„Die Schlange von Essex“: Claire Danes und Tom Hiddleston in fesselnder Literaturverfilmung – Review

    Bei Apple TV+ trifft in spannendem Werk Stadt auf Land

    Rezension von Fabian Kurtz – 13.05.2022, 08:00 Uhr

    Ab dem 13. Mai auf Apple TV+: „Die Schlange von Essex“ – Bild: Apple Inc.
    Ab dem 13. Mai auf Apple TV+: „Die Schlange von Essex“

    Mittlerweile hat Apple den Sprung in die Königsklasse des Streaming-Geschäfts gepackt. Aufwändig produzierte Filme, wie das Oscar-prämierte „CODA“ oder Joel Coens Meisterwerk „Macbeth“ und nicht zuletzt die preisgekrönte Serie „Ted Lasso“ bescheinigen dem vergleichsweise jungen VoD-Anbieter Qualität. Mit „Die Schlange von Essex“ legt dieser nun eine interessante Sozialstudie der Jahrhundertwende Englands vor. Es geht um Feminismus, Fanatismus und Fortschritt.

    „Die Schlange von Essex“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Sarah Perry, erzählt die Geschichte der frischen Witwe Cora Seaborne (Claire Danes), die in wohlständigen Verhältnissen gemeinsam mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrer Haushälterin in London lebt. Erster, ein patriarchaler Sadist, stirbt aufgrund hartnäckigen Kehlkopfkrebses, der, trotz Bereitschaft des aufstrebenden Arztes Luke Garrett, unoperiert bleibt. Der todkranke Mann sterbe lieber, als dass er vernarbt auf der Welt zurückbleibt.

    Die von Alpträumen und ambivalenter Trauer heimgesuchte Cora, die mit Garrett sogleich einen neuen Verehrer hält, erfährt durch die Zeitungen von einem mystischen Vorfall im sumpfigen Essex. Dort soll eine teuflische Macht in Gestalt einer Seeschlange ihr Unwesen treiben, Land und Leute in Angst und Schrecken versetzen.

    Für die gebildete und an der noch jungen Wissenschaft der Paläontologie interessierte Cora scheint dies ein möglicher Beweis für Darwins Theorie von Lebewesen zu sein, die der Evolution entkommen sind. Sie vermutet hinter dem Leviathan ein urzeitliches Lebewesen und macht sich mit ihrem introvertierten Sohn und ihrer marxistischen Haushälterin nach Essex auf.

    Aus den Zwängen des Mannes befreit: Claire Danes als Cora Seaborne Apple Inc.

    Dort ist man derweil vom Verschwinden eines jungen Mädchens beunruhigt und verfällt in mediävalen Fanatismus. Mit Fackeln und Weihrauch streifen die Bewohner durch das morastige, neblige Land und versuchen das Ungeheuer in eine Falle zu locken.

    Mit der steigenden Hysterie hat auch der hiesige Vikar Will Ransome (Tom Hiddleston) zu kämpfen, der Cora bei ihrem ungebetenen Eintritt in das Dorf unterstützt. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern gibt er ein rationales und ruhiges Pendant zu seinen ängstlichen Mitbewohnern.

    Will und Cora versuchen nun gemeinsam, das Mysterium der Schlange von Essex zu lüften, wobei die Serie die verschiedenen Ansätze der beiden gegenüberstellt. So steht Cora für die progressive, aufgeklärte Städterin, die in der Wissenschaft Antworten sucht, wohingegen Will die Dörfler mit dem Glauben in Gott zu stärken versucht. Für ihn ist die Kreatur eine alte Mär, der er mit Rationalität und Vernunft begegnet, ist jedoch der konservativen Strömung seines Jahrhunderts verfallen und daher nicht direkt gewillt, die passionierte Methodik Coras anzunehmen.

    Cora Seaborne und Will Ransome (Tom Hiddleston) Apple Inc.

    Diesen sozialpolitischen Spannungen zwischen Dorf und Stadt, Konservatismus und Progressivität, Armut und Wohlstand, die durch Coras Haushälterin ins Spiel gebracht wird, sowie der Spannung zwischen Aberglauben und Rationalität wird in „Die Schlange von Essex“ Zeit und Raum zur Entfaltung gegeben.

    Parallel verfolgt auch der Arzt Garrett seine Leidenschaft für die Medizin. Sein größtes Ziel als Chirurg ist die Operation eines Herzens. Gemeinsam mit seinem Kollegen Spencer will er die medizinische Revolution in die Hörsäle der Universität bringen. Getrieben von aufklärerischem Wissensdurst, den er mit Cora teilt, versucht er, den perfekten Patienten für sein Unterfangen zu finden. Bezüge zu Shelley oder Stevenson formen das Bild eines Genius, das seiner Zeit voraus ist.

    Autorin Anna Symon und Regisseurin Clio Barnard schaffen mit „Die Schlange von Essex“ ein schwarzromantisches Drama, das seine Struktur auch im Gesellschaftsroman und der Moderne des 19. Jahrhunderts findet. Diese literarische Symbiose lässt jedoch ein wenig cineastischen Erfindergeist missen.

    So wird die Handlung überwiegend von den Hauptdarstellern getragen. Claire Danes und Tom Hiddleston liefern eindringliche Porträts ihrer Gesinnungen und schaffen durch ihr empathisches Spiel beiderseits Identifikationsfiguren. Auch Frank Dillane, Clémence Poésy und Hayley Squires bieten sympathische Darstellungen, die den Zuschauer vereinnahmen. Der gesamte Cast füllt das hochwertige Produktionsdesign mit Leben. Hierin lässt selbst der literarische Realismus seine Einflüsse erkennen.

    Stella (Clémence Poésy) und Will Ransome genießen das Landleben. Apple Inc.

    Barnard macht in ihrer Inszenierung keine ausufernden Kniffe, sondern richtet „Die Schlange von Essex“ ganz nach der literarischen Vorlage aus, wobei sie sich altbewährter cineastischer Methoden bedient. Ob Unterwasseraufnahmen, die an „Der weiße Hai“ erinnern oder lethargische Mystik aus „Picknick am Valentinstag“. Die Kameraarbeit von David Raedecker und die musikalische Untermalung Dustin O’Hallorans geben ein schaurig faszinierendes Bild des viktorianischen Englands.

    „Die Schlange von Essex“ ist ein spannendes, inhaltlich interessantes, wie fesselndes Werk, das sich nahtlos in die Reihe der großen Literaturverfilmungen reiht. Apple ist somit einmal mehr ein sehenswertes und schönes Stück Heimkino gelungen.

    Diese Rezension basiert auf der Sichtung der ersten drei Folgen der Miniserie „Die Schlange von Essex“.

    Meine Wertung: 4/​5

    „Die Schlange von Essex“ ist ab dem 13. Mai auf Apple TV+ verfügbar. Der Streamingdienst stellt dann alle sechs Folgen der Miniserie auf einen Schlag online.

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