„Faking Hitler“: Gefällige RTL-Neuinszenierung des Stern-Skandals – Review

    Moritz Bleibtreu gibt in Miniserie den Tagebuchfälscher Konrad Kujau

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 29.11.2021, 17:30 Uhr

    „Faking Hitler“ mit Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger und Sinje Irslinger – Bild: RTL
    „Faking Hitler“ mit Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger und Sinje Irslinger

    Er habe eine großartige Idee für eine neue Artikelserie, erzählt Stern-Starreporter Gerd Heidemann (Lars Eidinger) bei einem Empfang anlässlich seines Jubiläums dem Chefredakteur Rudolph Michaelis (Richard Sammel): eine Interviewreihe mit ehemaligen Nazifunktionären auf seinem Schiff – das früher Reichsmarschall Göring gehörte. Gespräche mit Nazis auf einem Nazikahn, davon hält der Chef jedoch gar nichts. „Hören Sie mir doch auf mit ihrem braunen Dreck!“ Heidemann solle ihm lieber mal wieder einen „richtigen Knüller“ liefern, der letzte sei ja schon lange her. Am besten bald, sonst sei dies sein letztes Jubiläum beim Stern gewesen.

    Es war der größte Skandal der bundesdeutschen Mediengeschichte: die Veröffentlichung der angeblichen Tagebücher von Adolf Hitler 1983 im Magazin Stern. Nachdem Helmut Dietl die Ereignisse 1992 in seinem Kinofilm „Schtonk!“ schon einmal als Satire aufbereitete, hat die Mediengruppe RTL sie jetzt in Form der sechsteiligen Miniserie „Faking Hitler“ neu und diesmal realistischer verfilmt. Wobei schon die reale Geschichte teilweise völlig irreal anmutende Züge trug, so die offensichtliche Affinität des Journalisten, der auf die gefälschten Tagebücher stieß, für Nazi-Devotionalien. Die geht so weit, dass er nicht nur Görings Boot gekauft hat, sondern auch noch eine Affäre mit dessen Enkelin pflegt. Dass überhaupt ein seriöses und damals noch führendes deutsches Magazin von einem solchen Mitarbeiter eine Story über Hitlers private Tagebücher abnahm, wirkt aus heutiger Sicht unglaublich. Aber was tut man nicht alles für die Auflage…

    Jedenfalls steht Heidemann das Wasser beruflich schon bis zum Hals – ist sein letztes großes Exklusivinterview doch gerade geplatzt -, als ihn die gemeinsame Leidenschaft mit einem reichen Sammler zusammenbringt. Der hat gerade von einem vorgeblichen Kunsthändler ein bisher unbekanntes Tagebuch des Führers angeboten bekommen – für schlappe 5000 DM. Dieses Journal, in dem Hitler vermeintlich auch über Privates schrieb, hat sich in Wirklichkeit der Anbieter selbst in einer Nacht aus den Fingern gesaugt. Er ist nämlich kein seriöser Kunsthändler, sondern ein kleiner Antiquitätenhändler namens Konrad Kujau (Moritz Bleibtreu), der bei entsprechender Nachfrage auch schon mal ein angebliches Gemälde eines berühmten Künstlers selbst malt. Als Heidemann ihm das Tagebuch für den Stern abkaufen will, droht ihm die als Schelmerei begonnene Fälschung schnell über den Kopf zu wachsen, denn plötzlich sind Millionensummen und eine weltweite Öffentlichkeit im Gespräch.

    Fälscher bei der Arbeit: Konrad Kujau (Moritz Bleibtreu) bastelt die Tagebücher zusammen.RTL /​ Wolfgang Ennenbach

    Parallel zu den Anfängen des vermeintlichen Coups erzählen die AutorInnen um Head Writer Tommy Wosch in den ersten Episoden von der jungen Journalistin Elisabeth Stöckel (Sinje Irslinger), die ebenfalls beim Stern arbeitet, aber eher am unteren Ende der Redaktionshierarchie im Ressort Erziehung und Gesellschaft – oder, wie es ein sexistischer Kollege nennt: Fick und Strick. In einer Recherche zu ehemaligen SS-Mitgliedern, die in der Bundesrepublik Karriere gemacht haben, sieht sie ihre Chance, zu den „harten“ Themen zu wechseln. Sie ist auf Hinweise gestoßen, der beliebte „Derrick“-Darsteller Horst Tappert sei bei der Waffen-SS gewesen. Dummerweise entdeckt sie auf einem einschlägigen Foto aber auch ihren Vater Hans (Ulrich Tukur), der inzwischen Jura-Professor ist und immer behauptet hat, nur gewöhnlicher Soldat gewesen zu sein.

    In weiten Teilen funktioniert „Faking Hitler“ vor allem als Zeitporträt der frühen 1980er Jahre. Die Redaktion des Wochenmagazins ist noch eine Männerdomäne, in deren Großraumbüros eine Mischung aus Testosteron und Misogynie herrscht wie weiland in der Agentur Sterling Cooper aus „Mad Men“. Auch bei Kujaus zuhause sind die Rollen klar verteilt: Während Konrad tagsüber seine Geliebte besucht, muss seine Lebensgefährtin (Britta Hammelstein) putzen gehen. Hinzu kommt eine offensichtlich unzureichende Vergangenheitsbewältigung in der westdeutschen Gesellschaft, die es überhaupt ermöglicht, dass ein Verlag mehrere Millionen hinblättert, um die banalen Gedanken des Obernazis drucken zu dürfen. Dabei erscheint Chefredakteur Michaelis als Stimme der journalistischen Vernunft, der Nazis in seinem Blatt keine Stimme geben möchte – auch wenn es sich um den toten Führer selbst handelt.

    Vermeintlicher Jahrhundertcoup: Gerd Heidemann (Lars Eidinger) präsentiert den Pressekollegen seine Entdeckung.RTL /​ Wolfgang Ennenbach

    Alle anderen Beteiligten – Reporter, Ressortleiter und Verleger – wirken hingegen wie die verschworenen Mitglieder eines Männerbundes, die nur Geld respektive Ruhm im Blick haben und darüber alle moralischen und faktischen Bedenken wegwischen. Wobei Heidemann durchaus größere Anstrengungen unternimmt, um die Hintergründe des Überrschungsfundes zu überprüfen, getreu seinem Motto: „Ich bin Journalist – ich glaube nicht, ich recherchiere.“ Wobei die feucht-fröhliche Verbrüderung mit zwei Stasioffizieren, zu der es dann während der Recherchereise in die DDR kommt, schon wieder wie purer Slapstick wirkt.

    So ganz entscheiden können sich die Macher der Miniserie eh nicht, ob sie ihre Geschichte als Drama oder als Farce erzählen wollen. So changiert etwa Bleibtreu als Kujau mit Fake-Schnäuzer und in breitestem Pseudo-Dialekt babbelnd mehr, als dass er die Figur ernsthaft anlegt. Die historischen Abgründe, die hinter der Nepp-Story und der ganzen Hitler-Faszination stecken, nämlich Millionen Holocaust-Opfer plus weitere Kriegsverbrechen, werden nur am Rande erwähnt. Lediglich der durchweg sympathisch wirkende Prof und Familienvater Hans Stöckel wird als SS-Mann entlarvt – stellt aber durchweg glaubwürdig dar, dass er nur in den Krieg hineingezogen worden und kein überzeugter Nazi gewesen sei.

    Tochter-Vater-Konflikt: Jungjournalistin Elisabeth (Sinje Irslinger) und Hans Stöckel (Ulrich Tukur) RTL /​ Wolfgang Ennenbach

    Eine differenzierte Asueinandersetzung sollte man von einer RTL-Produktion vielleicht auch nicht erwarten. Ähnlich wie schon vor einigen Jahren in „Deutschland 83“ setzt die Produktion eher auf flotte Inszenierung und Unterhaltungswert. Dabei braucht sich die Miniserie, die zuerst beim hauseigenen Streamingdienst RTL+ zu sehen ist, hinter Netflix oder Amazon Prime Video nicht zu verstecken, an deren Serienstandards sich die Macher offensichtlich orientiert haben. Auch wenn inhaltlich sicher mehr drin gewesen wäre, offenbart die Serie schon einiges über ein Land, das irgendwie noch in der Vergangenheit festzustecken schien.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Faking Hitler“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die sechsteilige Miniserie startet am Dienstag, den 30. November auf dem Streamingportal RTL+. 2022 soll sie dann auch bei RTL ausgestrahlt werden.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Hab gerade die Serie zuende geguckt und mich prima unterhalten gefühlt.

      Der Kommentator hat nix zur Musik geschrieben die viel dazu beiträgt, dass man sich in die 80er zurückversetzt fühlt falls man entsprechende alt ist.

      Ich war in der Zeit Teenager und, liebe Jungmenschen, unsere Musik war ja sooooviel besser!

      Sinje Irslinger ist für mich eine neue spannende Entdeckung und ich habe mir auf RTL+ wegen ihr auch "Gott, du kannst ein Arsch sein" angekuckt. Tolle Schauspielerin die sich vor den altgedienten Haudegen nicht verstecken muss.

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