Anja Kling: „Ich könnte eine lange Liste an Dingen aufzählen, die ich an unserem Schulsystem zutiefst verurteile“

    Interview über „Schule am Meer“, Improfilme und Umgang mit Enttäuschungen

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 19.05.2022, 17:30 Uhr

    ZDF/​Oliver Vaccaro

    fernsehserien.de: In Ihrer Filmografie finden sich zahlreiche herausragende Produktionen. Sie haben unter anderem in „Klassentreffen“ und „Das Begräbnis“ von Jan Georg Schütte mitgespielt. Die Besonderheit dieser Produktionen war, dass die Dialoge improvisiert wurden. Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden? War das eine völlig andere Herangehensweise, als Sie es gewohnt waren?

    Anja Kling: Ja, das war eine total andere Arbeitsweise, aber für mich eine sehr, sehr schöne. Es war eine riesengroße, abenteuerliche Erfahrung und ich bin sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte. Man dreht diese Improvisationsfilme mehr oder weniger an einem Tag, es gibt keine Unterbrechungen. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit herkömmlichen Drehs, wo man die Möglichkeit hat, immer wieder zu wiederholen und nur einzelne Abschnitte zu drehen. Normalerweise wird bei Filmproduktionen nicht chronologisch gedreht, aber in diesem Fall fängt man in der Früh mit der ersten Begegnung an und um 18 Uhr sagt jemand „Aus!“. Dazwischen wird alles improvisiert. Das ist wirklich etwas völlig anderes. Beim „Klassentreffen“ war ich noch sehr ängstlich, weil ich dachte, dass ich etwas falsch machen könnte. Aber es hat dann ganz gut gepasst, weil man bei einem Klassentreffen ja ganz gut erzählen kann, dass jemand nach 25 Jahren etwas schüchtern auf die Leute zugeht.

    Allerdings, mir hat das Ergebnis jedenfalls wahnsinnig gut gefallen. Worin besteht die größte Herausforderung bei solchen Improvisationsfilmen?

    Anja Kling: Die größte Herausforderung eines Improvisationsspektakels besteht darin, die eigene Legende und die Beziehungen zu allen anderen Figuren in- und auswendig zu kennen. Insbesondere beim „Begräbnis“ war es enorm wichtig, dass die Verhältnisse wirklich sitzen. Ich durfte nicht darüber nachdenken, wie ich zu Charly Hübner stehe. Ich musste wissen, was uns verbindet und was unsere gemeinsame Vergangenheit war. Es haben viele gestandene Schauspieler mitgemacht, die alle eine unglaubliche Aufregung verspürt haben.

    Charly Hübner, Claudia Michelsen und Anja Kling in „Das Begräbnis“ ARD Degeto/​Georges Pauly

    Der Adrenalinpegel war wirklich ganz weit oben, bevor das „Bitte!“ kam. Aber dann ist man in seiner Figur, kommt in den Spielfluss und hat einen ungeheuren Spaß dabei! Ich hatte bei beiden Filmen zwei Aufgaben, die ich nicht erfüllen konnte, aber das war nicht schlimm, weil es genauso interessant ist, wenn etwas eben nicht gelingt. Auch Jan Georg Schütte weiß als Regisseur ja vorher nicht, was am Ende dabei herauskommt. Wenn 50 Kameras zehn Stunden laufen, hat er unglaublich viel Material und kann jede Situation von allen Seiten beobachten. Er kann erst hinterher eine Art Dramaturgie entwickeln und muss entscheiden, was es in den Film schafft und was nicht. Für mich war das jedenfalls eine ganz großartige Erfahrung und ich wäre bei einem weiteren Improvisationsfilm sofort dabei!

    Zu den namhaften Titeln Ihrer Karriere zählen auch „Hannah Mangold & Lucy Palm“, „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“, „Das Adlon. Eine Familiensaga“, „Hexe Lilli“, „Tod eines Mädchens“, „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“, „Der Palast“ und „Freud“, um nur einige zu nennen. Gibt es Produktionen in Ihrer Laufbahn, auf die Sie besonders stolz sind?

    Anja Kling: „Wir sind das Volk“ ist ein Film, der für mich besonders wichtig war und für den ich viele Preise bekommen habe. Da alles in der DDR spielte, in der ich auch großgeworden bin, habe ich eine merkwürdige Verantwortung für die Richtigkeit der Erzählung verspürt. „(T)Raumschiff Surprise“ war für mich auch ein echtes Highlight meiner Karriere, denn von diesem Tag an durfte ich viel Komödie spielen. Vorher hat man mir so etwas gar nicht angeboten. Aus der jüngeren Vergangenheit sind auf jeden Fall die Improvisationsfilme hervorzuheben, aber auch „Freud“, wofür ich wochenlang ungarische Texte gelernt habe. Für uns Schauspieler ist es immer toll, wenn wir herausgefordert werden. Alles hat seine Besonderheit und ist so unterschiedlich – und gerade darauf bin ich stolz.

    Anja Kling in „(T)Raumschiff Surprise“ Constantin Film

    Mit Recht, denn Sie bedienen wirklich die unterschiedlichsten Genres. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie eine Rolle annehmen?

    Anja Kling: Der Maßstab ist schlicht: das Buch, das Buch, das Buch. Wenn mich die Geschichte auf irgendeine Weise interessiert, berührt, fesselt, zum Lachen oder zum Weinen bringt, dann ist auch ganz egal, wie groß die Rolle ist. Es geht um die Geschichte in ihrer Gänze. Als Zweites schaue ich natürlich auch, wer Regie führt und wer meine Spielpartner sind. Aber es ist nicht so, dass ich sage: „Jetzt möchte ich eine Komödie spielen und danach mache ich auf jeden Fall ein Drama.“

    Auf der nächsten Seite spricht Anja Kling darüber, wie sie mit Enttäuschungen und abgesetzten Formaten umgeht – und weshalb sie bisher kaum mit ihrer Schwester Gerit Kling Filme gedreht hat, obwohl sie es gerne würde.

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