TV-Kritik „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“: Wie gelungen ist die neue Netflix-Serie?

    Vorgeschichte zu Jim Hensons Fantasy-Puppenfilm feiert Premiere

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 29.08.2019, 17:30 Uhr

    „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“: Prinzessin Bree und ihre Mutter – Bild: Netflix/Kevin Baker
    „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“: Prinzessin Bree und ihre Mutter

    Dem enormen Ausstoß von Eigenproduktionen der Streaminganbieter, insbesondere von Netflix, ist es zu verdanken, dass immer mal wieder auch skurrilere Serienprojekte verwirklicht werden. So war eine geplante Fortsetzung von Jim Hensons Puppenfilmklassiker „Der dunkle Kristall“ aus dem Jahr 1982 schon seit längerem im Gespräch. Umgesetzt werden konnte sie aber erst jetzt in Serienform bei Netflix, wobei aus dem Sequel ein Prequel geworden ist. Erzählt wird in den zehn rund einstündigen Folgen unter dem Titel „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“ also die Vorgeschichte des Kinoabenteuers.

    Wir finden uns auf dem Planeten Thra wieder, der im Film dem Untergang geweiht schien. Das deutet sich auch in der Serie schon an, jedoch wirkt diese Welt hier noch sehr lebendig und im Gegensatz zur Handlungszeit des Films von zahlreichen Wesen bevölkert. Im Mittelpunkt stehen wieder die elfenartigen Gelflinge, genauer gesagt drei von ihnen. In parallel laufenden Handlungssträngen folgen wir den Schicksalen des Wächters Rian, der Prinzessin Brea und der Tierpflegerin Deet. Das traumatischste Erlebnis hat dabei der junge Rian, der beobachten muss, wie die über Thra herrschenden Skekse bei einem wissenschaftlichen Experiment seine Freundin töten, um deren Lebensessenz für sich selbst zu gewinnen.

    Die Skekse, äußerlich eine Mischung aus Drachen und Geiern, waren ja schon die Bösewichte des Films, in der Serie sind sie allerdings individueller charakterisiert. Durch eine Intrige schaffen sie es, Rian selbst als Mörder seiner Geliebten darzustellen. Während der junge Gelfling versuchen muss, seine Unschuld zu beweisen, fällt Prinzessin Brea bei ihrer Mutter, der Königin, in Ungnade und das Mädchen Deet begibt sich auf eine Odyssee in unbekannte Gebiete.

    Der Imperator der Skeksis und seine Gefolgschaft
    Der Imperator der Skeksis und seine Gefolgschaft

    In Zeiten, in denen eigentlich keine hochwertige Fantasyserie mehr ohne komplett am Computer animierte Wesen auskommt, wirkt eine Serie mit Puppen unvermeidbar wie ein Anachronismus. Entsprechend der langen Tradition der Jim Henson Company werden alle Figuren komplett von Puppenspielern zum Leben erweckt, CGI wird nur für Hintergründe oder Special Effects verwendet. Das verleiht der Produktion einen wohlig-altmodischen Charme, obwohl sie technisch durchaus viel moderner wirkt als der fast 40 Jahre alte Kinofilm. Auch das Tempo ist diesmal wesentlich höher: Bestand das Original etwa noch aus vielen Szenen, in denen man die saurierartigen Mystics langsam durch die Wüste ziehen sah, gibt es in der Serie mehrere große Actionsequenzen pro Folge sowie zahlreiche parallel laufende Handlungen. Dass das Puppenspiel perfekt ist, versteht sich bei einer Produktion aus dem Hause des Muppet-Erfinders fast von selbst. Auch am Voice Acting kann man zumindest in der Originalversion seine Freude haben. Entsprechend des ungeschriebenen Gesetzes, dass in mittelalterlich anmutenden Fantasywelten überwiegend mit britischen Akzenten gesprochen wird, wurde ein Großteil der Sprechrollen mit englischen, schottischen und irischen Schauspielern besetzt. Darunter finden sich viele bekannte Namen wie Jason Issacs (Lucius Malfoy in den „Harry Potter“-Filmen) als Imperator der Skeksis und Simon Pegg („Star Trek“-Filme) als sein Kanzler, Helena Bonham Carter als Gelfling-Königin Maudra oder Mark Strong als Rians Vater. Aber auch „Star Wars“-Veteran Mark Hamill hat eine Rolle als Skeksis-Wissenschaftler.

    Rian ist dazu verdammt, untätig mitanzusehen, wie die Skeksis seine Gefährtin in ein tödliches Experiment stecken.
    Rian ist dazu verdammt, untätig mitanzusehen, wie die Skeksis seine Gefährtin in ein tödliches Experiment stecken.

    Außerordentlich liebevoll ist auch das Produktionsdesign ausgefallen. Neben den Puppen, die teilweise wieder wie schon beim Kinofilm von Illustrator Brian Froud entworfen wurden, wirken auch die Kulissen, Ausstattung und Kostüme bis ins kleinste Detail liebevoll gestaltet. Die monumentale Filmmusik von Daniel Pemberton und Samuel Sim trägt zum positiven Gesamteindruck bei. Weniger überzeugend ist leider die Story ausgefallen. Die Grundelemente wirken wie eine Mischung aus „Der Herr der Ringe“, „Star Wars“ und „Game of Thrones“. Es gibt viele altbekannte Versatzstücke aus der Fantasy-Schatulle wie die große Bedrohung für den ganzen Planeten, Machtmissbrauch und Widerstand oder die ebenso uralte wie allwissende Aughra, die sich gegen Ende der zweiten Episode auf ihren Stock gestützt auf den Weg macht – wie Yoda persönlich. Richtige Spannung kommt dabei nicht auf. Zusätzlich wird die an sich recht temporeiche Inszenierung immer wieder durch lange, statisch wirkende Dialogszenen unter den Skeksis ausgebremst. Das ist immer wieder fast so, als würden sich Klingonen minutenlang in ihrer Muttersprache unterhalten. So können einem die 45- bis 60-minütigen Folgen zwischendurch schon ziemlich lang werden. Halbstündige Episoden wären hier vielleicht angemessener gewesen.

    Deet hat sich nach einer Vision auf eine Reise gemacht – und ist dabei Hup begegnet, Mitglied einer knuffig-harmlosen und für Comic-Relief zuständigen Rasse, den Podlings
    Deet hat sich nach einer Vision auf eine Reise gemacht – und ist dabei Hup begegnet, Mitglied einer knuffig-harmlosen und für Comic-Relief zuständigen Rasse, den Podlings

    Insgesamt stellt sich auch die Frage nach der Zielgruppe. Schon der Kinofilm wurde weitgehend als Kinderfilm missverstanden. In der Serienfassung gibt es nun wieder allerlei knuddelige Puppenfiguren, darunter die Henson-typischen Sidekicks wie kleine haarige Bälle mit Augen. Andererseits ist die Atmosphäre teilweise recht düster und Szenen wie die, in der das Gelflingmädchen buchstäblich ausgesaugt wird, könnten auf Kinder verstörend wirken. So bleibt ein wenig fraglich, ob die Serie ein größeres Publikum finden wird. Ein Kinofilm, wie ursprünglich geplant, wäre in diesem Fall vielleicht doch besser gewesen als eine fast zehnstündige Staffel. Aber eventuell dachte man sich bei Netflix auch, der angekündigten „Herr der Ringe“-Serie des Konkurrenten Amazon Prime zumindest eine „Dunkler Kristall“-Serie entgegensetzen zu müssen.

    Anmerkung: Netflix gibt an, dass die Serie in Deutschland eine Altersfreigabe ab 12 Jahren hat.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: Kevin Baker/Netflix/The Jim Henson Company

    „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“ ist eine zehnteilige Miniserie, die bei Netflix am 30. August 2019 veröffentlicht wird.

    Trailer zu „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1974) am melden

      Ich bin selbst Kind gewesen, als ich den Film das erste Mal sah u. fand es unglaublich gruselig. Es freut mich, das die Machart im Grunde die gleiche ist, ich fühl mich wie zurück in die Kindheit - wenn es hier auch wirklich wesentlich mehr ekligere Szenen gibt.

      Die Skekse reden wirklich seltsam u. es fällt mir oft schwer ihnen zu folgen. Podling Hub versteh ich aber - obwohl er hin u. wieder richtige Wörter sagt - noch weniger.

      Trotzdem kommt mir bisher keine Folge zu lang vor. Es hat eine gute Erzählweise u. nichts bricht in Hektik aus.

      Ich würde sagen, perfekt für die Nostalgiker - aber wahrscheinlich nichts für die jenigen die nonstop Action brauchen.
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