„Condor“: Robert Redfords Fußstapfen für Max Irons in Serienremake noch zu groß

    Solider Verschwörungsthriller modernisiert den Filmklassiker

    "Condor": Robert Redfords Fußstapfen für Max Irons in Serienremake noch zu groß – Solider Verschwörungsthriller modernisiert den Filmklassiker – Bild: MGM
    „Condor“

    Manchmal kann Rauchen doch Leben retten. Der Umstand, dass Joe Turner (Max Irons) einfach nicht von seinem Laster lassen kann und trotz ausdrücklichen Verbots durch das Sicherheitspersonal regelmäßig eine Raucherpause auf der Feuertreppe einlegt, ermöglicht ihm, dem Killerkommando zu entkommen, das eines Tages in seine kleine CIA-Außenstelle platzt. Als einzigem – alle seine Kollegen werden von den Maskierten niedergemetzelt. Da es sich um eine streng geheime Abteilung handelte, die als Analyseunternehmen getarnt war, muss es einen „Maulwurf“ geben, jemanden von innerhalb des Geheimdienstes, der Informationen an Feinde verraten haben muss. Oder ist alles noch viel schlimmer und der Mordanschlag selbst war ein „Inside Job“?

    Wem diese Ausgangssituation bekannt vorkommt, liegt nicht falsch, sondern hat wahrscheinlich einfach den Filmklassiker „Die drei Tage des Condor“ von Sidney Pollack gesehen. Darin spielte 1975 der junge Robert Redford den ahnungslosen Analytiker, der von einem Moment zum anderen in permanente Lebensgefahr gerät und sich nicht mehr sicher sein kann, wer Freund und wer Feind ist. Der Film basierte bereits auf einem Roman von James Grady und nun haben sich Todd Katzburg, Jason Smilovic und Ken Robinson erneut des Stoffes angenommen und daraus eine zunächst zehnteilige Thrillerserie gemacht. „Condor“ läuft in den USA auf dem Audience Network des Kabelnetzanbieters AT&T und ist deswegen nur dessen Abonnenten zugänglich. Dem Budget ist das nicht abträglich, ist die Kasse von AT&T doch so gut gefüllt, dass sie jetzt sogar den Mediengiganten Time Warner übernommen haben, mit Stumpf, Stil und HBO.

    In Pollacks Kinoversion dauerte es nur wenige Minuten bis zum Massaker an den CIA-Mitarbeitern. Im Serienpiloten kommt es erst kurz vor Schluss als großer Höhepunkt und Cliffhanger. Hier macht sich die deutlich ausgeweitete Laufzeit bemerkbar, die den Autoren in der TV-Fassung zur Verfügung steht, um ihre Geschichte zu erzählen. So nehmen sie sich vorher erst einmal fast eine Dreiviertelstunde Zeit, ihren Protagonisten (und weniger ausführlich seine Gegenspieler) einzuführen. Dabei haben sie das Umfeld kräftig modernisiert: Während Redford noch Bücher auswertete und seine Außenstelle folgerichtig als Literaturinstitut getarnt war, ist Irons’ Joe Turner ein Computergenie, das vor Jahren ein Analyseprogramm entwickelt hat, das potentielle Attentäter identifizieren kann. Dieses hat nun einen arabischstämmigen Mann ausfindig gemacht, der mit einer zwölfprozentigen Wahrscheinlichkeit einen Terroranschlag großen Ausmaßes plant, nämlich während eines Footballspiels einen Pestvirus in einem Stadion der Hauptstadt verbreiten will. Turner ist zunächst überhaupt nicht angetan, als ihm sein Onkel Bob Partridge (William Hurt), ein ranghoher CIA-Offizier, eröffnet, dass der Mann auf Grund dieser Projektion eliminiert werden soll, bevor er das Stadion erreicht. Der Analyst will nicht, dass die unsicheren Vorhersagen seiner Software als Grundlage solcher Entscheidungen über Leben und Tod dienen.

    Wurden für die Starpower gebucht: William Hurt als Bob Partridge und Mira Sorvino als Marty Frost

    Als der mutmaßliche Terrorist getötet ist und die CIA den Verdacht bestätigt, wird Turners Team als Helden gefeiert. Doch Joe entdeckt schnell Auffälligkeiten in Bezug auf Arzneimittelbestellungen im Vorfeld des angeblichen Attentats und gerät dadurch ins Visier eines sinistren Großunternehmers und dessen Mitarbeiters für die Drecksarbeit, Nathan Fowler (Brendan Fraser). Letzterer wird als vordergründige Feindfigur eingeführt, tötet er doch gleich in der Auftaktsequenz beiläufig einen allzu neugierigen Passanten. Es wird aber relativ schnell klar, dass die wahren Antagonisten viele Etagen höher in der Machthierarchie angesiedelt sind und Regierungsmitarbeiter selbst ihre Finger im Spiel haben.

    Eine Welt, in der man niemandem trauen kann, ein Jäger – wenn auch bislang nur am Schreibtisch -, der selbst zum Gejagten wird: Das sind die zentralen Themen der Geschichte, damals wie heute. Während Redford dabei zwar sehr gut aussah, aber eher ein schwaches Hemd war, wirkt Irons für einen Programmierer von Anfang an etwas zu durchtrainiert und schafft es auch zu leicht, den Killern wiederholt zu entkommen. Das ist wohl ein Zugeständnis an veränderte Sehgewohnheiten, die mehr Action verlangen. So gibt es diverse Verfolgungsjagden zu Fuß, per Zug und im Auto, wobei bei letzteren die schlechtesten Rückprojektionen seit Hitchcocks Zeiten zum Einsatz kommen. Joe wird aber auch als langjähriger Single eingeführt, der wegen einer Mischung aus Schüchternheit und Zeitmangel alleine lebt und zum Daten via Tinder regelrecht gezwungen werden muss. Ein erstes Date mit der netten Kathy (Katherine Cunningham) beginnt ziemlich desaströs, bevor sich doch noch gegenseitige Sympathie entwickelt. Als Joe auf der Flucht nicht mehr weiß, an wen er sich wenden soll, steht er ausgerechnet bei Kathy vor der Tür. Wie schon Redfords Turner bei der damals von Faye Dunaway gespielten Frau muss auch der moderne Joe bald zu – zumindest psychischer – Gewalt greifen, um sie unter Kontrolle zu bringen. In Zeiten der #MeToo- Debatte ist es nicht ganz uninteressant, wie sich diese Beziehung weiterentwickeln wird.

    Kristoffer Polaha als Sam Barber und Kristen Hager als Mae Barber

    Schauspielerisch reicht Max Irons (Sohn des Schauspielerpaars Jeremy Irons und Sinéad Cusack) nicht an Robert Redford heran, macht seine Sache aber solide. Das Gleiche lässt sich über die zahlreichen anderen Darsteller sagen, wobei niemand so richtig heraussticht. Eher unter seinen Möglichkeiten bleibt bislang William Hurt, ohne Frage ein toller Schauspieler, der hier jedoch mit sehr zurückhaltender Mimik agiert wie schon vor kurzem in der ersten Staffel der Amazon-Serie „Goliath“. Hervorheben muss man noch eine sensibel gespielte und inszenierte Szene (Regie der beiden Auftaktfolgen: Lawrence Trilling) zwischen Joes Kollegen und besten Freund Sam (Kristoffer Polaha) und dessen kleinem Sohn. Sam, der an dem Komplott beteiligt ist, aber nun versucht, Joe zu retten, erzählt darin seinem Sohn, er hätte auf der Arbeit einen schlimmen Fehler gemacht. „Hast du versucht, ihn wieder gutzumachen“, fragt der Kleine seinen Vater. Aber Sam weiß genau, dass die Schuld, die er auf sich geladen hat, viel zu groß ist, um jemals bereinigt werden zu können.“Condor“ passt sicher in unsere Zeit, in der Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben. Die ersten Folgen versprechen einen soliden, handwerklich sauberen und leidlich spannenden Spionage-Thriller. Ob es eine Neuauflage des klassischen Stoffs in Serienform wirklich gebraucht hätte, bleibt aber auch nach diesem Auftakt fraglich. In Sachen Atmosphäre und subtile Spannung ist die Kinoversion nämlich immer noch haushoch überlegen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie „Condor“.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: AT&T

    Die Serie „Condor“ läuft aktuell in den USA beim Sender Audience. Eine deutsche Heimat für den Thriller ist noch nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „Condor“

    18.06.2018, 19:30 Uhr – Marcus Kirzynowski/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski
    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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