„Mr. Corman“: Joseph Gordon-Levitt als neurotischer Lehrer zwischen Alltag und Phantasie – Review

    Apples Comedy entwirft das gelungene Porträt einer schwierigen Persönlichkeit

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 08.08.2021, 16:00 Uhr

    „Mr. Corman“ – Bild: Apple TV+
    „Mr. Corman“

    Offiziell firmiert die neue Streamingserie „Mr. Corman“ von Apple TV+ unter Comedy. Wie vor kurzem schon „Physical“ vom gleichen Anbieter sind die verhandelten Themen aber so ernst, dass einem das Lachen des Öfteren eher im Halse stecken bleibt: Midlife-Crisis, Angststörungen, Beziehungsunfähigkeit, gestörte Vater-Sohn-Verhältnisse und dann auch noch Corona. Serienschöpfer und Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt erzählt davon aber auf so eine einfühlsame und zugleich originelle Art, dass es trotzdem viel Spaß macht.

    Der titelgebende Herr Corman ist Lehrer an einer öffentlichen Schule in Los Angeles, er unterrichtet eine fünfte Klasse. Das macht er durchaus gerne und mit Leidenschaft, kann aber nicht umhin, seinen verpassten Karrierechancen hinterherzutrauern, war er doch ursprünglich auf dem Weg, Berufsmusiker, vielleicht sogar Popstar zu werden. Josh Corman ist in seinen Vierzigern, Single, kinderlos und verdient als Lehrer offenbar so wenig, dass er sich ein Apartment mit dem geschiedenen Victor (Arturo Castro) teilen muss. Die ungleiche Wohngemeinschaft hat sich allerdings von der Zweck-WG längst zur Lebens- und Leidengemeinschaft entwickelt, in der die beiden Männer sich beim allabendlichen Verzehr von Fast Food in der Essküche über ihre Probleme austauschen. Ansonsten sind Joshs verbliebene engere Bezugspersonen seit der traumatischen Trennung von seiner großen Liebe und musikalischen Partnerin Megan (Juno Temple, „Ted Lasso“) mehrere ambitionslose Kifferfreunde sowie seine Mutter Ruth (der frühere Hollywoodstar Debra Winger in einer tollen Altersrolle), zu der er ein eher zwiespältiges Verhältnis hat.

    Kein Traumjob, aber vielleicht doch Bestimmung? Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) im Unterricht in seiner fünften Klasse Apple TV+

    Gleich die erste der rund halbstündigen Epsioden zeigt, dass Josh ein Mensch ist, der sich vor allem selbst im Weg steht. Erst will er am Wochenende gar nicht erst weggehen, weil er fürchtet, sowieso nur eine oberflächliche Frau kennenzulernen, die ihm über einen eventuellen One-Night-Stand hinaus nichts bringen würde. Nachdem er trotzdem in einen Club geht, dort ein gutes Gespräch mit einer attraktiven Frau hat und diese auch nach Hause begleitet, endet der Abend (und die potentielle Beziehung) aufgrund seiner Unzulänglichkeiten im Desaster.

    Die zweite Folge offenbart, dass er zudem unter Angststörungen leidet, die durch einen mysteriösen Mann ausgelöst werden, den er immer wieder auf der Straße zu sehen glaubt. Die dritte Episode dreht sich dann um ein Familienfest bei Joshs Schwester und zeigt, dass er auch innerhalb der eigenen Familie eher ein Außenseiter ist. Spätestens wenn sich am Ende der Folge ein nächtlicher Halt an einer Tankstelle urplötzlich in ein Musical-Setting verwandelt, Gordon-Levitt und Winger in einem mitreißenden Song über ihre Mutter-Sohn-Beziehung duettieren und dazu durch eine künstlich-bunte Kulisse tanzen, muss man sich in diese Serie verlieben.

    Grandiose Musical-Szene: Mutter Ruth (Debra Winger) und Sohn Josh singen über ihre Gefühle zueinander Apple TV+

    Dieses Durchbrechen der Realität lockert auch die weiteren Episoden immer wieder auf: Das alltägliche Szenenbild wird dann von einem Moment zum anderen durch gemalte, aus Fotos collagierte und teilweise animierte Hintergründe ersetzt. Es kann sich auch schon mal eine profane Parkplatzschlägerei in eine Mischung aus Videospiel und „Sin City“-artigem Superheldenfilm verwandeln. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Eklektizismus in Folge 7, in der einfach viele verschiedene Variationen möglicher Leben aneinandergereiht werden, die Josh auch hätte führen können. Immer neue phantasievolle Settings zeigen ihn mal als gelangweilten Call-Center-Agenten, mal als erfolgreichen, aber arroganten Broker, dann wieder als Einsiedler à la Robinson Crusoe.

    Und dann kommt auch noch Corona. Zu Beginn von Folge 8 unterrichtet Josh seine Schüler plötzlich per Zoom. Anders als die meisten anderen aktuellen Serienstaffeln, die vorgeblich in der Gegenwart spielen, die Pandemie aber einfach ignorieren – und dadurch mit ihren vollen Clubs und maskenlosen Geschäften wirken wie aus einem Paralleluniversum -, bleibt „Mr. Corman“ ganz nah am Alltag, wie wir alle ihn in der „neuen Normalität“ kennenlernen mussten. Der eh schon neurotische Josh wäscht sich nun zwanghaft ständig die Hände und begibt sich in seinem früheren Kinderzimmer in Quarantäne.

    Dabei wird schnell klar, dass er sich mehr um seine eigene Gesundheit sorgt als um die seiner Mutter oder seines Mitbewohners, der als UPS-Fahrer nicht die Freiheit hat, im Home Office zu bleiben. Überhaupt ist dieser Josh Corman kein klassischer Antiheld. Niemand, der es eigentlich gut meint, dem das Schicksal aber wiederholt Knüppel in den Weg legt und mit dem sich deshalb jeder gerne identifizieren würde. Nein, er ist vielmehr ein schwieriger Charakter, oft selbstgerecht und egozentrisch, der durch sein Verhalten immer wieder die (wenigen) Menschen, denen er am Herzen liegt, vor den Kopf stößt.

    Ungleiche Mitbewohner: Victor Morales (Arturo Castro) und Josh Corman auf dem WG-Sofa Apple TV+

    „Eine Serie von Joseph Gordon-Levitt“ lautet der Untertitel des Serientitels auf den Werbematerialien und tatsächlich scheint es ein Herzensprojekt des früheren „The Dark Knight Rises“-Darstellers zu sein. Er hat es sich nicht nur ausgedacht und die Hauptrolle übernommen, sondern auch noch sechs von zehn Folgen (mit)geschrieben (ein weiterer Autor ist Bruce Eric Kaplan, der schon für „Six Feet Under“ und „Girls“ schrieb) und bei acht selbst Regie geführt. So wirkt die ganze Staffel einerseits wie ein geschlossenes Werk, wie die Version eines einzelnen Künstlers.

    Andererseits gibt es wohl nur wenige Serien, in der jede Folge auf so erfrischende Weise wieder so anders ist als die vorhergegangene – und das sowohl thematisch als auch stilistisch. Da wechseln sich kammerspielartige Zweipersonenstücke mit vor liebevollen Dekors und verrückten Ideen überbordenden Episoden ab. Und selbst die Titelfigur ist nicht immer nötig, um das Ganze zusammenzuhalten, denn in Folge 4 wird durch einen Fokuswechsel auf Joshs Mitbewohner „Mr. Corman“ für eine halbe Stunde zu „Mr. Morales“.

    Gordon-Levitt ist hier eine rundum gelungene erste Staffel gelungen, die gleichzeitig zum Schmunzeln und Fremdschämen einlädt und tief berührt. Dabei erinnert die phantasievolle Inszenierung und Hintergrundgestaltung an die Filme von Wes Anderson oder Charlie Kaufman („I’m Thinking of Ending Things“), ohne aber durch deren Penetranz zu nerven. Dazu ist dieser Mr. Corman mit all seinen kleinen und größeren Ängsten und Neurosen zum Glück auch zu normal gestört. Ein „Mr. Corman“ sind wir irgendwie alle.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von „Mr. Corman“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Die ersten beiden Folgen sind bereits auf Apple TV+ verfügbar. Die weiteren werden ab dem 13. August jeweils freitags veröffentlicht.

    Trailer zu „Mr. Corman“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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