Halloween wirft seine Schatten voraus. Darauf deuten nicht nur die gruseligen Dekorationen an manchen Häusern hin. Auch die Filmverleiher, Fernsehsender und Streamingdienste wollen uns mit frischen Programmierungen auf das Ende Oktober anstehende Schauerfest einstimmen. Nachdem vor genau einer Woche eine serielle Neuinterpretation von Stephen Kings Romanklassiker „Carrie“ (unsere Kritik siehe hier) auf Prime Video an den Start ging, schickt die US-Plattform Peacock nun ein achtteiliges Prequel zu einer der berühmtesten Leinwandhorrorreihen ins Rennen um die Gunst des Publikums. „Crystal Lake“, hierzulande auf HBO Max zu sehen, ist der erste frische Beitrag zum „Freitag, der 13.“-Franchise seit Marcus NispelsReboot von 2009.
Dass die Slasher-Saga all die Jahre vor sich hindümpelte, lag unter anderem an einem mehrfachen Lizenzwechsel und einem erst 2021 beigelegten Markenrechtsstreit zwischen Sean S. Cunningham, dem Regisseur des genreprägenden Auftaktfilms, und dessen Drehbuchautor Victor Miller. Während Ersterer derzeit an einem neuen Kinotitel arbeitet, ist Letzterer als ausführender Produzent an „Crystal Lake“ beteiligt. Hinter der Serie steht mit dem Independent-Studio A24 eine Film- und Fernsehschmiede, die sich als Lieferant für Horrorstoffe mit dem gewissen Etwas (zum Beispiel „Midsommar“, „Der Leuchtturm“ oder der diesjährige Überraschungshit „Backrooms“) hervorgetan hat.
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Nach einer offenbar nicht wirklich rund verlaufenen ersten Entwicklungsphase ersetzte Brad Caleb Kane („ES: Welcome to Derry“) den „Star Trek: Discovery“-Miterschaffer Bryan Fuller als Schöpfer und Showrunner des Slasher-Prequels. Die unter seiner kreativen Federführung entstandene Serie konzentriert sich auf die Vorgeschichte von Pamela „Pam“ Vorhees, der Antagonistin aus Cunninghams und Millers wegweisendem Ursprungsstreifen, die dort zwanzig Jahre nach dem vermeintlichen Ertrinken ihres Sohnes Jason im Ferienlager Crystal Lake aus Rache die neuen Betreiber und Aufseher niedermetzelt. Vorhees Junior, der selbstredend nicht ganz so tot ist wie angenommen, wird erst im zweiten Film der Reihe zum ikonischen Hauptgegenspieler und bekommt im dritten Kapitel die Hockeymaske als sein Markenzeichen aufgesetzt.
Pam (Linda Cardellini) zieht es immer wieder an den See. Peacock
Wichtig zu erwähnen: „Crystal Lake“ referenziert zwar vielfach den Originalfilm, verneigt sich vor ihm teils mit großer Liebe zum Detail, hält sich aber nicht streng an die darin etablierte Chronologie. Versinkt Jason laut „Freitag, der 13.“ bereits 1957 im titelgebenden See, verlegt Brad Caleb Kanes Erzählung dieses Ereignis in das Jahr 1971, in dem der Hauptteil der Serienhandlung spielt. Das scheinbare Ertrinken ihres wegen seines deformierten Kopfes schikanierten Sohnes frisst Pam (Linda Cardellini) von innen auf. Auch Monate später fällt es ihr schwer, die schreckliche Realität zu akzeptieren. Irgendwo da draußen muss ihr Jason noch stecken, glaubt und hofft sie, während sie ständig das Gewässer nahe des Feriencamps aufsucht.
Ihre ohnehin erschütterte Welt gerät noch mehr ins Wanken, als zwei dubiose Männer vor der Tür stehen, die sich als Polizisten ausgeben. Rasch erkennt Pam, dass der Besuch mit ihrer Vergangenheit zu tun hat, vor der sie einst in das verschlafene Städtchen Crystal Lake im Bundesstaat New Jersey flüchtete. Als sie attackiert wird, setzt sie sich zur Wehr und tötet die beiden Häscher, wobei die Serienmacher ihren Willen zum grotesken Slasher- und Splatter-Exzess bereits deutlich unterstreichen. Blut spritzt in den acht Episoden nicht zu knapp. Vor allem Gesichter werden immer wieder übel malträtiert. Für ungläubiges Staunen dürfte das Ende der Einstiegsfolge sorgen, bei dem Pam die Toten auf höchst eigenwillige Weise entsorgt.
Nach dem Auffinden einzelner Leichenteile breitet sich im Ort schnell die Angst vor einem menschenfressenden Bären aus, die der ermittelnde Polizeichef Levon Brooks (William Catlett) zu kontrollieren versucht. Zwischen ihm und Pam entwickelt sich eine Vertrautheit, aus der echte Anziehung wird. Gleichzeitig hat Jasons Mutter nach der Konfrontation mit ihrem alten Leben und durch die ständige Erinnerung an ihren Verlust aber Probleme, ihre wachsende Wut zu zäumen. Schon bald klebt weiteres Blut an ihren Händen, während in den Wäldern auch eine andere Bedrohung umherstreift.
In der offiziellen Synopsis ist davon die Rede, dass sich die Bewohner des Städtchens alsbald fragen, wer Pam Vorhees wirklich sei. Tatsächlich führt dieser Hinweis aber in die Irre. Denn keiner der Menschen aus Crystal Lake bringt die Protagonistin ernsthaft mit den stetig eskalierenden Geschehnissen in Verbindung. Vielmehr entblättert die Serie in ihren acht Episoden die Geschichte einer Frau, die gleich mehrere Traumata erlitten hat, deren tiefer Schmerz zunehmend in den Wahnsinn kippt. Pams Taten stoßen ab. Und doch wirkt sie auch verletzlich, zeigt mitunter große Empathie. Wenn sie für Schwächere, etwa Jasons Freundin Grace (Gwendolyn Sundstrom), Partei ergreift, sich verzweifelt darum bemüht, ihre Rolle als Mutter neu zu definieren, kann man wirklich mit ihr mitfühlen – was vor allem ein Verdienst der Hauptdarstellerin ist. Linda Cardellini bündelt Wut, Trauer und Zuneigung auf bestechende Weise, erschafft ein ambivalentes Porträt. Und das, obwohl die Drehbücher Pams Charakterbogen etwas fahrig und willkürlich zeichnen. In einigen Momenten verwandelt sie sich, so wirkt es jedenfalls, nur deshalb in eine Furie, weil es mal wieder Zeit für eine frische Gewaltspitze ist.
So gerne würde Pam (Linda Cardellini) in die Normalität zurückfinden. Peacock
Überzeugen kann auch die Chemie zwischen Cardellini und ihrem Kollegen William Catlett, der als schwarzer, rassistischen Kommentaren ausgesetzter Polizeichef mit unrühmlicher Backstory genau das richtige Maß an Entschlossenheit und Anteilnahme findet. Eine nicht unwichtige Rolle spielt Levons Schwester Briana (Devin Kessler), die als Journalistin in einem Nebenstrang die Herkunft von Pams toten Besuchern recherchiert und dabei auf das Vorleben der Hauptfigur stößt. Erinnerungsfetzen, die in den ersten Folgen hervorbrechen, weisen schon den Weg, erscheinen fast ein bisschen zu entlarvend. Nichtsdestotrotz hat das siebte Kapitel, das im Stile eines Technicolor-Melodramas arrangiert ist, einige böse Überraschungen zu bieten. Pams Leidensweg, der sich hier offenbart, der brutale patriarchale Strukturen enthüllt und ihr Muttersein noch einmal in ein neues Licht rückt, verleiht der Serie eine geradezu tragische Note. Parallel liefert „Crystal Lake“ eine Erklärung dafür, warum Jason im See nicht ums Leben gekommen ist. Ob sich damit jeder Zuschauer anfreunden kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. Immerhin nimmt sich das Prequel in diesem Punkt größere Freiheiten.
Fans der zugrundeliegenden Horrorreihe schauen, wie oben erwähnt, allerdings keineswegs in die Röhre. Wiederholt wechselt die Serie in die aus den Kinoarbeiten bekannte subjektive Perspektive eines bloß atmenden Beobachters. Und jedes Mal erklingt dazu das von Harry Manfredini komponierte Hauptthema des Ursprungsfilms, das mit seinen verfremdeten Zischlauten noch immer ein Schaudern hervorruft. Besonders ins Auge sticht eine Sequenz, in der „Crystal Lake“ die Auftaktmorde aus „Freitag, der 13.“ in neuem Kontext, aber erstaunlich akribisch nachstellt – freilich nicht, ohne der Passage einen kleinen Dreh zu geben.
Schaffen es Brad Caleb Kane und Co also, die Slasher-Versatzstücke und die Charakterstudie in Einklang zu bringen? Die Antwortet lautet: Jein! Gehen die so unterschiedlichen Elemente manchmal gut zusammen, beißen sie sich andernorts zu sehr. Einige Gewaltausbrüche sind derart over the top, geradezu comichaft, dass sie das dramatische Potenzial des Stoffes torpedieren. Zur Überzeichnung neigt die Serie auch in den Reihen der Nebenfiguren. Brooks’ junger Polizeikollege Dorf (Cameron Scoggins) tritt lange Zeit als Knallcharge auf, nur um im Finale eine urplötzliche Wandlung zu durchlaufen. Umherstolpernde Klischees sind ebenso die das Crystal-Lake-Lager besuchenden Hippies, die bei Licht betrachtet vor allem als Kanonenfutter gebraucht werden. Ohne sie gäbe es halt ein paar deftige Morde weniger. Verstörender als die meisten expliziten Horrorpassagen ist Pams in Episode 7 präsentierte Vorgeschichte, aus der die finale Folge zu Beginn Konfrontationen mit gesteigertem Nervenkitzel zieht. Umso bedauerlicher, dass es hinten raus hektisch wird und die Serie dadurch an Wucht einbüßt.
Meine Wertung: 3/5
Die Serie „Crystal Lake“ startet in den USA auf dem Streamingdienst Peacock am Donnerstag, dem 15. Oktober, mit allen acht Episoden. Hierzulange werden am selben Tag die ersten drei Folgen auf HBO Max veröffentlicht.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.