„Titans“: Helden auch in Staffel 2 ohne Cape schillernde Charaktere – Review

    Viele Neuzugänge und ein Bruce Wayne als Mentor

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 09.01.2020, 17:30 Uhr

    Poster zum US-Start der zweiten Staffel von „Titans“

    Die erste Staffel von „Titans“ war nicht nur die erste eigenproduzierte Serie des neuen US-Streamingdiensts DC Universe, sondern auch ein kleiner Überraschungserfolg der TV-Saison 2018/19. In den USA ging vor Kurzem die zweite Staffel zu Ende, die am morgigen 10. Januar 2020 bei Netflix ihre Deutschlandpremiere feiert. Darin trifft der ehemalige Robin Dick Grayson auf alte Freunde und Feinde, aber auch weitere Menschen mit Superkräften, deren Loyalitäten zunächst unklar sind – während er weiterhin versucht, ein neues Team junger Superhelden zu formieren.

    Die Auftaktfolge der neuen Staffel beginnt mit der Auflösung der Trigon-Storyline. Der mächtige Dämon, gleichzeitig Rachels Vater, hatte zum Ende von Staffel 1 die jungen Helden ausgeschaltet und schickt sich nun an, die Erde zu übernehmen und in eine unwirtliche Wüstenlandschaft zu verwandeln. Diese Bedrohung wird dann aber doch noch abgewehrt. Dass dies nach dem langatmigen Aufbau des „Endgegners“, der sich fast durch die gesamte Vorgängerstaffel zog, schon in der ersten Hälfte der Episode gelingt, überrascht – allerdings nur, wenn man nicht weiß, dass dies ursprünglich schon das Staffelfinale der Debütstaffel sein sollte. Nachdem DC Universe eine zweite Staffel bestellt hatte, entschied man sich, die Folge zu deren Auftakt zu machen, um einen spannenden Cliffhanger zu haben. Jetzt wirkt der Sieg allerdings zu überhastet.

    Nachdem Trigon (vorerst?) gebannt ist, will Dick (Brenton Thwaites) seinen Plan umsetzen, die Empathin Rachel (Teagan Croft) und den Formwandler Gar (Ryan Potter) zu Superhelden auszubilden und mit ihnen die Titans wiederzubeleben. Dazu zieht er mit ihnen in das alte Titans-Hauptquartier, den Titans Tower in San Francisco. Als weiteren jugendlichen Rekruten kann er dank der Hilfe seines früheren Mentors Bruce Wayne (Ian Glenn) alias Batman seinen Nachfolger als Robin gewinnen, Jason Todd (Curran Walters), während sich Kory alias Starfire (Anna Diop) ihren eigenen Angelegenheiten als Prinzessin eines fernen Planeten widmet. Gegen Ende der Auftaktfolge tauchen dann zwei alte Gegner wieder auf, die Dick schon mit dem alten Titans-Team bekämpft hat: Dr. Light (Michael Mosley) und der Berufskiller Slade Wilson alias Deathstroke (Esai Morales, „Caprica“). Für Dick wird es Zeit, seine alten Mitstreiter zu Hilfe zu rufen.

    Die „alten“ Titans, wie sie in die Schlacht ziehen: Wondergirl, Aqualad, Robin, Hawk und Dove.

    Während sich Staffel 1 noch weitgehend auf Dick, Rachel, Gar und Kory konzentrierte (soweit man bei einer Serie, in der so viele verschiedene Figuren auftauchen, überhaupt von konzentrieren sprechen kann), wird in Staffel 2 das Ensemble der Hauptdarsteller deutlich erweitert. Sowohl der neue Robin als auch die ehemaligen, jetzt erwachsenen Titans Hawk (Alan Ritchson) und Dove (Minka Kelly) sowie Donna Troy alias Wonder Girl (Conor Leslie) sind jetzt Hauptfiguren.

    Im Laufe der Staffel kommen sogar noch weitere Hauptdarsteller hinzu. Das wirkt zwar manchmal etwas überladen und hat zwangsläufig zur Folge, dass manche Figuren für mehrere Folgen verschwinden oder nur im Hintergrund agieren (so hat etwa Gar meist wenig zu tun). Es hat aber den Vorteil, dass die Welt, die die Serie entwirft, tatsächlich ähnlich komplex erscheint wie das aus den Comics bekannte DC-Universum, in dem sich Dutzende von Helden kennen und alle Entwicklungen irgendwie miteinander verbunden sind. Außerdem sorgt die erneute Zusammenarbeit zwischen Dick und seinen früheren Teamkameraden sowie den jüngeren neuen Helden für interessante Konflikte. So werfen erstere dem Teamleader vor, die Jugendlichen in unverantwortlicher Weise in Gefahr zu bringen, ist doch die Konfrontation des alten Teams mit Deathstroke damals verhängsnisvoll schief gegangen.

    Superhelden in zivil als neue WG? Rachel (Teagan Croft) und Jason (Curran Walters).

    Wie sich schon in der Debütstaffel abzeichnete, ist „Titans“ keine Superheldenserie, in der ein Team einmal zusammenfindet und dann nur noch vereint gegen die Bösen kämpft. Vielmehr ist auch Staffel 2 ein ständiges Vor und Zurück, bei dem die Gruppe immer wieder bröckelt, um doch wieder gemeinsam zu kämpfen. Dabei gibt es auch mal eine komplette Episode, die aus einer einzigen Rückblende in die aktive Zeit des ersten Teams besteht (eine der seltenen Gelegenheiten, Donna als Wonder Girl in ihrem spektakulären roten Kostüm im Einsatz zu sehen) sowie nach einem der spannendsten Cliffhanger einen kompletten Fokuswechsel auf eine Figur, die neu eingeführt wird. Letztere wurde in Staffel 1 schon kurz angedeutet: Conner alias Superboy (Joshua Orpin) – samt Krypto, dem Superhund. Es handelt es sich hier nicht um die jüngere Version von Superman Clark Kent, sondern um einen Klon, der zwar über die gleichen gigantischen Kräfte verfügt wie der Kryptonier, aber naiv wie ein Kleinkind erst einmal lernen muss, wie die Welt funktioniert. Zu den weiteren neuen Figuren zählt Deathstrokes Sohn Jericho (Chella Man), der zwar nicht sprechen, aber die Körper anderer Menschen übernehmen kann.

    Fühlt sich merkwürdig zu dem Superman-Merchadising hingezogen: Connor (Joshua Orpin).

    Auch in den 13 neuen Folgen ist „Titans“ weit davon entfernt, eine durchschnittliche Superheldenserie zu sein. Einerseits ist sie weiterhin ziemlich düster und brutal und schreckt auch nicht davor zurück zu zeigen, wie kostümierte Helden sterben. Andererseits ist sie ungewöhnlich komplex und charakterzentriert, wenn man sie etwa mit den wesentlich leichteren und actionzentrierten DC-Serien des Arrowverse („Supergirl“ & Co.) vergleicht. Dazu kommen manche fast surreal anmutende Momente, etwa wenn sich die weiblichen Hauptfiguren, angelockt jeweils von mysteriösen Werbebotschaften, in einem unwirklichen Diner im Niemandsland treffen. Und natürlich werden auch Themen wie Verantwortung und Erwachsenwerden in einer Weise angesprochen, die auch jugendlichen Zuschauern gefallen sollte. Interessant ist auch, dass der Fokus der Geschichte(n) nach wie vor auf den zivilen Alter Egos der Helden liegt und eben nicht auf den bunt schillernden kostümierten Vigilanten. So haben Rachel und Gar immer noch nicht ihre Heldennamen Raven und Beast Boy angenommen, während auch Dick bis zur letzten Folge in Zivil unterwegs ist. Dabei spielen die Macher geschickt mit den aus dem Comics vertrauten Desingelementen der Figuren, wenn etwa Conner an einem Merchandise-Stand ein T-Shirt mit dem emblematischen Superman-Symbol entdeckt und überstreift, oder Gars rot-weiß gestreifte Jacke an Beast Boys Kostüm erinnert.

    Auch die alten titans jetzt gerne in Zivil: Donna Troy (Conor Leslie), Dawn Granger (Minka Kelly) und Hank Hall (Alan Ritchson)

    Hier wie an vielen anderen Stellen können Kenner der Comicvorlagen einen zusätzlichen Spaß daraus ziehen, die liebevollen Anspielungen zu erkennen, was aber zum Verständnis der Handlung nicht notwendig ist. Querverweise zum DC-Universum gibt es mehr als genug, sei es zu Donnas Mentorin Wonder Woman oder natürlich zu Batman, der zumindest in Form von Bruce Wayne jetzt sogar regelmäßig ins Geschehen eingreift. Insgesamt bleibt „Titans“ auch in Staffel 2 eine ebenso unterhaltsame wie eigenständige Umsetzung des Comicheldenteams, der meistens eine gute Balance zwischen Actionszenen und Charaktermomenten gelingt. Neben dem Spin-Off „Doom Patrol“ ist sie damit trotz der teils jugendlichen Helden auch weiterhin die wohl erwachsenste Serie mit klassischen DC-Figuren.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der kompletten zweiten Staffel der Serie „Titans“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: DC Universe

    Die 13-teilige zweite Staffel von „Titans“ wird am 10. Januar 2020 in Deutschland bei Netflix veröffentlicht. In den USA hat DC Universe schon eine dritte Staffel der Serie bestellt.

    Trailer zur zweiten Staffel von „Titans“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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