Corona und Hollywood: Studios halten Schauspieler unter Vertrag, SAG-AFTRA warnt

    Tschechien und Neuseeland erlauben unter Auflagen wieder Dreharbeiten

    Bernd Krannich – 08.05.2020, 16:17 Uhr

    SAG-AFTRA-Präsidentin Gabrielle Carteris als Gabrielle Carteris in „BH90210“

    COVID-19 bringt derzeit die ganze Welt durcheinander, unter anderem Hollywood und die amerikanische Fernsehindustrie. Dort wurden vor nunmehr fast zwei Monaten und im Vorfeld der Upfronts die Serienproduktionen eingestellt. Aktuell ist unklar, wann die Produktion wieder aufgenommen werden kann. Durch die ungewöhnliche Situation einer US-weiten Pandemie sind die Auslegung der Verträge von Seriendarstellern unklar. Ebenso unklar ist, wann und wie die amerikanischen Fernsehsender ihr neues Programm für den Herbst festzurren.

    Denn das besteht aus den „besten neuen Serienpiloten“ und den „erfolgreichsten laufenden Serien“ der Sender. Wegen der Produktionsunterbrechung konnte dieses Jahr bisher nur ein Serienpilot auch fertiggestellt werden (der zur Sitcom „B Positive“ von Chuck Lorre für CBS).

    Das lässt zwischen den drei Vertragspartnern Fernsehsender, Produktionsstudios und Schauspielern (insbesondere Serienhauptdarstellern) die Frage aufkommen, wer die finanziellen Konsequenzen trägt und wie es – vertraglich – in den Zeiten der Ungewissheit weitergeht. Fernsehsender haben Verträge mit den Produktionsstudios, die Produktionsstudios Verträge mit den Schauspielern.

    Darsteller, die Verträge für Rollen in einem Serienpiloten übernommen haben, stehen nach den Standardverträgen im Umfeld von Serien bei den Broadcast-Networks bis 30. Mai unter Vertrag – bis dahin ist in normalen Jahren auch entschieden, ob eine Serie eine Serienbestellung erhält und ob die Dienste eines Darstellers darin eingefordert werden (manche Rollen werden nach dem Serienpiloten noch umbesetzt). Schauspieler in laufenden Serien haben in der Regel eine Frist bis 30. Juni, bis zu der die Produktion ihre Vertragsoption ziehen kann/muss, um sie für eine weitere Staffel zu beschäftigen.

    Aktuell weiß niemand, wann Dreharbeiten wieder aufgenommen werden können.

    Produktionsstudios zahlen

    Die Produktionsstudios stehen in der Zwickmühle zwischen Sendern und Schauspielern: Um später Geschäfte mit den Sendern machen zu können (die oftmals schon durch beträchtliche Investitionen vorbereitet wurden), muss man aktuell die Schauspieler an Bord halten. Und dabei auch dafür Sorge tragen, dass sie auch längerfristig zur Verfügung stehen, gegebenenfalls über die aktuellen Vertragsfristen hinaus – man will später im Jahr ja vielleicht noch Serienpiloten drehen oder die Produktion von (womöglich verkürzten) Serienstaffeln. Da ganz Hollywood stillsteht, haben Schauspieler aber auch wenig Anreiz, eine in der Schwebe befindliche Produktion zu verlassen: Es gibt einfach keine Job-Alternativen!

    Wie Deadline meldet haben verschiedene Produktionsstudios nun damit begonnen, Darsteller auf die eine oder andere Art aus eigener Tasche zu bezahlen.

    Disney soll demnach die Bezüge in zwei Tranchen zahlen – eine jetzt, eine zum 30. Juni. Im Gegenzug werden die Vorverträge bis zum 30. September verlängert, zusätzlich gibt es Vertragsergänzungen, zu welchen Bedingungen die Studios die Vertragsoptionen bis 30. Dezember aufstocken können. Universal TV soll dem Bericht zufolge mit einem ähnlichen Model arbeiten.

    Für die Kompensation bei laufenden Serien wird von einigen Studios mit dem vertraglich festgeschriebenen Mindestverdienst der Schauspieler gearbeitet – der vertraglich allerdings eigentlich auch mit der Produktion der Serie zusammenhängt. HBO etwa soll Darsteller 25 Prozent ihrer kommenden Bezüge jetzt gezahlt haben, weitere 25 Prozent werden fällig, wenn die Produktion eigentlich hätte beginnen sollen und die restlichen 50 Prozent dann, wenn die Dreharbeiten auch tatsächlich anlaufen.

    Wie geht es weiter? – Die Gewerkschaft mahnt

    Im Rahmen einer online durchgeführten Pressekonferenz der verschiedenen Hollywood-Gewerkschaften kam auch SAG-AFTRA-Vertreter David White zu Wort, der „oberste Bürokrat“ der Schauspielgewerkschaft, der im Auftrag des gewählten Vorstandes wirkt. Er stellte klar, dass es zwar momentan noch nicht allgemein Konsensus sei, aber vor dem breiten Einsatz eines Impfstoffs gegen das aktuell wütende Corona-Virus sei eine Normalisierung der Produktion schwer vorstellbar. Zudem müsste es umfangreiche Tests und wieder die Möglichkeit geben, Infektionsketten nachzuvollziehen, bevor an eine dauerhafte, organisierte Rückkehr auf die Studiobühnen (also zu den eigentlichen Dreharbeiten) zu denken sei.

    White gab zu, kein Experte zu sein, aber als Daumenregel sollten seiner Ansicht nach alle wichtigen Schritte etabliert sein (genug und verlässliche Test etwa), bevor die Gewerkschaft wieder Leute in eine Umgebung schickt, die ihre Gesundheit negativ beeinflussen kann. Gabrielle Carteris, die gewählte Gewerkschaftspräsidentin von SAG-AFTRA kommentierte: Wir [Schauspieler] waren die ersten, die betroffen waren, und wir werden vermutlich die letzten sein, die wieder an die Arbeit gehen können, einfach, weil wir in großer Zahl und relativer Nähe zueinander arbeiten und häufig in Begleitumständen sind, wo persönliche Schutzbekleidung nicht genutzt werden kann.

    Die Hollywood-Gewerkschaften arbeiten einzeln, aber auch im 1965 gegründeten Labor-Management Safety Committee (zusammen mit Produzenten) an der Ausarbeitung von Verhaltens- und Sicherheitsstandards in der Film- und Fernsehindustrie.

    Ausland

    Frühzeitig hatte der britische Pay-TV-Sender Sky mit seinen Sky Studios schon Ende April festgelegt, dass Dreharbeiten im Ausland oder solche mit veränderlichen Drehorten zu unterbrechen seien. Man gab an, zwar von Fall zu Fall entscheiden zu wollen, es aber in solchen Fällen nicht mit einer Produktionsfortsetzung vor Frühling 2021 zu rechnen sei. Zumindest sei das die zeitliche Vorstellung, die man empfehle (etwa für Serien wie „Britannia“). Bei „kleineren“ Produktionen (etwa „Temple“), hoffe man hingegen im Sommer die Vorproduktion wieder aufnehmen zu können.

    Die tschechische Film-Kommission hat laut Deadline ein Statement unter anderem mit Zitaten des Kultur-Ministers und des US-Botschafters veröffentlicht, demzufolge Dreharbeiten, die wegen staatlicher Auflagen unterbrochen wurden, ab Mitte Mai grundsätzlich die Erlaubnis zur Fortsetzung hätten. Für einreisende Schauspieler habe man eine Sonderregelung, um die aktuell eigentlich vorgeschriebene 14-tägige Einreise-Quarantäne zu erleichtern: Wer mit einem negativen Test auf das Coronavirus aus den USA einreise und binnen 72 Stunden einen weiteren negativen Test ablege, könne zur Arbeit gehen – andernfalls müsse man bis zu einem negativen Test nach der Einreise in Quarantäne bleiben. Betroffene internationale Produktionen sind unter anderem die zweite Staffel von „Carnival Row“, die Disney+- und Marvel-Serie „The Falcon and The Winter Soldier“. Tschechien hatte laut Deadline schnell auf die Corona-Krise reagiert und daher bei einer Bevölkerung von 10 Millionen nur 8000 Erkrankungen gehabt – daher sei das Land jetzt auch früh bei den Lockerungen dabei.

    Auch in Neuseeland laufen die Kameras nach einem anderen Deadline-Bericht wieder: Die Regierung habe von der New Zealand Film Commission vorgeschlagene Verhaltensregeln und Sicherheitsprotokolle akzeptiert. Auf der Inselnation wird die „Der Herr der Ringe“-Serie von Amazon Studios produziert, daneben entstanden bei Ausbruch von Corona Aufnahmen für die Filmfortsetzungen zu „Avatar – Aufbruch nach Pandora“. Auch Neuseeland hatte energisch auf die Corona-Krise reagiert und hat Einreisebeschränkungen mit Quarantäne ausgerufen. Im von ungefähr 4,5 Millionen Menschen besiedelten Neuseeland wurden demnach bis dato 1.139 Corona-Erkrankungen festgestellt. Das lässt die realistische Erwartung zu, dass man in Zukunft in der Lage sein kann, weitere Erkrankungsketten nachvollziehen zu können und daher mit gezielten statt allgemeinen Maßnahmen vorgehen zu können.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

      weitere Meldungen