„Dark“-Abschlussstaffel: Netflix-Erfolgsserie verliert sich in multiplen Welten und Zeiten – Review

    Zum Start der finalen Staffel der ersten deutschen Netflix-Serie

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 26.06.2020, 15:00 Uhr

    Jonas Kahnwald (Louis Hofmann)

    SPOILERWARNUNG: Dieser Artikel zur dritten Staffel von „Dark“ setzt die ersten beiden Staffeln als bekannt voraus. Wer nachlesen und sich auf den aktuellen Stand zurückbringen möchte, was in diesen Staffeln passiert ist, dem empfehlen wir unser Recap.

    Pünktlich am Tag der Apokalypse ist „Dark“ mit seiner dritten und letzten Staffel zurück. Zumindest in der erfolgreichen deutschen Netflix-Serie ist der 27. Juni 2020 der Tag, in dem es im Kernkraftwerk der fiktiven Stadt Winden zur Katastrophe kommt. Das haben wir bereits im Finale der zweiten Staffel gesehen. Jedoch wurde der Held der Serie, Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) in buchstäblich letzter Minute gerettet – von seiner großen Liebe Martha Nielsen (Lisa Vicari), die doch gerade vor seinen Augen erschossen wurde. Es ist eine Martha aus einer anderen Dimension, die ihn in eben diese mitnimmt. Und genau an dieser Stelle setzt auch der dritte Staffelauftakt an.

    Wer jetzt wissen will, was von Winden nach der Explosion des AKWs übriggeblieben ist, wer überlebt hat und wer nicht, muss sich bis zur zweiten Episode gedulden. Denn zunächst eröffnen die Serienmacher einen ganz neuen Spielplatz für ihr immer weiter ausuferndes Epos von vier schicksalhaft miteinander verknüpften Familien: eben besagte Paralleldimension. Jonas landet dort am 4. November 2019, dem Tag, an dem auch schon die allererste Folge spielte. Allerdings muss er ebenso wie die Zuschauer schnell feststellen, dass in diesem Winden so einiges ganz anders ist als in dem Ort, aus dem er kommt. Oder besser gesagt: Fast alles ist ein bisschen anders. So sind die meisten Verwandtschaftsverhältnisse auch hier wie in Jonas’ Realität, aber zum Beispiel hat Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) seine Familie verlassen, um Hannah Kahnwald zu heiraten. Statt Elisabeth ist in dieser Welt die andere Doppler-Tochter gehörlos und dem Polizisten Wöller fehlt ein Arm statt ein Auge. Auch die Charaktereigenschaften mancher Einwohner weichen von denen ihrer bekannten Pendants ab. Der wichtigste Unterschied aber: Jonas scheint in dieser Welt nicht zu existieren!

    Die Zukunft Netflix

    So reizvoll es auch sein mag, die aus zwei Staffeln bekannte Figurenkonstellation noch einmal ganz anders zu erleben – die übergreifende Handlung treibt diese Folge nicht voran. In Episode 2 wechseln dann wieder die Zeitebenen in Jonas’ Welt munter hin und her. Unter anderem sind wir in Winden einige Monate nach der Katastrophe, wo Peter Doppler (Stephan Kampwirth) und seine kleine Tochter Elisabeth (Carlotta von Falkenhayn) in der postapokalyptischen Umgebung verzweifelt nach deren Mutter und Schwester suchen – ohne zu ahnen, dass diese längst in anderen Zeiten gestrandet sind. Franziska etwa gemeinsam mit Magnus und Bartosz im Jahr 1888, wo der erwachsene Jonas (Andreas Pietschmann) versucht, eine Zeitmaschine zu konstruieren. Unterdessen sind auch andere Figuren aus der Gegenwart in vergangenen Epochen auf sich allein gestellt: So sucht Katharina Nielsen (Jördis Triebel) auch 1987 noch ihren Sohn Mikkel alias Michael und trifft dabei an ihrer damaligen Schule auf sich selbst als Teenagerin. Und Hannah Kahnwald (Maja Schöne) hat 1954 eine Affäre begonnen – ausgerechnet mit Dorfpolizist Egon Tiedemann!

    Der bedrohliche Windener Wald Netflix

    Wichtiger als die Einzelschicksale ist in „Dark“ aber spätestens seit Staffel 2 das große Ganze: der Kampf von Gut gegen Böse um den Lauf der Zeit und die Auslösung oder Verhinderung der Apokalypse. Wobei bis kurz vor Schluss immer noch nicht klar wird, wer nun eigentlich die Guten und wer die Bösen sind: der gealterte Jonas (Dietrich Hollinderbäumer), der sich Adam nennt und mit Claudia Tiedemann (Julika Jenkins) zusammenarbeitet, oder die neu eingeführten Versionen von Martha in diversen Lebensaltern, die die junge Martha aus Dimension 2 für ihre Zwecke gewinnen wollen. Ganz schön kompliziert? Ja, und es wird noch schlimmer. Ständig wechseln Figuren die Jahrhunderte wie andere Menschen ihre Unterwäsche, treffen dabei jüngere oder ältere Versionen ihrer Selbst und lösen absichtlich in der Vergangenheit Ereignisse aus, bei denen man nicht mehr sagen kann, ob sie diese nur reproduzieren oder überhaupt erst zum ersten Mal in Gang bringen. Denn das Konzept einer chronologischen Abfolge mit Anfang und Ende spielt für die Serie schon längst keine Rolle mehr. So wird aber leider auch alles irgendwie beliebig, selbst der Tod von zentralen Figuren, können diese doch in einer anderen Zeitschleife oder Parallelwelt weiterleben. Wieso sollte man als Zuschauer also noch um sie trauern?

    Martha und ihr Bruder Magnus Netflix

    Generell droht die ganze Staffel ständig, sich völlig zu verzetteln. Die spannende Unterhaltung der ersten Staffel ist dem Zwang gewichen, in jeder Szene aufpassen zu müssen, welche Version der Figuren gerade auf welcher Zeitebene und in welcher Welt agiert, um überhaupt noch einigermaßen durchzublicken. Statt dass die Serie interessante persönliche Konflikte mit Mystery-Überbau im Hintergrund erzählt wie in Staffel 1, sind die Charaktere in den neuen Folgen weitgehend zu austauschbaren Schachfiguren geworden, die nur noch ihre jeweiligen Rollen im großen Schicksalsspiel einzunehmen haben. Dazu kommt eine merkwürdige Freude von Headautorin Jantje Friese, ihre Figuren leiden zu lassen, werden doch fast schon routinemäßig zentrale Charaktere getötet – gerne von nahen Verwandten oder ihren eigenen Alter Egos und manchmal völlig unmotiviert. Die Charakterentwicklung bleibt dabei trotz der vielen Jahrzehnte, die die Serie dazu ja zur Verfügung hätte, des Öfteren auf der Strecke. Noch viel nerviger als schon in Staffel 2 wirken zudem die jetzt exzessiv eingestreuten Szenen, in denen Figuren durch luxuriös eingerichtete Räume laufen und bedeutungsschwangere Sätze raunen, die letztlich gar nichts aussagen, sondern nur Kalenderspruch-Plattitüden darstellen: Der Anfang ist das Ende, der Weg ist das Ziel und der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wissen, was er will. Auch die Pseudo-Erklärungen für die physikalischen Paradoxien sorgen mit ihren Schlagwörtern von Quantenphysik und Schrödingers Katze für wenig Klarheit.

    Netflix

    Letztlich leidet die Abschlussstaffel unter dem Problem vieler Mysteryserien: In Staffel 1 wurde eine komplexe Ausgangssituation mit vielen faszinierenden Rätseln eingeführt, diese in Staffel 2 mit immer neuen Rätseln bereits etwas überladen – und in den letzten Folgen finden die Autoren keinen Weg mehr, all diese Mysterien befriedigend aufzulösen. Stattdessen werden in den beiden letzten Folgen plötzlich die zuvor nie erwähnten Angehörigen einer Nebenfigur zu Schlüsselfiguren. Dabei bleibt vieles, was die Serie anfangs so fesselnd machte, auf der Strecke: die wechselnden Zeitkolorite in den verschiedenen Jahrzehnten, vor allem aber die Charaktere. Am besten ist „Dark“ immer noch, wenn das Drehbuch und Regisseur Baran bo Odar die ständige Hatz durch die Zeiten ausnahmsweise kurz vergessen und sich doch einmal Zeit nehmen für einen berührenden Charaktermoment (wenn etwa Katharina 1987 ihren gealterten Ehemann in der Psychiatrie wiedertrifft) oder eine Parallelmontage, die die Einsamkeit aller Figuren verdeutlicht. Davon bietet die dritte Staffel aber leider viel zu wenige. So hinterlassen die meisten der neuen Folgen leider trotz der nach wie vor unzweifelhaften handwerklichen Qualitäten einen enttäuschenden und manchmal sogar ärgerlichen Eindruck. Und das Ende rechtfertigt den ganzen in 26 Episoden betriebenen erzählerischen Aufwand kaum.

    Dieser Text basiert auf Sichtung kompletten dritten Staffel der Serie „Dark“.

    Meine Wertung: 3/5

    Bei Netflix wird die dritte Staffel der Serie „Dark“ mit ihren acht Folgen am 27. Juni 2020 veröffentlicht.

    Recap-Video zu den ersten beiden Staffeln von „Dark“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1974) am melden

      Ich fand die ersten beiden Staffeln super und hab sie jetzt auch 2 bzw. 3x gesehen. Bei der 3. weiss ich aber auch nicht so ganz, wo das ganze noch hinlaufen soll. Aber ich hab ja noch 4 Folgen vor mir...aber erstmal brauch das Hirn Pause :D
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        Nein

        Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang.
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          Wenn du deine Antworten immer an das Eingangsposting hängst statt an den Kommentar auf dem antworten willst, dann verliert man völlig die Übersicht und weiß überhaupt nicht mehr wen du eigentlich meinst.
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          @Tupes

          Das liegt aber doch an der Ansicht die man eingestellt hat. Ich habe direkt darunter geantwortet, hab das nie anders gemacht als so, vielleicht sollte ich auf die direkte Antwortfunktion gehen.
        • am via tvforen.demelden

          Fox Mulder schrieb:
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          > @Tupes
          >
          > Das liegt aber doch an der Ansicht die man
          > eingestellt hat. Ich habe direkt darunter
          > geantwortet, hab das nie anders gemacht als so,
          > vielleicht sollte ich auf die direkte
          > Antwortfunktion gehen.

          Das wäre prima, Fox Mulder.
          Du bist ein Nichtbäumler, wie man merkt.
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          Stimmt, ich vergaß die "Baumstruktur" zu erwähnen.
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        Die Serie ist halt nicht für jeden was, man verliert schnell den Überblick bei den verschiedenen Zeitebenen und Personen, ohne sich mal öfter den Familienstammbaum anzuschauen wird es schwierig, da kann ich verstehen das manche die Lust verlieren.
        Die dritte Staffel und das Finale wurde auch von vielen Kritikern gelobt, aber ich werde auch gleich erst beginnen sie anzusehen.
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          Na dann viel Spaß und das meine ich ehrlich 😉
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        Die kam doch erst heute. Hast du die so schnell schon gesehen?
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          Fox Mulder schrieb:
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          > Die kam doch erst heute. Hast du die so schnell
          > schon gesehen?

          Nein. Die Wahrheit ist da draussen.
      • (geb. 1955) am melden

        Diese Serie ist der Hamner. Kann der Bewertung gar nicht zustimmen. Die Serie nutzt die Vielfältigkeit von Zeit und Multiversen voll aus. Einfach phantstisch. Steuerbar zum Schluss.
        Ein Meilenstein für DEU SF. Wie bei Raumpatruille in den 6Oigern
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          Das sehe ich völlig anders, mir haben die ersten zwei Staffeln sehr gefallen.
          Man muss sich halt auch drauf einlassen
          • am via tvforen.demelden

            Fox Mulder schrieb:
            -------------------------------------------------------
            > Das sehe ich völlig anders, mir haben die ersten
            > zwei Staffeln sehr gefallen.
            > Man muss sich halt auch drauf einlassen

            Und die 3. Staffel?
          • am via tvforen.demelden

            Hmm, sehe ich anders, es ist wie beim Essen, wenn ich etwas überhaupt nicht mag dann kann ich mich noch so oft darauf einlassen, es wird nicht besser.
            So war es auch bei Dark, ich habe es versucht und mich komplett durch die erste Staffel gequält.
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          Eine ganz grauenhafte Serie, ich weiß gar nicht warum -Dark" so gelobt wird.
          Das war für mich persönlich, so ziemlich der langweiligste und anstrengendste Müll, den ich je gesehen habe. Ein jämmerlicher Versuch mit Internationalen Produktionen mitzuhalten, dabei aber so fürchterlich "Deutsch", wie gewollt und nicht gekonnt.
          • am via tvforen.demelden

            Die erste Staffel habe ich mir noch angetan. Als die zweite veröffentlicht wurde, konnte ich nicht mehr folgen. Und die Serie hat mich in Staffel 1 dann doch nicht so vom Hocker gehauen, dass ich sie mir nochmals anschauen wollte, um wieder reinzukommen
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              Gut zu wissen, dann muss ich es nicht sofort schauen. Ich bin schon Mitte der 2. Staffel ausgestiegen und wollte auf das SuperFinale warten um dann alles in einem Rutsch zu „verschlingen“. Jetzt lasse ich mir damit Zeit und schaue es, wenn es mal nichts besseres gibt ;-)
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              • am via tvforen.demelden

                Leider nur ein weiteres "Lost", nur kürzer.
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                  Hatte ich gar nicht erst mit angefangen, irgendwie konnte mich der plot nicht überzeugen, auch schauspielerisch war da nichts dabei, was mich interessiert hätte. Es gibt genug bessere Serien für mich, die noch warten.

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