„Stalker“

    Der neue Psychothriller von Kevin Williamson – von Bernd Krannich

    Krimifans können durchaus mal ein Auge riskieren: „Stalker“ mit Maggie Q und Dylan McDermott

    Eine neue Art von Verbrechen hat Kevin Williamson mit seinem jüngsten Werk für das Fernsehen erschlossen: „Stalker“ aller Couleur stehen in der gleichnamigen Serie im Zentrum, die ihre Opfer verfolgen und dabei zumeist über längere Zeit subtil terrorisieren. So ergibt sich grundsätzlich die übliche Krimihandlung: Cops sieben unter unterschiedlichen potentiellen Tätern mit hinreichenden Motiven denjenigen aus, der wirklich hinter der Tat steckt. Unterschiede zu anderen Serien stecken im Detail.

    Das Team
    Von Anfang an ist auch das Ermittlerteam in „Stalker“ in eigene Geschichten verwickelt. Die Serie beginnt mit der Ankunft von Detective Jack Larsen (Dylan McDermott) in Los Angeles. Nach einer Affäre mit der Ehefrau eines anderen Polizisten hat er die Arbeit in einer Mordkommission in New York aufgegeben und sich der Threat Assessment Unit des Los Angeles Police Departement angeschlossen. Dank einflussreicher Freunde ist ihm gelungen, dort unterzukommen, was bei einigen seiner neuen Kollegen zu Unwillen führt.

    Seine Chefin Beth Davis (Maggie Q) etwa muss damit leben, dass der fachfremde Larsen ihr von oben aufgedrückt wurde, obwohl es an fähig(er)en Bewerbern nicht mangelte. Mit seinen Versuchen, sich mit seinem überbordenden Charme einzuschmeicheln und dadurch Wogen zu glätten, beißt Larsen bei der kühlen Davis auf Granit.

    Auch Kollege Ben Caldwell (Victor Rasuk) ist vom kumpelhaften Auftreten des Neuen wenig beeindruckt: Denn Caldwell hatte sich insgeheim selbst Hoffnung auf dessen Job im Team gemacht – was für ihn auch einer Beförderung gleichgekommen wäre. Janice Lawrence (Mariana Klaveno) ist die einzige, die sich mit dem charmanten Kollegen arrangiert.

    Die Fälle
    Im Zentrum von „Stalker“ stehen alle Fälle, in denen ein Täter aufgrund einer übergroßen und ungesunden Fixierung auf ein Opfer dieses bedrängt. Zumeist beginnt die Handlung mit einer größeren Tat, einem Einbruch oder Angriff, was dann schließlich die Polizisten auf den Plan ruft, um die Hintergründe aufzuklären und eine weitere Eskalation zu verhindern.

    So, wie sich andere Krimis jede Menge ausgefallene Mordmethoden einfallen lassen, so bemüht man sich bei „Stalker“ darum, bei den Motiven der Täter variabel zu sein – zumal pro Episode gerne auch mal verschiedene Verdächtige mit unterschiedlichen Motiven auftreten.

    Schon in der Pilotepisode wird etabliert: Die Arbeit der TAU hat nur gelegentlich mit Berühmtheiten und Fans zu tun. Liebe, die Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Nähe, gebrochene Herzen, Hass und mentale Störungen sind Hintergründe. Und bisweilen wird auch ein ungewöhnlicher Fall eingestreut.

    Gleich in der ersten Episode wird etabliert, dass auch zwei der Hauptfiguren ihre Erfahrungen mit Stalking haben: Eine Figur war offensichtlich bereits einmal Opfer. Eine andere Figur entpuppt sich als jemand, der selbst Grenzen zu überschreiten bereit ist.

    Smarter Ermittler: Detective Jack Larsen

    Das Schlechte
    Gerade in diesem Punkt liegt eines der Probleme der Serie. Denn einer unserer Protagonisten – und damit jemand, dem der Zuschauer Sympathien entgegen bringen soll(te), entpuppt sich selbst als Stalker. Also jemand, der soziale Grenzen eigenmächtig wegen der eigenen Emotionen übertritt und damit Anderen die Lebensfreude und Unbesorgtheit nimmt. Weil es sich um eine Hauptfigur handelt, wird die Situation zwar vielschichtig und mit einem Twist dargestellt, erweist den positiven Grundaussagen der Serie aber einen Bärendienst.

    In den USA wurde in Besprechungen von „Stalker“ anhand ihres Serienpiloten vor allem eine Szene hervorgehoben und kritisiert – zurecht: In der Auftaktfolge der Serie wird eine Frau Opfer eines unglaublich gewalttätigen Übergriffs ihres Stalkers. Mit dieser frühen Schockszene wollten die Macher augenscheinlich auf die Pauke hauen. Zumal die Serie in den USA hinter dem bereits für verstörende Morde bekannten „Criminal Minds“ ausgestrahlt wird. Jedoch kann „relativierend“ angemerkt werden, dass „Stalker“ sich im Folgenden von solch einem Rennen um die schockerendste Gewalttat (gegen Frauen) zurückzieht. Weiterhin bleibt es eine Serie mit Gewalttaten und bisweilen schwer zu schluckenden Geschichten – „Stalker“ ist immerhin ein Psychothriller – aber eben in dem Maß, das derzeit im US-Fernsehen üblich ist.

    Daneben muss man kritisch anmerken, dass bei allem lobenswerten Umgang mit den Opfern von Stalking Menschen mit generellen psychischen Störungen eher eindimensional und negativ dargestellt werden. Gerade Serien aus Kanada wie „Cracked“ und „Flashpoint – Das Spezialkommando“ haben das deutlich besser gehandhabt.

    Das Gute
    Lobenswert ist, dass „Stalker“ sich recht stark darum bemüht, den Opfern von Stalking Mut zu machen. Denn fast in jeder Episode wird den Opfern – und damit den Zuschauer – vermittelt, dass Zielpersonen von Stalking eben selbst keine Schuld trifft. Die Stalker sind diejnigen, die für ihre Handlungen verantwortlich sind, es ist „ihre Aufgabe“, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen, bevor sie das Leben anderer Menschen negativ beeinflussen. Für viele Menschen, die von anderen aus welchen Gründen auch immer bedrängt werden, ist das sicherlich eine wichtige und nicht oft genug zu vermittelnde Erkenntnis. Die Entstigmatisierung des „Opfer Werdens“ kann auch ein erster Schritt sein, sich gegen solche Übergriffe auch im echten Leben zur Wehr zu setzen.

    Daneben ist vor allem die exzellente Musikauswahl von „Stalker“ zu erwähnen. Intensive, oftmals düstere Coverversionen bekannter, bisweilen gar launiger Liebeslieder kehren den Status der Liebe als obsessiver Verhaltensweise heraus. Beispielhaft sei Radioheads „Creep“ in einer Version von Daniea Andrade hervorgehoben, oder „I Want You to Want Me“ (im Original von „Cheap Trick“) in einer Interpretation von Gary Jules: „I want you to want me. I need you to need me. I’d love you to love me. I’m begging you to beg me.“

    Fazit
    Trotz interessanter Stars vor wie hinter der Kamera und einer exzellenten Musikauswahl bleibt „Stalker“ eine eher mittelmäßige Krimiserie. Sie gibt dem Genre sicherlich einen neuen Spin, bringt das Ganze mehr auf eine psychologische Ebene – immerhin gilt es, zumeist das Opfer vor eskalierenden Verhaltensweisen des Täters zu beschützen.

    Etwas albern wirken Szenen, in denen die Ermittler von einem Hauptverdächtigen auf einen anderen mit einer gänzlich anderen Motivation umschwenken und das mit psychologischen Klassifizierungen untermalen: Das „Psychogebrabbel“ wirkt häufig wie ein zu bemühter Versuch, die Krimihandlung mit dem Stalkerthema verknüpft zu halten.

    Die Fälle der Serie sind von unterschiedlicher Qualität, zwischen klassische Kriminalfälle mischen sich auch immer wieder solche, bei denen die Handlung zugunsten einer Moral oder eines Gimmicks verbogen wird.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten elf Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: Warner Bros. Television

    22.12.2014, 14:30 Uhr – Bernd Krannich/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Bernd Krannich
    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von "The Americans" über "Arrow" bis "The Big Bang Theory". Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von fernsehserien.de.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

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