Torsten Sträter: „Um verheizt zu werden, muss man sich auch verheizen lassen“

    Interview über „One Mic Stand“, Dieter Nuhr, Depression und Ruf der deutschen Comedy

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 14.07.2022, 10:30 Uhr

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    WDR/​Melanie Grande

    fernsehserien.de: Zwischen Live-Comedy und Comedy im deutschen Fernsehen besteht auch ein riesiger Unterschied, den man aber erst erkennt, wenn man sich auch darauf einlässt.

    Torsten Sträter: Richtig, die deutsche Comedy wird im Fernsehen oft nicht so gut präsentiert – ganz im Gegensatz zum Kabarett, das mit Sendungen wie „Nuhr im Ersten“ und „Die Anstalt“ exquisit aufgestellt ist. Aber die deutsche Comedy ist viel besser, als manche denken. Generell neigt man hierzulande zur Entwicklung von Figuren, was natürlich die supercoole amerikanische Stand-up-Szene nicht macht. Die stehen im Shirt und in teuren Schuhen auf der Bühne und spielen ihr Set. In Deutschland wollen dagegen viele Künstler lieber eine Kunstfigur sein. Davon könnten sich viele heutzutage eigentlich loslösen, aber sie hängen wahrscheinlich zu sehr an ihrer Figur, um diesen Schritt zu gehen. Viele denken auch, dass mein Mützen-Ding Teil einer Figur ist. Aber ich bin keine Figur. Ich habe mir nur irgendwann eine Mütze aufgesetzt, weil ich dachte, dass ich dann weniger schwitze. Was ein Trugschluss war.

    Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie deutsche Comedy generell furchtbar finden, doch Torsten Sträter finden sie lustig und sympathisch. Auch innerhalb der Comedyszene, die inzwischen durchaus in unterschiedliche Lager gespalten ist, scheinen sich alle Seiten auf Torsten Sträter einigen zu können. Was machen Sie anders oder besser als andere?

    Torsten Sträter: Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, aber es ist ein schönes Gefühl. Das Problem ist: Sobald man weiß, was man anders macht als die anderen, muss man es eigentlich wieder ändern. Ich will deshalb gar nicht zu viel darüber nachdenken. Ich bin auf der Bühne verhältnismäßig zügellos und erzähle sehr viel Quatsch – und auf einer Ebene darüber noch mehr Quatsch. Ich halte mich nicht zwingend an einem roten Faden fest. Ich kann nur sagen: Ich freue mich, wenn die Hallen voll sind und liebe meine Fans über die Maßen. Ich weiß, wie herablassend und doof das klingt. Aber wo wäre ich ohne sie? Und wer weiß: Vielleicht hatte ich meinen Karrierehöhepunkt schon vor vier Jahren und befinde mich gerade schon sehr langsam auf dem absteigenden Ast. Denn das große Ziel besteht ja eigentlich darin, seinen persönlichen Karriereabstieg zu verlangsamen – und nicht darin, on top zu sein.

    Torsten Sträter in seiner eigenen Show „Sträter“ im Ersten WDR/​Melanie Grande

    [lacht] Meine Theorie für den Grund Ihrer Beliebtheit: Sie kommen nicht aufgesetzt rüber, nach dem Motto: Achtung, ich reiße hier gleich die Hütte ab. Sie sind nahbar und die Menschen spüren, dass Sie sich auf der Bühne nicht verstellen oder für etwas Besseres halten. Einer Ihrer Förderer war Dieter Nuhr, der mit seiner Sendung immer wieder für den einen oder anderen Shitstorm sorgt. Ist die Kritik an ihm Ihrer Ansicht nach berechtigt?

    Torsten Sträter: Erst mal vielen Dank für das Kompliment und zu Dieter Nuhr: Generell ist es immer erst mal gut, wenn man jemanden für seine Inhalte kritisieren kann, weil das bedeutet, dass man sich mit jemandem auseinandersetzt. In der heutigen Zeit wird man immer einen gewissen Teil Leute haben, besonders in den viralen Medien, die eine entgegengesetzte Meinung haben und die deine Meinung nicht einfach stehen lassen können. Dieter Nuhr wäre durchaus in der Lage, einen kleinen kathartischen Effekt in seine Nummern einzubauen, um zu besänftigen. Aber warum sollte er das tun? Ich jedenfalls kann mich lächelnd in eine Sendung neben Dieter Nuhr stellen und mich dabei wohlfühlen. Denn was viele nicht sehen: Dieter Nuhr kann fünf Minuten zuvor selbst etwas erzählen und er lässt mich dennoch anschließend auftreten und in meiner Nummer die gegensätzliche Meinung einnehmen. Ich habe einige andere Ansichten als er. Und dennoch lässt er das bei mir und anderen Kollegen in seiner Sendung zu. Darauf kommt es letztendlich an, damit wir es nicht mit einem „gleichgeschalteten Kabarett“ zu tun haben.

    In dem Sinne bietet „Nuhr im Ersten“ tatsächlich das größtmögliche Aufeinanderprallen unterschiedlicher Haltungen im Comedy-Bereich.

    Torsten Sträter:… und der unterschiedlichsten Kabarett- und Humorformen. Was Lisa Eckhart macht, ist natürlich provokant und man kann immer mit dem Finger auf sie zeigen und behaupten: „Das war antisemitischer Mist.“ Aber wenn man sich die ganze Nummer ansieht, erkennt man die satirische Extremüberhöhung und versteht auch, dass niemand anders außer Lisa Eckhart eine Lisa-Eckhart-Nummer machen kann. Sie nimmt zur Wirkverstärkung extreme Positionen ein. An dieser absoluten Mega-Kunstfigur kann man sich natürlich reiben, wenn man Ausschnitte aus dem Kontext schneidet. Aber weder Dieter Nuhr noch Lisa Eckhart sind Antisemiten, Klimaleugner oder sonst was. Das ist einfach Schwachsinn.

    Ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis: Torsten Sträters Auftritt bei „Chez Krömer“ rbb/​Daniel Porsdorf

    Mit einem Auftritt in der Sendung von Kurt Krömer haben Sie im vergangenen Jahr auf ganz andere Art und Weise Aufmerksamkeit erregt und für Anerkennung gesorgt, als Sie offen über das Thema Depression sprachen. Weshalb ist Depression bei vielen Menschen immer noch ein mit Scham behaftetes Thema, während über körperliche Erkrankungen scheinbar unkomplizierter gesprochen werden kann?

    Torsten Sträter: So herum ist die Frage gut gestellt, trotzdem habe ich keine richtige Erklärung dafür. Vielleicht ist wirklich noch in den Köpfen drin, dass Tante Beate jetzt in die Geschlossene muss, weil sie verrückt geworden ist und die Raufasertapete abgeknibbelt hat. So ein Überbleibsel aus Erzählungen der 1960er Jahre. Das Problem ist, dass sich nur wenig Leute vorstellen können, wie es ist, Depressionen zu haben. Und ich kann sagen: Es ist absolut schrecklich. Es ist ein Krieg, der in einem selbst stattfindet und der dich komplett lähmt und in ein dunkles Tal führt. Alles ist im Treibsand, alles fühlt sich an wie unter Wasser. Hoffnungslosigkeit, gegen die du nichts machen kannst und die du einfach nicht wegkriegst. Sie ist einfach da. Und das haben unheimlich viele Leute und leider liegt es in der Natur der Sache, dass man schlecht darüber sprechen kann, wenn man selbst davon betroffen ist. Deshalb ist es wichtig, dass es Leute gibt, die sich hinstellen und das trotzdem machen. Ich weiß, dass viele inzwischen davon genervt sind, dass ich es dauernd anspreche. Aber das gefällt mir eigentlich. Es ist mir lieber, wenn Leute von dem Thema genervt sind, anstatt es zu ignorieren. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Depression sollte kein Tabu sein. Nein, korrekter ist: Depression ist absolut kein Tabu. Es nässt nicht, es tropft nicht, wir sehen keine Geschlechtsorgane und keinen offenen Bauch. Es ist eine seelische Erkrankung, die behandelbar ist und behandelt werden sollte. In den letzten 30 Jahren wurden da enorme Fortschritte gemacht!

    Ich habe großen Respekt davor und finde es richtig und wichtig, dass Sie sich für das Thema stark machen. Was allerdings einige wahrscheinlich noch nicht wissen: Sie sind vielleicht der größte „Batman“-Fan Deutschlands. Woher kommt die Faszination?

    Torsten Sträter: Ich kann es Ihnen nicht erklären [lacht]! Ich glaube, jeder bringt etwas aus seiner Kindheit mit und will sich als Erwachsener so manche Träume erfüllen. Und ich mache das verhältnismäßig exzessiv und habe „Batman“ aus meiner Kindheit komplett in mein Erwachsensein gebracht. Wenn Sie mein Büro sehen könnten, würden Sie sehen, dass hier alle LEGO-Modelle stehen, die es jemals von „Batman“ gab! Hier drüben steht der Hot Toys Tumbler und nebenan in meiner Werkstatt hängen allerhand Masken und Kostüme. Und offen gestanden habe ich auch ein komplettes Batmobil in einer geheimen Garage!

    Torsten Sträter bei „One Mic Stand“ Daniel Dornhöfer/​Amazon Prime Video/​Leonine Studios

    Wirklich beeindruckend! Sie sind auch bekennender Film- und Serienfan und deshalb möchte ich Sie natürlich noch fragen, was sie aktuell empfehlen.

    Torsten Sträter: Natürlich „Better Call Saul“, allerdings sollte man nach der langen Pause nochmal Staffel 5 schauen, damit man einigermaßen in Staffel 6 reinkommt. Dann auf Prime Video unbedingt „The Boys“! Man kann echt viel gucken, aber „The Boys“ ist wirklich genial und ich freue mich total über die neue Staffel. Die Charakterentwicklung in dieser Comicverfilmung spricht mich extrem an und ich genieße die Serie über die Maßen! Fantastisch! Außerdem genieße ich jede Staffel von „LOL: Last One Laughing“, bei der ich nicht dabei bin, und versuche, an alles von Kalkofe und Pastewka ranzukommen, weil das auch Helden von mir sind. Ansonsten erwische ich mich auch schon mal dabei, dass ich morgens verquollen in den „ZDF-Fernsehgarten“ reingucke – und zwar ohne dann ironisch darüber zu twittern.

    Vielen Dank für das offene und sympathische Gespräch und alles Gute!

    Die fünfteilige Produktion „One Mic Stand“ wird am 15. Juli bei Amazon Prime Video veröffentlicht. Neben Torsten Sträter fungieren Harald Schmidt, Michael Mittermeier, Teddy Teclebrhan und Hazel Brugger als Comedy-Coaches.

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    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang '85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. "Bim Bam Bino", "Vampy" und der "Li-La-Launebär" waren ständige Begleiter zwischen den "Schlümpfen", "Familie Feuerstein" und "Bugs Bunny". Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. "Ruck Zuck" oder "Kaum zu glauben!". Auch für Realityshows wie den Klassiker "Big Brother" hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie "Die Harald Schmidt Show" und "PussyTerror TV", hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie "Eine schrecklich nette Familie" und "Roseanne", aber auch schräge Mysteryserien wie "Twin Peaks" und "Orphan Black". Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

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