Brauchte es wirklich eine weitere Adaption von Stephen Kings erstem veröffentlichtem Roman „Carrie“, nachdem die letzte Verfilmung des Stoffes unter der Regie von Kimberly Pierce teilweise schon als unnötig eingestuft wurde? Und: Das Ganze auch noch als achtteilige Miniserie, wo doch die Vorlage, im Vergleich zu anderen Werken des US-Schriftstellers, recht überschaubar ausfällt? Fragen wie diese kamen einem in den Sinn, als Amazons Streamingdienst Prime Video dem Projekt im Frühjahr 2025 offiziell grünes Licht erteilte. Andererseits erzählt das Horror- und Coming-of-Age-Elemente verbindende Buch eine zeitlose Geschichte über jugendliche Ängste, Demütigungen und eine daraus erwachsende destruktive Dynamik. Was zudem Hoffnungen schürte: Mit Mike Flanagan („Doctor Sleeps Erwachen“) konnte ein ausgewiesener King-Experte als Schöpfer und Showrunner gewonnen werden. Bereits diverse Male – etwa in „Midnight Mass“ und „Gänsehaut um Mitternacht“ – stellte der Film- und Serienmacher seine Fähigkeit unter Beweis, gut austarierte Figuren durch atmosphärische, laute Schockeffekte nur dosiert einsetzende Erzählungen zu führen.
Zu beneiden war Flanagan um die Aufgabe freilich nicht. Immerhin existiert mit Brian De Palmas„Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ aus dem Jahr 1976, der ersten Bearbeitung des Romans, ein Kinofilm, der schon lange als Klassiker des Horrorgenres gilt. Nach der verrissenen Fortsetzung „Carrie 2 – Die Rache“ von 1999, der Fernsehadaption „Carrie“ von 2002 und der schon erwähnten Neuauflage von Kimberly Pierce versucht sich „Carrie“ anno 2026 nun an einer modernen Interpretation, die das gesellschaftlich angespannte Klima in den heutigen Vereinigten Staaten und die Gefahren im Social-Media-Zeitalter mit der im Zentrum stehende Erweckungsstory einer ausgegrenzten Teenagerin verschmelzen soll.
Erhalte News zu Carrie direkt auf dein Handy. Kostenlos per App-Benachrichtigung.Kostenlos mit der fernsehserien.de App.
Alle Neuigkeiten zu Carrie und weiteren Serien
deiner Liste findest du in deinem
persönlichen Feed.
Die Gräben der Gegenwart spiegeln Flanagen und sein kreatives Team bereits am Anfang in einer von zahlreichen Abweichungen bzw. Ausschmückungen des zugrundeliegenden Buchmaterials. Leidet Carrie White bei King und De Palma unter einer fanatisch religiösen Mutter, die ihr Kind vor den Sünden der Welt bewahren will, stellt sich die häusliche Situation in der Prime-Video-Produktion etwas anders da. Hier ist die Titelfigur (Summer H. Howell) in eine Familie hineingeboren, die nicht nur einem übersteigerten Glauben an Gott anhängt, sondern sich allerlei Verschwörungsmythen unterwirft. Der Staat, die Mitmenschen, sie alle wollen einen dumm und machtlos halten – so lernt es Carrie von klein auf. Ihr Vater Ralph (Tahmoh Penikett), ein Ex-Soldat, hat sich mit seiner Frau Margaret (Samantha Sloyan) und seiner Tochter komplett zurückgezogen, ist der Einzige des Trios, der noch das Haus verlässt, um etwas Geld zum Überleben zu verdienen.
Bildeten lange eine Einheit: Carrie (Summer H. Howell, links) und ihre Mutter Margaret (Samantha Sloyan) Prime Video/Liane Hentscher
Von Carries Existenz wissen die Behörden lange nichts. Bis zu dem Tag, an dem Ralph bei einem makabren, ein Motiv aus dem Roman aufgreifenden Unfall auf einer Baustelle ums Leben kommt. Polizei und Jugendamt stehen plötzlich vor der Tür. Und Carrie wird auf denkbar heftigste Weise aus ihrem vom Vater verordneten Dornröschenschlaf gerissen. Sie, die noch nie eine Schule von innen gesehen hat, deren einzige Bezugspersonen ihre Eltern waren, wird auf einmal mit der unbekannten Realität jenseits ihres Hauses konfrontiert und muss sich zum ersten Mal mit anderen Teenagern auseinandersetzen. An der Highschool ist sie umgehend als Freak verschrien. Schnell gerät sie ins Visier der selbst mit familiären Auflösungserscheinungen kämpfenden Chris Hargensen (Alison Thornton). Mehr und mehr lässt die Mitschülerin ihren eigenen Frust an der im sozialen Umgang komplett unbedarften Carrie ab, die an sich eine mysteriöse telekinetische Gabe bemerkt. Besonders in Augenblicken großer Aufregung bricht die Superkraft aus ihr hervor – anfangs noch unkontrolliert und schwach.
Auslöser einer katastrophalen Kette von Ereignissen, die in das berühmt-berüchtigte Massaker auf dem Schulball münden wird, ist eine fiese Mobbingattacke nach dem Sportunterricht. Da sie von ihrer Mutter nie über den weiblichen Körper aufgeklärt wurde, reagiert Carrie panisch, als sie in der Umkleidekabine die Spuren ihrer ersten Periode entdeckt. Das Gros der anwesenden Mädchen verspottet Carrie, die völlig aufgelöst über den Boden der Dusche kriecht – was die Umstehenden auf ihren Smartphones festhalten. Der Moment, der Brian De Palmas Filmadaption eröffnet und dort voyeuristisch inszeniert wird, ist in der Miniserie weniger aufdringlich umgesetzt, erzeugt aber dennoch ein Gefühl der Beklemmung.
Die Schikanen gegen Carrie laufen ab diesem Punkt völlig aus dem Ruder. Nur wenig später legt Chris einen Social-Media-Account unter dem Namen Carrie Red an, auf dem sie ein Video des Vorfalls postet. Und es folgen zahlreiche weitere kompromittierende Bilder, Clips und Informationen, auch über andere Teenager, weshalb sich an der Schule eine aggressive Stimmung wie ein Virus ausbreitet. So heißt es jedenfalls an einigen Stellen. Das Ausmaß der Unruhe vermittelt „Carrie“ allerdings nicht immer mit der nötigen Konsequenz.
Die Handys sind gezückt bei Carries Panikattacke in der Dusche. Prime Video
Unterstützung bekommt die vorgeführte Protagonistin, zumindest gelegentlich, von Sue Snell (Siena Agudong), der ein schlechtes Gewissen zu schaffen macht. Ausgerechnet sie ist allerdings die Schöpferin des verächtlichen Spitznamens, den Chris für ihren Fake-Account benutzt. Auf der Bildfläche erscheint außerdem die rätselhafte, schon optisch auf unangepasste Außenseiterin getrimmte Emaline (Thalia Dudek). Eine für die Serienadaption hinzuerfundene Figur, die man zunächst für eine klischeehafte Drehbuchkrücke halten kann, der eine Wendung am Ende der fünften Episode aber noch einmal eine neue, durchaus aufschlussreiche Bedeutung verleiht.
Flanagans Entscheidung, Carrie als eine von der Gesellschaft komplett abgeschirmte junge Frau zu zeichnen, die sich in der Schule wie der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen fühlen muss, ergänzt das in der Popkultur gefestigte Bild der Titelheldin um eine reizvolle Facette. Schließlich hat sie dieses Mal nicht nur keine Ahnung von der Menstruation, sondern muss von Grund auf lernen, wie man sich durch die Welt bewegt und mit ihr interagiert. In ihrer engagiert-konzentrierten Performance kehrt Hauptdarstellerin Summer H. Howell die Verunsicherung der Jugendlichen glaubhaft heraus. Interessanterweise wirkt Sissy Spaceks Carrie White in De Palmas Leinwandklassiker jedoch noch eine ganze Spur entrückter, losgelöster von der Teenagerrealität um sie herum.
Weil das Serienformat mehr Platz zum Ausarbeiten der Charaktere bietet, ist die Beziehung zwischen Carrie und ihrer Mutter ausgefeilter als in der so einflussreichen Erstverfilmung. Wird Margaret dort als religiös verblendete Furie gezeigt, präsentiert sie sich in der Prime-Video-Interpretation ambivalenter. Zwar strahlt sie auch hier Härte aus, schickt ihre Tochter für angebliche Vergehen in eine Gebetskammer und schwingt Wir-gegen-die-böse-Welt-Predigten. Gleichzeitig ist aber zu spüren, wie viel ihr Carrie bedeutet. Nicht zuletzt setzt sie sich wie eine Löwin gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr, erinnert die Schule zum Beispiel an ihre Pflicht, dem um sich greifenden Cybermobbing durch den Carrie Red-Account nachzugehen. Dass sie ihren toten Ehemann in seinen kruden, reaktionären Haltungen stets unterstützt hat, ist unverzeihlich. Und doch verschwimmt bei ihr bis zu einem gewissen Grad die Grenze zwischen Mittäterin und Opfer. Angesichts ihrer Vorgeschichte, die sich lange Jahre auf das Haus der Familie beschränkte, erstaunt es ein wenig, wie zeitgemäß die vorher von digitalen Medien ferngehaltene Margaret zum Gegenangriff auf Chris Hargensen bläst.
Von links nach rechts: Emaline (Thalia Dudek) und Carrie (Summer H. Howell) bekommen den Zorn von Chris (Alison Thornton) zu spüren. Prime Video/Robert Falconer
Apropos Chris: Auch Carries ärgste Widersacherin stattet Flanagans Adaption mit mehr Hintergrund aus. In den ersten fünf für diese Kritik gesichteten Folgen ergibt sich dadurch aber kein besonders spannendes Charakterporträt. Zu sehr bleibt die Figur dem im Coming-of-Age-Genre oft zum Einsatz kommenden Muster der narzisstischen, intriganten Highschool-Prinzessin verhaftet. Etwas mehr Profil hätte zudem die Carrie gegenüber wohlmeinende Sue vertragen können.
Was über die Halbzeitmarke hinaus auffällt: Ab und an tritt die Miniserie ein wenig auf der Stelle, scheinen die Konflikte eine Zeitlang festgefahren. So könnte unter anderem die Reibung zwischen Carrie und Margaret größer sein. Die wachsenden telekinetischen Kräfte der Teenagerin nimmt die Prime-Video-Serie zum Anlass für einen Blick in die Vergangenheit, genauer gesagt: auf das Unrecht, das gerade Frauen mit außergewöhnlichen Eigenschaften schon vor Jahrhunderten widerfuhr. Die im Ausgangsmaterial steckende feministische, emanzipatorische Note arbeitet „Carrie“ anno 2026 manchmal fast schon zu aufdringlich heraus. In diesem Zusammenhang ist außerdem fraglich, wie gut eine zweite, in den ersten fünf Episoden nur angerissene Story-Ebene funktioniert, die das Geschehen in Richtung Superheldinnenerzählung verschiebt. Geht dieser Kniff wirklich auf?
Mehr noch als andere überrascht allerdings, wie wenig unheimlich die Miniserie daherkommt. Die hier und da eingestreuten jump scares taugen nicht gerade dazu, Horrorfans aus der Fassung zu bringen. Im Vordergrund stehen die Coming-of-Age-Aspekte, Carries Ringen mit der so fremden Welt, der Druck durch die Social-Media-Kampagne. Auch wenn die verstörenden Passagen noch kommen mögen – irgendwie hat es Mike Flanagan in früheren Werken besser verstanden, seinen Bildern ein nachhallendes Unbehagen einzupflanzen. In die Knochen kriecht einem seine Neuinterpretation von Kings prägendem Roman jedenfalls nicht.
Meine Wertung: 3/5
Alle acht Folgen der Miniserie „Carrie“ werden am Mittwoch, dem 7. Oktober, auf Prime Video veröffentlicht.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.