Interview mit Oliver Kalkofe zum „Gernsehclub“

    von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas – 09.06.2010

    Auf dem niedrigen Tisch, gleich hinterm Eingang, ist das Essen angerichtet. Röstzwiebeln, Gurken, Bockwürste, Brötchen, Senf und Ketchup für die Hot-Dog-Selbstbedienung. Daneben, in großen Schüsseln, Weingummi aller Art, Erdnüsse, Chips und Flips, Smarties. Fehlt nur noch ein Käse-Igel. Riesige Kellen liegen bereit und verleiten dazu, den Süßkram in betont ungesunden Mengen auf die kleinen Plastiktablettchen zu schaufeln, die am Ende des Tisches auf Mitnahme warten. Zwei Mädchen in der beachtlich langen Schlange zum Hot-Dog-Glück sorgen sich um ihr Gewicht – und langen trotzdem nach Kräften zu.

    Willkommen im Berliner „Gernsehclub“. Seit zwei Jahren lädt er jetzt schon Freunde des besseren Fernsehens in den Gotischen Saal am Kreuzberger Viktoriapark, manchmal auch in die Kalkscheune in Mitte. Kein einsames Glotzen mehr, so lautet das Club-Prinzip, lieber fröhliches Gruppengucken in offensiv nostalgischer Atmosphäre. Also das 80er-Party-Motiv übertragen aufs Sitzen vor der Mattscheibe: Fernsehen wie damals, als man noch zu Hause gewohnt hat und Mutti das Knabberzeug bereitstellte.

    In der Mitte des Gotischen Saals ist ein Rondell aus großzügigen Flachbildfernsehern aufgebaut; aus jedem Winkel des Raums hat man Sicht auf mindestens einen dieser Screens. Darüber hängt – denn heimelig muss es sein! – ein riesiger Lampenschirm wie aus Omas Fernsehstube. Bald schon, es geht auf 20:15 Uhr zu, mahnen freundliche Durchsagen zur Eile, doch die Schlange zum Knabber-Büfett (im Eintrittspreis inbegriffen) und zur Bar (nicht inbegriffen, klar) ist nach wie vor lang.

    Dann geht es irgendwann los. Rund hundert Leute haben auf Stühlen und – denn bequem muss es sein! – Sitzsäcken Platz genommen, Chips und Bier und gegebenenfalls Partner fest im Griff. Oliver Kalkofe und Oliver Welke, beide in Lederjacken, treten ein, moderieren den Abend und rotieren dabei immer wieder mit Freude am kommunikativen Chaos um den Flachbildfernseherkreis herum. Zwei junge Nackenmasseure sind ebenfalls unterwegs, zur zeitweisen Linderung der gewohnheitsmäßig verspannten Couchpotato-Hälse.

    Der „Gernsehclub“ zeigt heute eine Art „Best of“ der umwerfenden englischen Comedyserie „Little Britain“ von und mit Matt Lucas und David Walliams, abgerundet mit einer Episode aus dem nach Amerika verfrachteten Nachfolgeprojekt „Little Britain USA“. Letzteres ist nämlich soeben auch in Deutschland auf DVD erschienen, und wie schon in der britischen Fassung haben Kalkofe und Welke sowohl synchronisiert als auch das dazugehörige Buch verfasst. Eine schwere Aufgabe war das, wie jeder weiß, der das Original kennt. Und eine mehr als respektabel gelöste.

    Kalkofe war von Anfang an dabei beim „Gernsehclub“, er moderiert, oder besser: präsentiert ihn relativ regelmäßig. Oliver Welke sah man hier ebenfalls schon öfter, auch Bastian Pastewka, Bürger Lars Dietrich, Benjamin von Stuckrad-Barre und Tobi Schlegl waren hier. Was hier ausschließlich laufen soll, ist gutes, erlesenes Fernsehen, in Abgrenzung zum Routineschrott jenes täglichen TV-Schwachsinns, den Kalkofe schon seit 16 Jahren bekämpft, seit seine derzeit auf Eis liegende „Mattscheibe“ erstmals im Pay-TV-Sender Premiere lief, als unverschlüsseltes Satire-Fenster. Vor der Show setzt er sich in eine kuschelige Sitzecke, neben den kleinen Security-Hund mit dem „Gernseher“-T-Shirt, und beantwortet ein paar Fragen.


    Oliver Kalkofe
    Oliver Kalkofe, heißt der Gernsehclub „Club“, weil man Mitglied werden muss, oder eher, weil es hier so nach Lounge aussieht?

    Oliver Kalkofe: Erstmal heißt es „Club“, weil es loungig ist, aber wenn du dich richtig anmeldest, bist du automatisch auch im Club. Glaube ich jedenfalls. Auf Lebenszeit. Das ist so ein Club, da kommst du gar nicht mehr raus… Du musst aber nicht groß was bezahlen. Weiß ich jetzt gar nicht so genau, wie das funktioniert. Ich bin ja nur der Patenonkel, der hier immer wieder was präsentiert. Der Gedanke war: Man trifft sich in einer kleinen, verschworenen Runde, nur Leute, die auch Lust darauf haben. Aus einer hübschen, angenehmen Kleinigkeit macht man ein mittelgroßes privates Event. So dass man einfach ein bisschen Freude hat. Man kann natürlich auch alleine fernsehen – das ist allerdings auf Dauer langweilig. Und wenn man das wirkliche Fernsehen nimmt, dann ist das nicht nur langweilig, sondern frustrierend und furchtbar und gesundheitlich schädigend. Wenn du dann allerdings mit ein paar Leuten guckst und mal wieder Sachen siehst, die richtig Spaß machen, mal wieder so fernsiehst wie früher, nämlich einfach nur die Sendung, ohne dass sie dir jemand ausblendet oder Werbung reinquatscht oder irgendwelche Pling-Signale drübergehen, dann ist das ein richtig schönes Erlebnis.

    Und wie läuft’s?

    OK: Na, keiner hat gedacht, dass das so toll anläuft. Es ist fast immer rappelvoll, und es spricht sich rum. Die Leute kommen jetzt auch zu den Sachen, die nicht die ganz großen Events sind. „Little Britain“ haben wir schon dreimal gemacht, das ist immer klasse, dann sind Oli Welke und ich da und erzählen ein bisschen was dazu, weil wir das synchronisiert haben. Aber es funktioniert eben auch, wenn es eine Nummer kleiner ist und man sich einfach alte Serien anguckt. „Mit Schirm, Charme und Melone“ habe ich schon dreimal präsentiert, und beim letzten Mal hatten wir mit den neuen „Doctor Who“-Folgen Besucherrekorde.

    Wer kommt denn zu Euch in den Club?

    OK: Es ist immer ein ganz gemischtes Publikum. Ich mach am Anfang jedes Mal den Test, weil ich wissen muss: Haben wir hier jetzt nur Hardcore-Fans sitzen, kennen alle das schon? Dann will man ja nicht langweilen und immer wieder das Gleiche erzählen. Und fast jedes Mal ist es so, dass man zur Hälfte Fans hat, die ganz häufig hier sind, und die andere Hälfte kennen die Serie, um die es geht, und kommen deshalb. Davon wiederum die Hälfte war noch nie hier. Es ist eine Mischung, und die schwappt immer weiter. Das Schöne ist, dass wir mit allen Serien, die wir bisher hier gezeigt haben, einerseits Fans eine Freude gemacht haben und neue Fans dazugewonnen haben, weil jedes Mal Leute sagen: „Ich hab ‚Mit Schirm, Charme und Melone‘ noch nie gesehen früher, nur davon gehört, das ist ja cool.“ Oder auch „Doctor Who“: Die Hälfte waren Hardcore-Fans, und die andere Hälfte hatte das noch nie gesehen. Für die Fans war es wirklich genauso spannend zu sehen: Wie reagieren denn jetzt die Neuen darauf? Und wenn danach die Leute kommen und sagen: „Hey, das war ja echt klasse, das habe ich nie gewusst, tolle Serie, danke, da muss ich ja gleich mal weitergucken“, dann hat man, finde ich, was erreicht. Das ist echt schön, wenn man Leuten mal gute Sachen näher bringen kann.

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