TV-Kritik „Mysterious Mermaids“: Wie unterhaltsam ist die neue ProSieben-Serie?

    Fauchende Meerjungfrauen beißen nicht

    Bernd Krannich
    Rezension von Bernd Krannich – 26.02.2019, 17:30 Uhr

    „Mysterious Mermaids“ – Ryn (Eline Powell) in ihrer natürlichen Form – Bild: Freeform
    „Mysterious Mermaids“ – Ryn (Eline Powell) in ihrer natürlichen Form

    Attraktive Menschen, die Suche nach der eigenen Position in einer Welt voller äußerer Zwänge sowie der Kampf ums Überleben sind die Pfeiler, auf denen die neue ProSieben-Serie „Mysterious Mermaids“ steht: Persönliche Geschichten eingebaut in eine Mystery-Handlung. Das ist der Stoff, mit denen in den USA auf ein jüngeres Publikum zwischen 14 und 34 ausgelegte Sender wie Freeform und The CW auf die Jagd nach Zuschauern gehen. „Mysterious Mermaids“ – in den USA unter dem TItel „Siren“ bei Freeform ausgestrahlt – erwies sich dabei zum Start im vergangenen Jahr so erfolgreich, dass dort nach der zehnteiligen Auftaktstaffel mittlerweile schon die zweite Staffel läuft.

    Ben Pownall (Alex Roe) ist der älteste Spross der Gründerfamilie der (fiktiven) Stadt Bristol Cove im pazifischen Nordwesten der USA. Eigentlich sollte er in der nächsten Generation den schönen Schein der Familie bewahren, die durch ihren geschichtlichen Status und den größten Fischereibetrieb dem angehören, was man Geldadel nennt. Doch Ben entschied sich, als Meeresbiololge eher den Underdogs unter den Meereslebenwesen zu helfen und verliebte sich auch noch in seine Kollegin Maddie (Fola Evans-Akingbola) – ein selbständiges, tätowiertes „Eingeborenmädchen“ aus schwierigen Verhältnissen, das mittlerweile auf dem zweiten Bildungsweg ebenfalls Meeresbiologie studiert.

    Als dem Trawler North Star bei einem Hochseeeinsatz ein merkwürdiger Fang ins Netz geht, verändert sich das Leben von Ben, Maddie und einer Reihe weiterer Bewohner von Bristol Cove nachhaltig. Denn der Trawer, auf dem Ben einst gejobbt hatte, hat eine „Merjungfrau“ gefangen. Nur dass die (dargestellt von Sibongile Mlambo) sich als bissiges Raubtier erweist und weniger als anmutige Märchengestalt. Und so wird einer der Matrosen verletzt, ein Notruf abgesetzt. Das US-Militär, das die seltsamen Verständigungslaute der Meerwesen schon länger „auf dem Schirm“ hatte, ist flugs mit einem Hubschrauber zur Stelle und requiriert den Fang, den die North Star-Besatzung in der nächtlichen Dunkelheit bisher nur undeutlich sehen konnte. Dass das Militär dabei aber auch das schwer verletzte Besatzungsmitglied mitnimmt, sorgt dafür, dass die Trawler-Besatzung um Bens Kumpel Xander (Ian Verdun) den Vorfall nicht ruhen lassen kann und auch Ben informiert wird.

    Schmucker Weltverbesserer: Ben Pownall (Alex Roe)
    Schmucker Weltverbesserer: Ben Pownall (Alex Roe)

    Als Ben kurze Zeit später eine verwirrt erscheinende junge Frau auf der Straße aufliest (Eline Powell), hat er noch keine Ahnung, dass es sich bei ihr um die Schwester der „Meerjungfrau“ handelt, von der ihm Xander erzählt hat. Und auch nicht, dass diese auf der Suche nach ihrer Schwester gerade erst an Land gekommen ist, aber schon fast Opfer einer Vergewaltigung geworden wäre – gegenüber Menschen ist sie vorsichtig.

    Der US-Titel der Serie, „Siren“, lässt ebenfalls durchblicken, dass die beiden weiblichen Meerwesen neben ihrer raubtierhaften, kämpferischen Art und unglaublichen Muskelkraft noch über ein weiteres Verteidigungsinstrument verfügen: Hypnotischen Gesang, der den Hörenden geradezu abhängig macht. Daneben haben sie eine unglaubliche Auffassungsgabe und erlernen zügig die Grundzüge der menschlichen Sprache – Bens Begleiterin nennt sich Ryn – und halbwegs schnell auch die kulturellen Eigenheiten der Landbewohner. Dabei erweist sich Ryn allerdings als sprichwörtlicher „Fish out of Water“ und leistet sich immer wieder Fehltritte – zumal sie sich das „menschliche Sozialverhalten“ eben beim Liebespaar Ben und Maddie abschaut.

    Ben (Alex Roe) und Maddie (Fola Evans-Akingbola) kümmern sich um Ryn (Eline Powell), der die Landluft auf Dauer nicht gut bekommt
    Ben (Alex Roe) und Maddie (Fola Evans-Akingbola) kümmern sich um Ryn (Eline Powell), der die Landluft auf Dauer nicht gut bekommt

    Der hypnotische Gesang der Meerwesen ist auch Hintergrund der Geschichten über Meerjungfrauen aus der Gründerzeit von Bristol Cove, das sich nach den Legenden zu Tourismuszwecken als „Meerjungfrauen-Hauptstadt der USA“ verkauft. Die schrullige Museumsbetreiberin Helen Hawkins (Rena Owen) erkennt so die Meerwesen bei der ersten Zufallsbegegnung. Sie verfügt in ihrer Sammlung auch über manche Überlieferung aus der Gründerzeit der Stadt, bei der die Begegnung von Landmensch und Meermensch recht blutig endete. Ben erkennt, dass auch seine Familie wegen der Verwicklung des Vorfahren mehr über die Meerwesen weiß und nähert sich dieser daher wieder an …

    „Mysterious Mermaids“ versteht es, ein sehr dichtes Figurennetz aufzubauen, das immer wieder für spannende Loyalitätsfragen sorgt. Ben liebt Maddie und hat Sympathien für seine nach einem Unfall im Rollstuhl sitzende Mutter Elaine (Sarah-Jane Redmond). Elaine wiederum blickt auf Maddie herab – im Gegensatz zu Bens Vater (David Cubitt), dessen Ehe mit Elaine nur noch nach außen besteht, womit aber beide zufrieden sind. Dann ist da noch Bens Bruder Ben (Andrew Jenkins), der sich zwar irgendwie wünscht, dass der Bruder sich mit den Eltern aussöhnt, aber auch befürchten muss, dass Ben als „verlorener Sohn“ ihn bei seiner Rückkehr trotz seines jahrelangen Dienstes für den Familienbetrieb in den Schatten stellen würde.

    Einen weiteren Loyalitätskonflikt gibt es zwischen Maddie und ihrem Stiefvater (Gil Birmingham), dem Sheriff, der nach Ryns Selbstverteidigung gegen ihren Angreifer die erste Leiche in Bristol Cove seit Jahren hat und – ohne die Hintergründe zu kennen – nach Ryn sucht. Auch Ryn und ihre Schwester haben eine komplexe Beziehung, wobei beide wegen ihrer unterschiedlichen Erfahrungen mit den Landbewohnern geteilter Meinung zur Frage sind, ob man einzelnen von ihnen trauen kann oder jeden bei erster Gelegenheit umbringen sollte (bevor man von ihm gefangen oder umgebracht wird). Und dann gibt es da noch den Handlungsstrang um das Militär sowie Xanders Suche nach seinem verschwundenen Kumpel, bei der Anfragen an offizielle Stellen auf taube Ohren stoßen.

    „Mysterious Mermaids“ wandelt auf den Pfaden von „24“ und „Alias – Die Agentin“ beziehungsweise „The 100“ und „iZombie“, wo schwerwiegende Entscheidungen für ganze Städte/Völker den Rahmen für ein Spiel mit Loyalitäten bieten, da Ehrlichkeit gegenüber befreundeten Personen tödliche Folgen für andere haben könnten: Gerade Maddie und Ben sind von ihren besten Freunden abgeschnitten, während die „Fremde“ Helen Hawkins eine eigenwillige, womöglich unzuverlässige Verbündete ist. Die Figuren bleiben sich und ihrer Weltsicht im Wesentlichen treu, und haben dabei immer auch im Hinterkopf, wie man Freunde „auf den Pfad der Tugend“ bringen könnte. Ben etwa hat Träume von einer ökologischeren Ausrichtung des Familienbetriebs, während Bens Vater sein Verhalten gegenüber Maddie auch als Möglichkeit ansieht, dem Sohn eine Brücke zur Rückkehr in den Schoss der Familie zu bauen.

    Klassisches Castfoto für eine Young-Adult-Serie. (V.l.) Fischer-Xander (Ian Verdun), Maddie (Fola Evans-Akingbola), Ben (Alex Roe), Ryn (Eline Powell), ihre Schwester (Sibongile Mlambo) und Museumsbetreiberin Helen Hawkins (Rena Owen)
    Klassisches Castfoto für eine Young-Adult-Serie. (V.l.) Fischer-Xander (Ian Verdun), Maddie (Fola Evans-Akingbola), Ben (Alex Roe), Ryn (Eline Powell), ihre Schwester (Sibongile Mlambo) und Museumsbetreiberin Helen Hawkins (Rena Owen)

    Das Erzähltempo von „Mysterious Mermaids“ ist erfreulich hoch – die nur zehn Folgen der Auftaktstaffel umfassen Stoff, der andernorts vermutlich eher in zwei Staffeln ausgewalzt werden würde. Erwähnenswert ist noch der inklusive Aspekt der Serie, die sich bemüht, auch indigne amerikanische Kultur mit einzubinden und bei der Ryn Anziehungskraft sowohl auf Maddie wie auch auf Ben zu einer ungewöhnlichen romantischen Konstellation führt.

    Auf der Negativseite muss festgehalten werden, dass es sich bei „Mysterious Mermaids“ um eine Unterhaltungsserie mit überschaubarem Budget und für ein jüngeres Publikum handelt: allzu aufwändige Tricktechnik und Cinematographie oder eingehendere philosophische Fragen sind hier nicht vorgesehen. Dass die Meerwesen bei Landgang ihre Schwanzflosse abwerfen, und dann zwei Beine zum Vorschein kommen, ist ebenso ein „glücklicher Zufall“ wie die Tatsache, dass Meerwesen die menschliche Sprache zumindest in Grundzügen sehr schnell lernen können und überhaupt artikulieren können. Alle Protagonisten sind auf die eine oder andere Art hübsch anzusehen. Dass ältere Charaktere nur als Nebenrollen vorkommen, ist an sich nichts Schlechtes, dürfte aber für Teile des ProSieben-Publikums einen Minuspunkt geben, da das im Schnitt älter ist, als das beim amerikanischen Heimatsender Freeform. Daneben kommt „Mysterious Mermaids“ verbunden mit der Weltsicht von Protagonist Ben gelegentlich mit der ökologischen Keule daher: Dass Ryn und ihre Schwester überhaupt aus der Isolation in der Tiefsee „aufgetaucht“ sind, liegt an Nahrungsknappheit in deren Heimat aufgrund menschlicher Überfischung.

    Für all jene, die ein Herz für ein spannendes Drama mit sympathischen Protagonisten haben, wo auch „die Bösen“ ihre guten Intentionen haben, und wo alltägliche Fragen von Loyalität, Freundschaft und Liebe durch ungewöhnliche, phantastische Faktoren auf dramatische Spitzen getrieben werden, für den bietet „Mysterious Mermaids“ gute Unterhaltung.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten sechs Episoden der Serie „Mysterious Mermaids“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: Freeform

    ProSieben zeigt die Deutschlandpremiere von „Mysterious Mermaids“ ab dem 27. Februar 2019 immer mittwochs ab 20.15 Uhr. Die zehn Episoden werden binnen drei Wochen in einer Eventprogrammierung gezeigt – 3 + 3 + 4 Folgen.

    Trailer zu „Mysterious Mermaids“

    Über den Autor

    Bernd Krannich

    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von „The Americans“ über „Arrow“ bis „The Big Bang Theory“. Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von fernsehserien.de.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Nach Ansicht der ersten Folge bin ich erstaunt, daß jemand der Serie ernstlich 3,5 von 5 Punkten gab. Die Produktionswerte sind in meinen Augen derart schlecht, daß "Siren" sogar gegenüber "Zoo" noch negativ abschneidet, was bereits eine Fantasy-Action-Serie war, die fast am unteren Ende der Skala rangierte. Ich schaue echt viel, aber hier werde ich definitiv passen.
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        Mein Mann sagte ganz treffend dass die Serie wie ein Verkehrsunfall ist, man findet furchtbar aber muss hin gucken. Wir haben nicht ganz die erste Folge geschafft, grauenhaft schlecht.

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