„Die Falle“: „Liebes Kind“-Autorin inszeniert Interview mit einem (möglichen) Mörder – Review

Netflix-Miniserie mit Starensemble und packender Spannung

Marcus Kirzynowski
Rezension von Marcus Kirzynowski – 12.10.2026, 17:30 Uhr

„Die Falle“ – Bild: Netflix
„Die Falle“

Lisa (Miriam Ohlmeyer) und ihre jüngere Schwester Anna (Josephine Thiessen) tanzen ausgelassen zusammen in der Disko. Anna bittet einen jungen Mann, ein Foto von ihnen zu machen. „Und was bekomme ich dafür?“ – „Einen Kuss mit Zunge – von meiner Schwester“, antwortet Anna schlagfertig. Nur, um ihn dann selbst zu küssen. Eine kurze Szene, die vielleicht typisch ist für das Verhältnis der beiden Schwestern. Nachdem Anna wenig später brutal ermordet wurde, spricht Lisa jedoch nur noch in höchsten Lobeshymnen von ihr: Schön sei sie gewesen, klug und humorvoll und einfach ein guter Mensch.

Nicht nur der Journalist Robert Lenzen (Hans Löw) fragt, ob Lisa sie nicht idealisiere. Tatsächlich offenbaren sich in weiteren Rückblicken langsam, aber deutlich Risse in der ach so perfekt erinnerten Schwesternschaft. Lenzen, der die Bestsellerautorin Lisa Konrad (jetzt: Friederike Becht) interviewt, ist allerdings alles andere als unvoreingenommen. In Wahrheit kannte er Anna sehr gut. Und Lisa ist sich sicher, dass er sie vor zehn Jahren umgebracht hat.

Erhalte News zu Die Falle direkt auf dein Handy. Kostenlos per App-Benachrichtigung. Kostenlos mit der fernsehserien.de App.
Alle Neuigkeiten zu Die Falle und weiteren Serien deiner Liste findest du in deinem persönlichen Feed.

Die sechsteilige Netflix-Miniserie „Die Falle“, die Drehbuchautorin und Regisseurin Isabel Kleefeld („Liebes Kind“) nach dem gleichnamigen Roman von Melanie Raabe adaptiert hat, arbeitet mit einer für einen Thriller ungewöhnlichen Ausgangsidee: Kein Kriminalbeamter oder Detektiv versucht hier, einen Mörder zu überführen, sondern eine Schriftstellerin. Aber nicht à la Angela Lansbury in Mord ist ihr Hobby, sondern als Angehörige des Opfers und zugleich als Augenzeugin.

Kurz nach der Tat: der Kommissar (Michael Klammer) mit der jungen Lisa (Miriam Ohlmeyer, M.) Netflix

Lisa kam damals – etwas zu spät zur Verabredung – in die Wohnung ihrer Schwester und fand Anna von Messerstichen schwer verletzt auf dem Küchenboden. Bevor sie starb, machte sie Lisa noch auf ihren Mörder aufmerksam, der sich auf die Terrasse geflüchtet hatte. Das Erlebte hat Lisa so stark traumatisiert, dass sie seit zehn Jahren ihr luxuriöses Haus nicht mehr verlassen hat. Unter Pseudonym hat sie erfolgreiche Romane geschrieben, kommt aber mit Medikamenten und Therapeutin (Ursula Strauss) nur gerade so durch ihren Alltag. Bis sie eines Tages glaubt, den Mörder im Fernsehen wiedererkannt zu haben: Robert Lenzen, Starreporter eines Nachrichtenmagazins, bekannt als Kriegsreporter. Da sie kein Vertrauen in die Polizei hat, schmiedet sie einen gewagten Plan: Sie will die Geschichte ihrer Schwester zu einem Roman verarbeiten und dann Lenzen ein exklusives Interview dazu anbieten, um ihn direkt zu konfrontieren.

Während sich ihre wenigen engen Vertrauten – ihr Verleger Norbert Rudow (Matthias Brandt) und ihre Agentin Pia (Anna Schudt) – wundern, warum die Literatin plötzlich einen Krimi schreibt und warum die das Licht der Öffentlichkeit scheuende Autorin ausgerechnet einem Kriegsreporter ihr erstes Interview geben will, bereitet sie sich akribisch auf die Begegnung vor. Nicht nur, indem sie über Lenzens Leben recherchiert, sondern auch indem sie ihre Medikamente absetzt und sich durch einen Ex-Militär einem Verhörtraining unterzieht. Der zunächst ob der Anfrage verwunderte Lenzen hat inzwischen seinerseits die Verbindung zwischen Lisa und Anna geschnallt und dem Interview zugestimmt. Wenn es in der vierten Folge zu der lange erwarteten Begegnung kommt, ist man sich als Zusehende*r allerdings längst nicht mehr sicher, ob Lisa sich wirklich auf ihre Erinnerungen verlassen kann.

Unzuverlässige Erzählerin: Lisa Konrad (Friederike Becht) Netflix

Zu labil wirkt der psychische Zustand dieser Frau, die sich ihre eigene Wahrheit zurechtgelegt zu haben scheint. Und kann dieser umgängliche erfolgreiche Journalist, der so liebevoll mit seiner heranwachsenden Tochter umgeht, wirklich ein brutaler Mörder sein? Kleefeld streut geschickt Zweifel an Lisas Version des Geschehens, indem sie mit kurzen Zwischenschnitten auf Erinnerungsfetzen deren disparaten Geisteszustand visualisiert. Die bedrängende Musik von Oscarpreisträger Volker Bertelmann („Im Westen nichts Neues“) trägt ihren Teil zum zunehmenden Unbehagen bei. Aber auch die Hauptrollen sind hervorragend besetzt: Becht als unsichere, dann aber auch immer wieder willensstarke Autorin, Löw als leicht arroganter, aber immer menschlich wirkender Journalist, der sich nicht in die Karten sehen lässt.

Darüber hinaus ist die Miniserie bis in kleinste Rollen mit renommierten SchauspielerInnen besetzt. Manchmal wirkt das sogar etwas verschenkt, etwa bei Lisas Eltern, als die Peter Lohmeyer und Anna Stieblich („Türkisch für Anfänger“) nur wenig Screentime haben. Eine wichtigere Rolle hat Matthias Brandt, der hier ungewohnt zwielichtig agiert. Rückblenden legen nahe, dass seine Figur irgendwie in den Mord verstrickt war. Sympathisch hingegen Michael Klammer („Call My Agent Berlin“) als sanfter Kriminalkommissar, der als einziger Polizist nicht aufhört, Lisa zu glauben.

Bittet der Mörder zum Interview? Starjournalist Robert Lenzen (Hans Löw) Netflix

Menschliche Erinnerungen sind nie objektiv, auch wenn wir im Alltag davon ausgehen, dass alles, an das wir uns erinnern, auch wirklich passiert ist. Sobald aber psychische Erkrankungen, Traumata und Psychopharmaka ins Spiel kommen, schwindet dieses Vertrauen. Raabe und Kleefeld setzen Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer Antiheldin geschickt ein, um die Spannung auf hohem Niveau zu halten. Und selbst ganz am Schluss lassen sie noch eine entscheidende Frage offen. Als ob sie sagen wollten: Die Wahrheit, die man sich selbst über seine Vergangenheit zurechtgelegt hat, ist okay, solange man gut damit leben kann.

Ganz logisch entwickelt sich die Handlung leider nicht immer. Manches wird zu einfach wegerklärt, auch sind die Motivationen einiger Nebenfiguren nicht jederzeit nachvollziehbar. Das fällt angesichts der konstant hohen Spannung und der dichten und immer wieder auch originellen Inszenierung aber nicht schwer ins Gewicht. Insgesamt ist „Die Falle“ ein gelungenes Beispiel für die Art von High-End-Dramaserie, die man bei den großen Streamern gerne öfter sehen würde.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Die Falle“.

Meine Wertung: 4/​5

Alle sechs Episoden der Miniserie sind ab Dienstag, den 13. Oktober, bei Netflix verfügbar.

Über den Autor

Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

Kommentare zu dieser Newsmeldung

  • (geb. 1992) am

    Die Review liest sich ja schonmal sehr gut.


    Ich bin schon sehr gespannt, wie gut die Serie ist.


    Leider gibt es ja wenig wirklich gute deutsche Serien.

    weitere Meldungen

    Hol dir jetzt die fernsehserien.de App