„Das letzte Wort“: Anke Engelke überzeugt als Trauerrednerin in hervorragendem Ensemble – Review

    Netflix-Dramedy um Beerdigungen trifft richtigen Ton zwischen Humor und Tragik

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 16.09.2020, 17:30 Uhr

    „Das letzte Wort“

    Am Anfang scheint die Welt der Familie Fazius noch in Ordnung: Karla (Anke Engelke) und Andreas (Johannes Zeiler, „CopStories“) feiern mit Freunden ihren 25. Hochzeitstag, der Sohn (Juri Winkler) ist ein normal lustlos-rebellischer Teenager, die erwachsene Tochter (Nina Gummich) hatte keine Zeit, zur Party der Eltern zurück nach Berlin zu kommen. Als die Gäste wieder weg sind und sich Karla im Schlafzimmer für eine Runde Jubiläumssex zurechtmacht, bricht Andreas von einem Moment auf den anderen am Esstisch zusammen: Tod durch Aneurysma. Eben hat Karla noch auf der Party gesungen, dass ihr Ehemann sie nie alleine lassen soll, nun steht sie plötzlich alleine da. Und das ist zwar die größte, aber leider nicht die letzte unangenehme Überraschung.

    Als Netflix seine neueste deutsche Eigenproduktion „Das letzte Wort“ ankündigte, konnte man durchaus misstrauisch sein. Anke Engelke ist zwar eine begnadete Komikerin („Ladykracher“), aber trägt sie auch als Hauptdarstellerin eine ganze Dramedyserie? Weckt das Setting Bestattungsinstitut nicht unweigerlich Vergleiche mit der großartigen HBO-Serie „Six Feet Under“, der man niemals gerecht werden kann? Und der erste Teaser-Trailer war dann auch eher so mittel lustig. Schon nach Ansehen der Auftaktfolge haben sich aber alle Zweifel zerstreut. Was die Autoren Aron Lehmann (auch Regie der ersten drei Folgen) und Carolina Zimmermann hier geschaffen haben, zeigt, wie toll aktuelle deutsche Serien sein können.

    Durch den unerwarteten Tod ihres Gatten kommt Karla zwangsläufig in Kontakt mit der Welt der Trauerfeiern und Bestattungshäuser, letztere in Form des alteingesessenen Familienunternehmens Borowski. Dessen Inhaber Andreas (Thorsten Merten, bekannt aus mehreren Filmen von Andreas Dresen) hat das Geschäft bei seinem Vater gelernt und entsprechend sehr traditionelle Ansichten, wie eine Beerdigung abzulaufen hat. Allerdings brechen ihm gerade wegen dieser reichlich angestaubten Ausstrahlung die Aufträge ein, finanziell steht der Firma das Wasser bis zum Hals. Aber dem windigen Konkurrenten, der gleich massenhaft Institute aufkauft und in sein modern-oberflächliches Franchisekonzept eingliedert, will er sich auch nicht unterordnen. Schließlich möchte er den Betrieb irgendwann seinem Stiefsohn (Aaron Hilmer) übergeben, der bereits im Keller für die fachgemäße Präparation der Verstorbenen zuständig ist. Da kommt die ehemalige Kundin Karla eigentlich ganz recht, die entdecken musste, dass ihr Ehemann seit Jahren gar nicht mehr der gut verdienende Zahnarzt war, den er immer noch dargestellt hat. Aus ökonomischem Druck und weil sie persönlich erlebt hat, dass Trauerfeiern oft den Verstorbenen nicht gerecht werden, beschließt sie selbst, professionelle Trauerrednerin zu werden und sich bei Borowski zu bewerben. Ein Kunde mit unkonventionellen Wünschen führt die etwas schräge Frau und den konservativen Bestatter dann tatsächlich zusammen, zunächst auf rein beruflicher Ebene.

    Die ungewöhnlichen Umstände der Beerdigung ihres Mannes bringt Karla (Anke Engelke; M.) in Kontakt mit dem Beerdigungsunternehmen von Thorsten Merten (Andreas Borowski, l.). Frederic Batier/Netflix

    Während die späte Berufsanfängerin nun in jeder Folge Beerdigungsrituale aufbricht und für Trubel, Heiterkeit und Wutausbrüche am offenen Grab sorgt, muss sie gleichzeitig ihre eigenen Trauerphasen bewältigen und auch der Rest der Familie kämpft mit dem Verlust des Vaters und eigenen Beziehungsproblemen. Vor allem mit der offenen Kommunikation ist es in der Familie Fazius nicht so weit her. Ab der zweiten Folge erscheint Karla dann auch noch regelmäßig ihr verstorbener Andreas wie weiland Nathaniel Fisher senior seinen Söhnen in „Six Feet Under“. Verliert die Witwe endgültig ihren Verstand oder ist das nur ein Schritt auf dem steinigen Weg des Abschiednehmens?

    Beruflich und privat in Nöten: Bestatter Andreas Borowski (Thorsten Merten) hofft auf Kunden, die sich die Abschiednahme etwas kosten lassen. Frederic Batier/Netflix

    Klar, die Bezüge zum HBO-Klassiker sind unübersehbar, vom höchst lebendig wirkenden toten Familienvater bis zum Übernahmeangebot der Beerdigungskette. In einem Genre, das es eigentlich gar nicht gibt, wie der Bestattungshausserie ist es vielleicht unvermeidbar, sich an den wenigen Vorläufern zu orientieren. Trotzdem steht „Das letzte Wort“ auf eigenen Füßen und ist dabei weit davon entfernt, eine reine Comedyserie zu sein. Vielmehr treffen die Autoren genau den richtigen Ton zwischen überbordender, manchmal auch klamaukiger Komik und einfühlsamen, traurigen Momenten. Dabei werden sie von einem Ensemble unterstützt, das Anke Engelke souverän anführt, das aber auch bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt ist, von unpeinlichen Kinderdarstellern bis zur 83-jährigen Gudrun Ritter als herrlich offen-sarkastischer Großmutter. Wie das HBO-Vorbild ist auch „Das letzte Wort“ eine Entwicklungsgeschichte. Während Karla und ihre Kinder lernen müssen, ohne den geliebten Ehemann und Vater weiterzuleben, macht auch Borowski eine Entwicklung durch – allerdings die des konsequenten Abstiegs. In der letzten der leider nur sechs Episoden der ersten Staffel geht der etwas zu schnell voran, auch wegen der verkürzten Laufzeit von nur 30 gegenüber sonst 40 bis 50 Minuten wirkt die Folge zu gehetzt.

    Das Leben feiern statt den Verlust zu betrauern: Karla (Anke Engelke, M.) macht ungewöhnliche Abschiedswünsche wahr. Frederic Batier/Netflix

    Insgesamt ist den Machern hier aber ein echtes Glanzstück gelungen, mit witzigen und berührenden Momenten, mit Gelegenheiten zum Nachdenken, was im Leben wirklich wichtig ist, und mit einer schauspielerischen und inszenatorischen Qualität, die international absolut anschlussfähig ist. Es ist sicher kein Zufall, dass Netflix (und in geringerem Umfang auch Amazon Video), wo die nächste hochwertige englische, dänische oder US-amerikanische Produktion immer nur einen Klick entfernt ist, immer mal wieder solche zeitgemäßen deutschen Serien raushaut, die eben nicht nur das heimische Publikum ansprechen sollen. Das belebt das deutsche Seriengeschäft ungemein, während ARD und ZDF in diesem Segment weitgehend immer noch in den 1990er Jahren steckengeblieben sind.

    I’m gonna live until I die singt Frank Sinatra im Vorspann und bringt damit die versöhnliche Aussage der Serie gut auf den Punkt. Oder wie Helge Schneider es auf seinem neuen Album ausdrückt: Ich lebte mein Leben als Knäckebrot und als ich starb, da war ich tot.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der kompletten ersten Staffel von „Das letzte Wort“.

    Meine Wertung: 4/5

    Netflix veröffentlicht die zunächst sechsteilige, in Deutschland hergestellte Eigenproduktion „Das letzte Wort“ am Donnerstag, den 17. September.

    Trailer zur Serie „Das letzte Wort“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      @sentinel2003 - hier geht’s aber nicht um jerks. sondern um eine ganz andere Serie !?!
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      • (geb. 1967) am melden

        Ich bin gerade am Durch Suchten von "jerks." und finde es herrlich!! Klar, der Humor ist sehr oft uner der Gürgtellinie, aber herrlich kaputt!! Wer mir in "jerks." sehr gut gefällt ist aucxh Emily Cox!!
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