Once Upon a Time in Wonderland – Review

    TV-Kritik zum Märchen-Spin-Off – von Gian-Philip Andreas

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 05.12.2013, 14:54 Uhr

    Alice (Sophie Lowe) trifft im Wunderland auf den attraktiven Flaschengeist Cyrus (Peter Gadiot).

    Edward Kitsis und Adam Horowitz lieben Fantasiewelten: Mehr als 20 Folgen von „Lost“ schrieben sie gemeinsam, im Anschluss schufen sie dann ihr eigenes Universum: die ABC-Serie „Once Upon a Time“. Die simple Lösung war allerdings nie ihre Sache. Die exotisch-mysteriöse Insel-Welt von „Lost“ entpuppte sich schließlich als Parallel-Universum zweiter Ordnung, als in der letzten Staffel alternative, synchrone Realitäten Einzug hielten. Und auch die Familien-Fantasy „Once Upon a Time“ gibt sich komplex: Der Zuschauer muss nicht nur die reale von der Märchenwelt, sondern auch noch die Märchenwelt vor und nach einem ominösen Fluch unterscheiden. Puh!

    Damit aber nicht genug: Beflügelt vom Erfolg der fünffach ‚Emmy‘-prämierten Fairy-Tale-Abenteuer lancierten Kitsis und Horowitz nun ein Spin-Off – ebenfalls für das zum Disney-Konzern gehörende ABC-Network. Zusammen mit ihren Co-Autoren Zack Estrin („Prison Break“) und Jane Espenson („Buffy – Im Bann der Dämonen“) rücken sie diesmal dem britischen Schriftsteller Lewis Carroll zu Leibe. Der schrieb im 19. Jahrhundert die Bücher „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“, die vor allem im angelsächsischen Raum jedem Kind bestens bekannt sind – und genau um jene Alice und um jenes Wunderland geht es in „Once Upon a Time in Wonderland“. Vielmehr noch scheint es allerdings um jenes Wunderland zu gehen, das aus der klassischen Disney-Verfilmung von 1951 in Erinnerung ist: die Pilze, der Hase, die Raupe, die Katze, der verrückte Hutmacher. Mit der optischen Ähnlichkeit bleibt man also der Herangehensweise von „Once Upon a Time“ treu: Auch dort sehen die Märchen- und Sagenfiguren von den sieben Zwergen bis Pinocchio, die „nach dem Fluch“ in der Kleinstadt Storybrooke leben, eher nach den Disney-Versionen denn nach Grimm aus.

    Auch in „Wonderland“ sieht die Märchenwelt nicht mehr so aus wie gedacht, auch das Wunderland scheint vom Fluch gezeichnet, obwohl in dieser Hinsicht anfangs keine Klarheit herrscht. Das Universum scheint allerdings dasselbe zu sein – Granny’s Diner in Storybrooke taucht gleich am Anfang auf. Auf jeden Fall herrscht keine Herzkönigin mehr in Carrolls psychedelischer Welt, sondern die eisige Red Queen, gespielt vom dicklippigen „Hollyoaks“-Soap-Starlet Emma Rigby, das hier mit blonder Betonfrisur in wallenden Gewändern herumstakst wie ein Botox-Opfer aus dem russischen Geldadel und die protestierenden Untertanen im Thronsaal mit einem blasierten „Eure Probleme langweilen mich!“ stehen lässt. Durchaus großartig! Auch sonst scheint das Wunderland verheert: Der Hutmacher und seine Tea Party sind längst verschwunden, die Cheshire Cat ist aggressiv, und die kiffende Raupe (mit näselnder Altpunk-Nachlässigkeit gesprochen von Iggy Pop!) hält als subterraner Gangster Hof. Denn unter dem Wunderland liegt, wenn man nur den richtigen Riesenpilz hinabklettert, ein „Underland“, das an Speakeasy-Spelunken aus der Prohibitionszeit erinnert.

    Emma Rigby als eisige Red Queen.
    In dieses Setting hinein purzelt Alice nun in der Pilotfolge. In wenigen Minuten hetzt die Episode durch einen Erzählstoff, den man über mehrere Spielfilmlängen hätte auswalzen können: Alice wurde als Kind, als sie erstmals aus dem Wunderland zurückkehrte, wegen ihrer pilz- und hasensatten Berichte in eine Irrenanstalt gesteckt. Dort wuchs sie zu einer jungen Frau heran (toll in der Hauptrolle: Sophie Lowe, ein australisches Ex-Model, das durch die neulich auf Arte gezeigte Serie „The Slap – Nur eine Ohrfeige“ bekannt wurde). Und während sie vom schmierigen Psychiater gelöchert wird, flieht sie über die Jahre immer wieder zurück durchs Hasenloch ins Paralleluniversum. Dort lernt sie eines Tages den aus 1001 Nacht herübergewehten Flaschengeist Cyrus kennen, gespielt von Peter Gadiot, einem blendend attraktiven James-Franco-Lookalike. Cyrus wird, aus noch nicht klaren Gründen, vom Zauberer Jafar (bekannt aus „Aladdin“) und von der Red Queen gejagt. Eines Tages stürzt die böse Königin den Jüngling über die Reling ins „Kochende Meer“. Alice ist untröstlich und will sich in ihrer „wirklichen“ Welt des viktorianischen Englands endgültig vom Psychiater lobotomisieren lassen, als sie vom Weißen Hasen und vom Herzbuben zurück ins verfluchte Wunderland entführt wird. Dem Zuschauer wird bald enthüllt, dass a) der Hase inzwischen Handlager der Königin ist und b) Cyrus nicht tot, sondern von Jafar in einem hängenden Käfig gefangen gehalten wird. Alices Mission – klar – ist nun die Suche nach dem feschen Geliebten.

    Weil es in so rasendem Tempo erzählt wird, wirkt das alles ziemlich wirr. Wer neu in der „Once“-Welt ist, könnte sich bald schon aus der narrativen Kurve getragen fühlen – und optisch im falschen Film, was auch an den trashigen Spezialeffekten liegen mag. Denn in den Totalen erinnert das Wunderland an rudimentäre Vektorgrafiken aus alten Amiga-Spielen, und auch das Creature Design ist nur wenig besser. Der quietschbunte Look zwischen Gold, Lila, Kirschrot und Giftapfel-Grün macht, wenn schon nicht blind, so doch immerhin Staunen.

    Den Herzbuben übrigens, der die Rolle von Alices Sidekick übernimmt, kennt man schon aus zwei Auftritten aus „Once“, womit die Ankündigung der Macher, es werde in Zukunft Crossover-Episoden mit der Mutterserie geben, an Plausibilität gewinnt. Allerdings wird der junge Mann jetzt von einem anderen Darsteller gespielt, einem sehr guten: Michael Socha war bei den „This is England“-Filmen in tragender Skinhead-Rolle dabei und darf auch in „Wonderland“ ein beherztes „Oi!“ ausstoßen, wenn er die Grinsekatze mit einem Schrumpfzauber bewirft. Die dritte Episode blendet, in „Once“-Manier, in sein Vorleben zurück: Eine Zeit lang war er im Zauberwald Raubgenosse von Robin, bis er der Drachenhexe Maleficent einen Spiegel klaute, um sich mit dessen Hilfe und gemeinsam mit seiner Geliebten Anastasia (der Disney-Zarentochter?) ins Wunderland zu beamen.

    Mit viel Kajal spielt Lockenkopf Naveen Andrews den Zauberer Jafar: Wie er im Kunstleder-Hexenmeisterkostüm seinen rot blinkenden Kobrakopf-Stab spazieren führt und mit der Hand seine magischen Energien dirigiert, das erinnert an Kasperletheater. Ohnehin spielen er und die Queen das Evil Couple wie zwei Shakespeare-Knattermimen auf der Freilichtbühne – und das nicht ohne sexuelle Anspielungen, die man im Family-Genre gar nicht erwarten würde. Andrews ist natürlich vor allem bekannt als Sayid aus „Lost“ – womit sich die Reihe an ins Märchenland versetzten Ex-“Lost“-Stars (in „Once“ spielen Emilie de Ravin und Jorge Garcia) nahtlos fortsetzt.

    Nach dem überstürzten Beginn landet der Plot dann bald im Routineprogramm. Die Queen und Jafar dürfen Alice noch nicht bedrohen, weil das Mädchen erst (warum auch immer) ihre drei vom Flaschengeist geschenkten Wünsche verbrauchen muss. Die Königin winkt dazu mit dem Zaunpfahl: „Ich bin so viel mehr, als es den Anschein hat.“ Eine Dialogzeile zum Verlieben! Derweil dominiert Alices Suche nach Cyrus das Geschehen; diese ist untergliedert in kleine Zwischen-Aufgaben: einen Marshmallow-See überqueren, auf der Mock Turtle reiten oder – beste Sequenz bisher – einen magischen Knoten aus den Fängen des Beowulf-Unholds Grendel entwenden und dabei den „Bandersnatch“ besiegen, das Monster aus Carrolls „Jabberwocky“-Gedicht, das hier aussieht wie ein falsch animiertes Riesenwildschwein.

    Leider fehlt „Wonderland“ noch der nötige Drive – was Anlass zur Sorge gibt, da die Handlung, anders als in „Once“, bislang nur auf 13 Folgen verteilt werden muss. Wie soll einer Serie die Luft ausgehen, wenn erst gar keine hineinkommt? Bedenklich auch: Der versponnene Zauber von Carrolls Wunderland-Geschichten will sich nicht entfalten, vor allem wohl, weil sie als bloßer Figurenfundus und nicht um ihrer selbst willen verwendet werden. Am ehesten funktioniert die Serie noch als generischer Abenteuer-Plot: zwei junge Leute, sich kabbelnd, auf großer Reise. Sophie Lowe ist dabei als schwertschwingende, renitente und dennoch zutiefst liebesverzweifelte Alice eine sehenswert taffe Hauptfigur – eine gelungene Nachfolgerin von Jennifer Morrisons Emma Swan in „Once“. Wenn es Kitsis und Horowitz gelingt, der Stärke dieser Figur auch auf der Plot-Ebene gerecht zu werden, wird man sich in dieser ansonsten noch allzu unübersichtlichen Parallelwelt gerne länger aufhalten wollen. Ansonsten jedoch mag man sich bald fragen, ob es dieses merkwürdigen Ablegers denn wirklich bedurft hätte.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Folgen von „Once Upon a Time in Wonderland“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    Gian-Philip Andreas
    © Alle Bilder: ABC

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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