Anja Kling: „Ich könnte eine lange Liste an Dingen aufzählen, die ich an unserem Schulsystem zutiefst verurteile“

    Interview über „Schule am Meer“, Improfilme und Umgang mit Enttäuschungen

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 19.05.2022, 17:30 Uhr

    Anja Kling in „Schule am Meer“ – Bild: ARD Degeto/Uwe Ernst
    Anja Kling in „Schule am Meer“

    Seit mittlerweile mehr als 30 Jahren steht Anja Kling vor der Kamera und ist eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Die gebürtige Potsdamerin verfügt über eine beeindruckende Filmografie, die keine Genregrenzen kennt. Am Freitag, 20. Mai startet im Ersten ihr neuestes Projekt: Um 20:15 Uhr ist die Auftaktfolge „Frischer Wind“ aus der potentiellen neuen Reihe „Schule am Meer“ zu sehen, in der Kling die weibliche Hauptrolle spielt.

    Im Interview mit fernsehserien.de-Redakteur Glenn Riedmeier erklärt Anja Kling unter anderem, was sie am deutschen Schulsystem ärgert. Außerdem erläutert sie, weshalb die Improfilme „Klassentreffen“ und „Das Begräbnis“ für sie als Schauspielerin herausragende Erfahrungen waren. Offen spricht sie auch darüber, wie sie mit Enttäuschungen und abgesetzten Formaten umgeht – und weshalb sie bisher kaum mit ihrer Schwester Gerit Kling Filme gedreht hat, obwohl sie es gerne würde.

    fernsehserien.de: Liebe Frau Kling, Sie spielen in der neuen ARD-Produktion „Schule am Meer“ die weibliche Hauptrolle. Wie würden Sie generell die neue Reihe beschreiben und was macht sie besonders?

    Anja Kling: Die Handlung spielt an einer Flensburger Berufsschule und jede Folge dreht sich um einen Schüler. Das ist zumindest der Plan. Wir haben jetzt erst mal einen 90-Minüter gedreht. Ob wir daraus eine Reihe machen dürfen, entscheiden die Zuschauer. Das Spannende an dem Ort Berufsschule ist, dass dort nicht nur ganz junge Leute anzutreffen sind, sondern Menschen jeder Altersklasse, die umschulen oder in ihrem bisherigen Beruf nicht mehr arbeiten können. Die unterschiedlichsten Schicksale führen dazu, dass sie auf der Berufsschule aufeinandertreffen und sich einer Ausbildung unterziehen.

    Schulleiterin Katharina Hendriks (Anja Kling) und Gastdozent Erik Olsen (Oliver Mommsen) müssen sich an die neue Zusammenarbeit gewöhnen. ARD Degeto/​Uwe Ernst

    Sie verkörpern Katharina Hendriks, die Direktorin dieser Berufsschule. Welche Charakterzüge hat sie?

    Anja Kling: Katharina ist ein sehr strukturierter Typ, was aber nicht bedeutet, dass sie ganz stur nach Schema F arbeitet. Sie weiß einfach, dass Schulabläufe ohne bestimmte Strukturen im Chaos enden. Sie hat die Schule und ihr Leben im Griff und einen tollen Mann zu Hause. Allerdings hat sie privat ein kleines Defizit, das aber noch nicht verraten wird und erst in den potentiellen weiteren Folgen erzählt wird.

    Neben Ihnen spielt Oliver Mommsen die Hauptrolle des Foodbloggers und Weltenbummlers Erik Olsen, der als Gastdozent neu an die Schule kommt.

    Anja Kling: Richtig, er bringt mit viel Chaos, aber auch mit vielen innovativen Ideen den Schulalltag und das geordnete Leben von Katharina völlig durcheinander. Erik Olsen hat mit den geordneten Strukturen an der Berufsschule rein gar nichts am Hut.

    Wie war das Zusammenspiel mit Oliver Mommsen? Kannten Sie sich schon vor den Dreharbeiten?

    Anja Kling: Ja, wir haben schon vor ein paar Jahren den, wie ich finde, sehr schönen Film „Aus Haut und Knochen“ zusammen gedreht. In dem Drama von Christina Schiewe haben wir ein Ehepaar gespielt, das eine magersüchtige Tochter hat. Während der Dreharbeiten haben wir uns sehr gut verstanden und fanden, dass wir ein gutes Paar sind. Nur deshalb entstand die Idee, dass man mit uns vielleicht noch etwas anderes, beispielsweise eine Reihe, machen könnte.

    Oliver Mommsen und Anja Kling ARD Degeto/​Uwe Ernst

    In der ersten Folge von „Schule am Meer“ könnte man vermuten, dass sich zwischen Erik und Katharina eventuell mehr als nur eine berufliche Zusammenarbeit ergeben könnte…

    Anja Kling: Das ist Ihre Interpretation (lacht)! Katharina hat ja einen großartigen Mann zu Hause und das ist zunächst überhaupt nicht das, was wir erzählen wollen. Zunächst… was in Folge 10 passiert, kann ich Ihnen nicht sagen (lacht).

    Wenn Sie an Ihre eigene Schulzeit zurückdenken: Gab es da eine Schuldirektorin, die Sie an Katharina Hendriks erinnert?

    Anja Kling: Nein, gar nicht. Ich war allerdings auch nie an einer Berufsschule – und die unterscheidet sich ja schon sehr von normalen Schulen.

    Hätten Sie sich vorstellen können, selbst an einer Schule zu arbeiten – oder waren Sie froh, als Sie Ihre eigene Schulzeit hinter sich hatten?

    Anja Kling: Ich bin tatsächlich ganz gerne zur Schule gegangen, aber ich wäre definitiv kein Lehrer-Typ gewesen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, mich vor eine Klasse zu stellen und den Schülern zu sagen, was sie machen bzw. nicht machen sollen. Ich mag auch dieses permanente Bewerten von Leistungen in Form von Noten nicht. Das ist überhaupt nicht meins. Deshalb wäre ich nicht gut aufgehoben an einer Schule.

    Sie sind selbst Mutter zweier Kinder und kennen daher auch das Schulleben aus der Eltern-Perspektive. Gibt es etwas, das Sie am deutschen Schulsystem ärgert und ändern wollen würden?

    Anja Kling: Oh ja, ganz viel! Angefangen bei der Auswahl der Fächer und der Art der Bewertung bis hin zu der merkwürdigen Hierarchie, wodurch Schule eher Angst- als Mutmacher ist. Und so viel hängt davon ab, ob der Lehrer einen mag oder nicht. Ich könnte wirklich eine lange Liste an Dingen aufzählen, die ich an unserem Schulsystem nicht richtig finde und zutiefst verurteile. Mein Sohn war mal für sieben Monate auf einer Schule in England. Das war so anders und wir haben gesehen, wie Lernen und Lehren auch sein kann – ein Miteinander und kein Gegeneinander. Meine Tochter macht jetzt Abi, dann ich habe ich zwei Kinder jeweils zwölf Jahre durch die Schule begleitet – und ich mache zehn Kreuze, wenn das vorbei ist!

    Faszination Meer – dort arbeiten, wo andere Urlaub machen. ARD Degeto/​Uwe Ernst

    Die „Schule am Meer“ befindet sich hoch im Norden, mit Blick über die Flensburger Förde. Wie die erfolgreiche Reihe „Praxis mit Meerblick“ wird auch „Schule am Meer“ von Wolfgang Eißler inszeniert. Glauben Sie, dass es eine besondere Faszination auf die Zuschauer ausübt, wenn die Handlung am Meer spielt?

    Anja Kling: Auf mich auf jeden Fall! Ich bin ein ganz großer Meer-Fan und auf die Frage „Berge oder Meer?“ würde ich mich immer für das Meer entscheiden. Diese unendliche Weite löst in mir ein unglaubliches Freiheitsgefühl aus. Und das, obwohl ich kein Mensch bin, der gerne ins Meer geht… ich habe Angst vor Fischen (lacht)!

    Sie sind derzeit auch Teil der ZDF-Reihe „Das Quartett“. Wollten Sie mal etwas Abwechslung vom Krimi oder was war für Sie der ausschlaggebende Punkt, die Rolle bei „Schule am Meer“ anzunehmen?

    Anja Kling: Richtig, ich freue mich natürlich, dass ich im „Quartett“ mitspielen darf. Aber wir haben ja nun in Deutschland wirklich sehr, sehr viele Krimis und als wir uns überlegt haben, was wir in einer neuen Reihe erzählen könnten, waren wir uns einig: „Noch eine Krimi-Reihe würden wir ungern drehen wollen.“

    Auf der nächsten Seite erläutert Anja Kling, weshalb die Improfilme „Klassentreffen“ und „Das Begräbnis“ für sie als Schauspielerin herausragende Erfahrungen waren.

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