„Unbroken“: Starke Aylin Tezel sucht als traumatisierte Kommissarin nach ihrem Baby – Review

    ZDFneo-Miniserie pendelt etwas unentschlossen zwischen Krimi und Psychothriller

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 22.02.2021, 17:30 Uhr

    „Unbroken“: Nach ihrer Entführung taucht Alex ohne Erinnerung und ohne ihr ungeborenes Kind am Waldrand auf

    Ohne Krimi geht beim ZDF niemand ins Bett – und auch nicht aus der Programmkonferenz raus. Das auf dem Lerchenberg vorherrschende Genre bleibt selbst dann nur selten außen vor, wenn es darum geht, etwas gewagtere Serienkonzepte für den jüngeren Tochtersender ZDFneo zu entwickeln. So folgt auf „Tempel“ und „Dunkelstadt“ nun also „Unbroken“ und im Mittelpunkt steht diesmal tatsächlich – man glaubt es kaum – eine junge Kriminalkommissarin. Die wird auch noch gespielt von Aylin Tezel, einer Schauspielerin, die hauptsächlich bekannt wurde durch ihre Rolle als…junge Kriminalkommissarin im Dortmunder „Tatort“. (Wer an dieser Stelle denkt, nicht mehr weiterlesen zu müssen: Keine Angst, es wird schon noch ein bisschen origineller!)

    Die Miniserie spielt zwar nicht in Dortmund, aber nur wenige Kilometer weiter in Duisburg. Kommissarin Alexandra Enders (Tezel), von allen nur Alex genannt, ist eine Polizistin, wie sie vermutlich auch dem alten Haudegen Horst Schimanski gefallen hätte: tough, direkt, ohne Allüren und immer auf der Suche nach der Wahrheit. Zu Beginn der Serie ist sie allerdings auf dem Weg in den Mutterschutz, erwartet sie doch bald ihr erstes Kind.

    Die Tatsache, dass sie sich psychisch noch nicht so ganz reif dafür fühlt, Mutter zu werden, wird im Verlauf der weiteren Handlung noch eine wichtige Rolle spielen. Jedenfalls entfleucht ihr auf dem Revier die flapsige Bemerkung, sie wäre am liebsten nie schwanger geworden. Eine Bemerkung, die sie bitter bereut, nachdem sie in ihrem Auto von zwei maskierten Männern überwältigt, betäubt und entführt wurde. Denn als sie eine Woche später blutverschmiert in einem Wäldchen wieder zu sich kommt, ist ihr Babybauch weg. Von dem offensichtlich zur Welt gebrachten Säugling fehlt jede Spur, erinnern kann sich Alex an nichts.

    Da ist ihre Welt noch in Ordnung: Erinnerungsfoto mit Partner Paul Nowak (Özgür Karadeniz) vor dem Mutterschutz ZDF / Frank Dicks

    „Unbroken“ beginnt mit einem krassen Schockeffekt – der blutbedeckten jungen Frau, die nachts vor der Fensterfront eines Einfamilienhauses auftaucht, in dem ein kleines Mädchen gerade ihren Geburtstag feiert -, um dann zunächst in einer Rückblende die Ereignisse vor der Entführung zu zeigen. Als Alex wieder da ist, erfahren wir, dass ihre Kollegen unter der Leitung ihres Partners und Vorgesetzten Paul Nowak (Özgür Karadeniz) eine Woche vergeblich nach ihr gesucht und keinerlei Hinweise gefunden haben. Erneuter Zeitsprung: Drei Monate später hat Alex sich scheinbar einigermaßen von den Ereignissen erholt und nimmt ihren Dienst wieder auf. Bei ihren Ermittlungen im Fall einer ermordeten jungen Rumänin, die illegal als Leihmutter vermittelt wurde, sieht sie Parallelen zu ihrer eigenen Entführung. Nowak streitet diese aber ab. Bald ermittelt Alex auf eigene Faust und verdächtigt schließlich sogar ihren Partner, mit den Menschenhändlern unter einer Decke zu stecken. Aber stimmt das wirklich oder steigert sich die psychisch labile Kommissarin nicht nur in etwas hinein, um eine Antwort auf ihre quälenden Fragen zu bekommen?

    Ein unbewältigtes Trauma, dazu Schuldgefühle, weil sie das Baby gar nicht richtig wollte, aber auch ein unbeugsamer Wille, es wieder zu finden, gegen alle Widerstände: kein Zweifel, diese Alex Enders hat alle Kennzeichen einer modernen Serienfigur. So ungebrochen, wie der Titel suggeriert, ist sie dann auch beileibe nicht. Etwa nach der Hälfte der sechs Folgen schleichen sich zunehmend Zweifel ein, ob sie nicht schon längst den Verstand verloren hat, es vielleicht gar keine Entführung gegeben hat. Geschickt legen die Autoren Marc O. Seng („Lerchenberg“, „Club der roten Bänder“) und Andreas Linke immer neue Fährten, die meistens in völlig falsche Richtungen führen. Dabei driften sie nach der starken Auftaktfolge zunächst leider zu sehr in konventionelle Gewässer ab, Episode 2 und 3 wirken weitgehend wie eine normale Krimiserie, die auch im Vorabendprogramm des „großen“ ZDF laufen könnte.

    Was weiß der demenzkranke Vater Richard (André Jung)? In Krimis meistens mehr, als man denkt ZDF / Frank Dicks

    Das ändert sich allerdings in den letzten Folgen, in denen Alex zunehmend die Kontrolle über sich verliert und (fast) alle Grenzen vertretbaren Handelns überschreitet. Aus einem Whodunnit wird nun ein Psychothriller mit starker Atmosphäre (Regie: Andreas Senn). Der Fokus aufs Psychologische wird noch durch zwei andere Figuren betont: Zum einen muss sich Alex widerwillig in Behandlung bei der Polizeipsychologin Kathrin Brenner (Leslie Malton) begeben, zum anderen leidet ihr Vater Richard (André Jung), der früher selbst Kommissar und Partner von Nowak war, an starker Demenz. Und natürlich ist die Vergangenheit des Vaters irgendwie mit den jüngsten Ereignissen verknüpft.

    Aylin Tezel, die im „Tatort“ als Assistentin von Jörg Hartmann ihre schauspielerischen Fähigkeiten leider nie so richtig zeigen konnte, überzeugt in der Hauptrolle weitgehend, auch wenn sie in den ganz emotionalen Momenten manchmal etwas zu dick aufträgt. Auch die Nebenrollen sind durchgehend gut besetzt. Bemerkenswert ist übrigens, dass das ZDF gleich zwei türkischstämmige SchauspielerInnen als deutsche Kriminalbeamte besetzt hat, die gar keinen Migrationshintergrund haben.

    Da die Handlung zwischendurch etwas zu konventionell ausfällt, muss die Frage erlaubt sein, ob die Geschichte nicht als kompakterer Zweiteiler sogar überzeugender ausgefallen wäre. Aber Miniserien liegen natürlich mehr im Trend und da werden eben manchmal auch Storys gestreckt, denen das gar nicht so gut tut. Man sollte sich in diesem Fall nicht davon abschrecken lassen und die Durststrecke in der Mitte durchstehen. Insbesondere die beiden Abschlussfolgen erreichen dann nämlich eine Spannung und Intensität, die es wert sind. Und so viel sei verraten: Den Autoren gelingt es, alle Fäden zu einer durchaus überzeugenden Auflösung zusammenzuführen. Spätestens dann sollte auch die Aufmerksamkeit der Zuschauer ungebrochen sein.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Unbroken“.

    Meine Wertung: 3,5 / 5

    ZDFneo zeigt die Miniserie „Unbroken“ am Dienstag, den 23. und Mittwoch, den 24. Februar, ab 21:45 Uhr mit jeweils drei Folgen. Alle sechs Folgen sind bereits in der ZDFmediathek abrufbar.

    Trailer zu „Unbroken“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Sehr spannende Kurzserie, gehört unbedingt in die Primetime!
      Man hatte in jeder Folge ein anderes Szenario im Kopf.
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      • (geb. 1968) am melden

        ..."Bemerkenswert ist übrigens, dass das ZDF gleich zwei türkischstämmige SchauspielerInnen als deutsche Kriminalbeamte besetzt hat, die gar keinen Migrationshintergrund haben."
        Finde ich sehr gut, dass diese Diskriminierung, die in den USA so um sich greift (nur Homosexuelle dürfen Homosexuelle spielen, nur Behinderte dürfen Menschen mit der jeweiligen Behinderung spielen usw). So können Schauspieler zeigen, was sie können.
        Ich habe die Serie in jedem Moment als sehr dicht empfunden, die Länge genau richtig. Alles in allem sehr spannend.
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