwachsenenwelt bezieht, die dem glücklichen Ende „nach so vielen Jahren“ erst Wirksamkeit verleiht, wirkt Percys Rückkehr nach Barry’s Bay in der Serie so, als sei sie vorletzten Donnerstag noch dagewesen.

Erbsenzähler! – mögen Fortune-Fans jetzt einwenden. Kann sein. Womöglich geht es um all das eben gar nicht, sondern einzig um das Aufrufen altbekannter Genre-Standards. Das, immerhin, wird mit Hingabe erledigt. Kaum zehn Minuten, dass einer der Protagonisten nicht wenigstens einmal ins türkise Seewasser hechtet, ständig kuschelt sich Percy in behagliche Decken ein, Popmusik diktiert dazu die Gefühlslage. Es gibt die üblichen Drohnenflüge über grüne Wälder und Achtsamkeit im Wellness-Look, immer wieder dürfen sich die Brüder balgend ins Wasser werfen und dann tropfnass ihre Sixpacks daraus erheben, in Zeitlupe, versteht sich. Dass sich die Verliebten ständig ganz nahe kommen, ohne geschlechtlich zu verkehren, ist fürs Genre ebenso selbstverständlich wie die Mentorenfunktion von Sams Mutter Sue: Elisha Cuthbert („24“) bringt ein wenig Wärme ins generische Geschehen, die alleinerziehende Wirtin der lokalen Taverne nimmt man ihr freilich genauso wenig ab wie Cornett den Arzt. Als Charakter bleibt sie so pauspapierdünn wie die anderen Nebenfiguren – darunter Roan Curtis („Immer für dich da“) als Sams Partnerin Taylor.

Es ist aber eben alles auch dem Genre geschuldet: In Romance-Erzählungen wie diesen verhält sich niemand so, wie es zu erwarten wäre, sondern so, wie sich das (Lese-)Publikum wünscht, dass man sich verhält. Doch was zwischen Buchdeckeln die Fantasie anregen kann, wirkt, in „reale“ Bilder übertragen, vor allem künstlich. Es stellt sich dabei die Frage, warum die Fixierung auf derart modelschön dem Alltag enthobene Figuren so erfolgreich zur Einfühlung einlädt. Es scheint ja zu funktionieren, obwohl sich in diesem Mix aus Werbeclip-Optik und Poesiealbums-Weisheit ja wirklich nichts so anfühlt, als hätte es irgendwas mit dem realen Leben von Teenagern (oder sonst wem) zu tun.

Schauspielerisch bleibt alles im Bereich des Hölzernen, obgleich sich die Darsteller darum bemühen, „Natürlichkeit“ herzustellen. Hauptdarstellerin Soverall ist meistens damit beschäftigt, mit melancholischem Blick in die Vergangenheit zu starren, hat sich dazu aber noch überlegt, ihre Teenie-Version von Percy dadurch zu kennzeichnen, dass sie ständig das linke Auge zukneift, die Mundwinkel nach links zieht und auf der Oberlippe herumkaut – wohl um ungelenke Jugendlichkeit darzustellen. Dumm nur, dass sich auch die erwachsene Percy meist so verhält wie eine 14-Jährige, da fällt die Differenzierung schwer. Dass ihr auf Erden nichts wichtiger ist als die Gunst eines halbcharismatischen Dressmans mit Mattel-Spielzeugfigurenfrisur, passt ins Romance-Weltbild. Über das damit transportierte Frauenbild ist schon viel geschrieben worden, wir lassen es hier mal weg.

Goldene Zeiten, damals in der Jugend: Sue Florek (Elisha Cuthbert, l.) kümmert sich um die junge Percy (Juliette Hawk) und ihren Sam (Blue Clarke). Prime Video

Existenzielle Sorgen gibt es in dieser Geschichte sowieso keine, einzig das Herz macht Sorgen. Percy kann spontan zur Beerdigung von Sue aufbrechen und nimmt auch gleich ihre beste Freundin Chantal (Aurora Perrineau, „KAOS“) mit auf den tagelangen Trip, obwohl die am Vortag noch ihre Verlobungsfeier hatte. Um Chantals Verlobten als ungeeignet zu charakterisieren, reicht es dem Drehbuch, ihn bei der Coffeeshop-Bestellung die Muffins vergessen zu lassen. Wohin hingegen Chantals anfängliche Antipathie gegenüber Jordie führt, der in der Jetztzeit ein abgewohntes Motel leitet, ist so klar wie alles andere: Die inszenierte Blickregie macht noch dem Begriffsstutzigsten klar, wer hier was von wem will. Für Zuschauer, die beim Bingen lieber ihre Second Screens im Blick behalten, sorgen die Dialoge für klare Verhältnisse: „Sam war die Liebe meines Lebens, und ich komme nicht voran – aber ich muss!“, stellt Percy gleich zu Beginn fest. Später raunt sie: „Wenn er nur wüsste, was ich getan habe!“ Sam hingegen ist selbstanalytisch im Bilde: „Dass Percy hier ist, ist schlecht für mich. Wenn sie hier ist, denke ich nicht nach.“ Sie wiederum wirft ihm vor: „Du willst mich und dann willst du mich nicht! Das ist verwirrend und tut mir weh!“

Erklärdialoge sind das, gemacht scheinbar für Leute, von denen angenommen wird, dass sie selbst aus simpelsten Schnittfolgen keinen Sinn ableiten können, sobald der Handlungsbogen das Ausmaß eines TikTok-Videos überschreitet. Es ist auch ein Verrat an den Schauspielern und Regisseuren, denen offensichtlich nicht zugetraut wird, dass sie emotionale Grundkonflikte darstellen können bzw. das Storytelling beherrschen. Exemplarisch steht das für Serienprodukte wie diese hier, die keinerlei Gedanken verschwenden an so Nebensächlichkeiten wie Erzählkunst oder ästhetische Innovation. Mit der erzählerischen Tiefe einer mittelguten Bravo-Foto-Lovestory sind sie Gebrauchs-Entertainment für Fans, die langfristig gebunden werden sollen.

Dafür wird zur Not die kanadische Sonne per Knebelvertrag zum Scheinen verpflichtet: Carley Fortune hat den „Fünf Sommern mit dir“ neulich erst den „Sommer unseres Lebens“ folgen lassen, ganz zu schweigen vom „Nächsten Sommer am See“ und dem letztjährigen Bestseller „Dieser Sommer wird anders“. Der See darf also weiter glitzern, und wer’s gut organisiert, kriegt alles gut verstaut in einem einzigen Amazon-Karton.

Meine Wertung: 2/​5

Die achtteilige Serie „Every Year After“ wird beim Streaminganbieter Amazon Prime Video ab Mittwoch, den 10. Juni 2026 auf einen Schlag komplett veröffentlicht.

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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