Broad City – Review

    TV-Kritik zu Comedy Centrals New York-Serie – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 24.02.2014, 11:51 Uhr

    Beste Freundinnen machen New York City unsicher: Ilana Glazer (l.) und Abbi Jacobson (r.).
    Beste Freundinnen machen New York City unsicher: Ilana Glazer (l.) und Abbi Jacobson (r.).

    In der ersten Szene sitzt Abbi mit einem lila Latexdildo vor ihrem Computer, ein Post-It-Zettel mit Uhrzeitangabe (7 Uhr morgens) signalisiert: Der Tagesprogrammpunkt Masturbation muss jetzt abgearbeitet werden. Per Skype schaltet sich plötzlich ihre beste Freundin Ilana dazu: Die groovt im Hip-Hop-Modus, will Abbi dazu animieren, abends mit ihr ein Pop-Up-Konzert des Rappers Lil’ Wayne zu besuchen. Dann rutscht der Laptop runter und zeigt den wahren Grund ihrer rhythmischen Moves: Ilana reitet gerade auf ihrem Lover Lincoln herum (von dem wir erfahren werden, dass er auch ihr Zahnarzt ist). Abbi entgeistert: „Is he inside of you?“ Ilana: „I’m just keeping him warm.“

    Das Begeisternde an dieser Szene ist nicht der Gross-Out-Humor, der in anderer Leute Hände zum bloßen Mittel des Entsetzens prüder Zuschauer ausgeartet wäre. Es ist vielmehr die alltägliche Beiläufigkeit, mit der sich die absurde Situation entfaltet – und es ist die Chemie zwischen den Darstellerinnen, eine sofort spürbare Vertrautheit, die auch den unkundigen Betrachter auf Anhieb hineinzieht in diese neue Comedy Central-Serie.

    Kundige Zuschauer wissen dagegen, dass Abbi Jacobson und Ilana Glazer nicht neu sind in diesen Rollen (die ihre tatsächlichen Vornamen tragen, dabei aber besser nicht mit ihnen selbst verwechselt werden sollten). „Broad City“ lief zwischen 2009 und 2011 als Webserie mit simplem, aber wirkungsvollem Konzept: Zwei nicht sonderlich ambitionierte Mittzwanzigerinnen in Brooklyn erleben alltäglich-sonderbare Dinge. Die durchaus ziemlich oft mit Sex zu tun haben, oder mit den peinlichen Situationen, zu denen Sex sich häufig auswächst. Damit hatten sich die beiden Newcomer zuletzt eine so treue Fangemeinde erarbeitet, dass sie das Serienfinale damals sogar mit einem Gastauftritt von Amy Poehler adeln durften. Der „Parks and Recreation“-Star fungiert nun, nach dem Upgrade ins Privatfernsehen, sogar als ausführende Produzentin.

    New Yorker Twentysomething-Mädels mit miesen Jobs und peinlichem Sex – natürlich muss da das übliche Vergleichswort zu „Girls“ gesprochen werden, und das geht so: Vergleiche haben keinen Sinn. Denn das, was Jacobson und Glazer da in den 22-minütigen Episoden treiben, will gar nichts anderes sein als pure Comedy – krampfhaft wäre es, darin nach Tiefgang und Sozialkritik zu stöbern, obwohl beides, en passant, im durchaus schonungslosen Blick aufs Dasein in New York schon mitschwingen kann.

    Ilana hat alles dabei, was sie braucht.
    Ilana hat alles dabei, was sie braucht.

    Vor allem die Plot-Ebene ist völlig anders angelegt: An übergreifenden Handlungsbögen scheint „Broad City“ nicht interessiert zu sein, selbst Episodenhandlungen sind nur in Rudimenten zu finden – und genau das ist das große Glück dieser Show. Okay, in Episode 1 wollen die beiden 200 Dollar auftreiben, um den besagten Lil’ Wayne-Gig (plus Drinks) besuchen zu können. Und, ja, in Episode 2 wollen sie vor allem high werden. Und, gut, in Episode 3 jagt Abbi der Postsendung ihres umschwärmten Nachbarn durch halb New York hinterher, während Ilana in einer Zeitarbeitsfirma für hündisches Chaos sorgt. Letztlich aber sind das Vorwände dafür, den beiden einfach beim Tun und Geschehenlassen mehr oder minder merkwürdiger Dinge zusehen zu können, und genau das ist umwerfend komisch. „Broad City“, das lässt sich am besten mit „Tussenstadt“ übersetzen: Abbi und Ilana benehmen sich, als wären die Frauen in „Sex and the City“ durch Beavis und Butt-Head ersetzt worden. Mit dem Unterschied freilich, dass Ilana ihr Marijuana in der Vagina transportiert.

    Schon die erste Episode wirkt so, als sei dies nicht die Pilotfolge einer neu ins Rennen um die Zuschauergunst startenden Comedyserie, sondern die hundertste eines eingespielten Teams – ein beachtliches Kunststück von Regie, Buch und Darstellerinnen: Abbi und Ilana sind einfach „da“, sie stellen sich nicht vor, ihre offenbar langjährige und deshalb belastbare Freundschaft ist vom ersten Moment an glaubwürdig, wobei dies interessanterweise auf zwei Ebenen funktioniert: Auch Abbi Jacobson und Ilana Glazer (als Schöpferinnen ihrer Kunstfiguren) scheinen sich in den teils improvisierten Dialogen so blind zu verstehen, dass man reizvollerweise nie sicher sein kann, ob da zum Beispiel gerade „Abbi“ über Ilana Glazer oder „Ilana“ über Abbi Jacobson lacht.

    Um Abbi und Ilana herum tauchen diverse Männerfiguren auf, die allesamt von New Yorker Comedians aus dem Guest-Star-Radius von Shows wie „30 Rock“, „Saturday Night Live“ oder „Louie“ verkörpert werden: Da ist Hannibal Buress als Zahnarzt Lincoln, der mit Ilana gerne eine tiefergehende Beziehung hätte. Da ist Matty Bevers (John Gemberling), ein dicker Bartträger in Ballonseide, der sich in Abbis Wohnung eingenistet hat, Videospiele spielt, den Kühlschrank leerfrisst – und angeblich der Freund von Abbis Mitbewohnerin Melody ist (von der bislang allerdings noch nichts zu sehen war). Chris Gethard spielt Derek, den windigen Chef der Stand-Up-Agentur „Deals Deals Deals“, in der Ilana betont unmotiviert „arbeitet“. Stephen Schneider tritt als Jeremy auf, Abbis Nachbar im Karohemd: Abbi ist so verzweifelt in ihn verschossen, dass ihre fremdschamkitzelnden Zusammentreffen wahlweise als akustische Slow-Motion oder als Dialogstudien in Awkwardness inszeniert werden. Hinzu kommen noch Jaime (Arturo Castro), der schwule Mitbewohner von Ilana sowie Paul W. Downs als Trey, der zwangspositive Trainer in jenem Fitnessstudio, in dem Abbi als Mädchen für alles verstopfte Toiletten reinigen muss. Prominentere New Yorker Comedians aus dem SNL-Universum scheinen sich schon jetzt um Gastauftritte zu balgen: Fred Armisen etwa spielt einen Mann mit Kinderschänderbart, der Ilana und Abbi als Nacktputzerinnen engagiert und dazu eine Windel trägt, auch Rachel Dratch und Janeane Garofalo geben sich die Ehre. Im Mittelpunkt stehen dennoch jederzeit die beiden ungleichen Freundinnen, wobei sich Abbis vermeintliche Prüderie und Ilanas ungezügelte Party-Mentalität spätestens dann angleichen, wenn beide mal wieder high sind

    Das Erfrischendste an „Broad City“ ist die Freiheit in der (Single-Camera-)Form, die erfreulicherweise aus der Webserie herübergerettet wurde. Nicht jede Sequenz ist strikt auf die finale Pointe hin ausgerichtet, manchmal driften die Szenen einfach so dahin, wobei die Komik genau in diesem Driften besteht, das manchmal fast surreale Züge annimmt und in absurdem Theater mündet: Wenn sich Abbi berauscht über den Teppichboden eines mit Müttern und Kindern gefüllten Arztwartezimmers wälzt, rollt und schlängelt, halb beseelt, halb vor Scham zerfließend, ist das zum Beispiel denkbar weit von herkömmlichem Sitcom-Witz entfernt. Oder die dritte Episode: Die hat ein völlig anderes Opening als die Folgen davor, eine wunderschöne, dialoglose Doppelmontage der parallelen Lebensläufe von Abbi und Ilana. Das Versagen beim Postannehmen für den sexy Nachbar wird wie eine Bombenexplosion inszeniert, mit Tinnitus auf der Tonebene, die Reise zur entlegenen Postabholstelle als sinistre Gruselreise mit dem Wassertaxi. Und so wächst die Neugier: In „Broad City“ kann inszenatorisch offenbar alles Mögliche passieren. Zumindest stets das, worauf die Macherinnen Lust haben. Auch in der Welt der US-Comedyserien ist das eine Seltenheit.

    Natürlich erfindet „Broad City“ die Comedy nicht neu, natürlich muss man die Low-Budget-Ästhetik mögen, aber an der Frische und Weirdness, die Glazers und Jacobsons Freestyle-Anekdotentum (das auch erfreulich oft ins Freie strebt, in New Yorker Parks und Nebenstraßen) auszeichnen, kann man schwer vorbeischauen. Könnte sich „Broad City“ also zum Hit auswachsen? Glazer und Jacobson halten lieber den Ball flach und streuen selbstironische Verweise auf andere Sleeper-Hits des Serien-Universums in den Dialog: „Seinfeld“ etwa hätte in der ersten Staffel auch noch kaum jemand geguckt, beruhigen sie sich schon in der Pilotfolge, als sie sich mit unbeholfener Trommelei im Park ein paar Münzen verdienen wollen. Und „Smallville“, heißt es später, müsse man unbedingt von Anfang an schauen, nur dann könne man warm damit werden. Diese Art Understatement ist bestimmt eine geschickte Täuschung, aber fürs Erste fahren sie ziemlich gut damit.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Broad City“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: Comedy Central

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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