Torsten Sträter: „Um verheizt zu werden, muss man sich auch verheizen lassen“

    Interview über „One Mic Stand“, Dieter Nuhr, Depression und Ruf der deutschen Comedy

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 14.07.2022, 10:30 Uhr

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    Torsten Sträter – Bild: WDR/Melanie Grande
    Torsten Sträter

    Torsten Sträter, der wohl bekannteste Mützen-Träger Deutschlands, hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Karriere hingelegt. Als Kabarettist, Poetry-Slammer und Horror-Schriftsteller hat er sich einen Namen gemacht. Der Mann mit der markanten sonoren Stimme ist gern gesehener Gast in so gut wie allen Humorsendungen des deutschen Fernsehens, hat seine eigene Show „Sträter“ im Ersten und ist derzeit mit seinem dritten Bühnenprogramm „Schnee, der auf Ceran fällt“ auf Tour.

    Nach „LOL: Last One Laughing“ ist er einer der Mitwirkenden in „One Mic Stand“, der nächsten Comedy-Eigenproduktion von Prime Video, die am 15. Juli veröffentlicht wird. Darin coachen erfahrene Comedians Prominente aus anderen Bereichen für ihren ersten Stand-up-Auftritt. fernsehserien.de-Redakteur Glenn Riedmeier sprach mit Torsten Sträter über das neue Format und seine Karriere. Der Künstler erläutert, weshalb deutsche Comedy besser als ihr Ruf ist, ob er Shitstorms gegen Dieter Nuhr gerechtfertigt findet und weshalb Depression bei vielen Menschen immer noch ein mit Scham behaftetes Thema ist.

    fernsehserien.de: Lieber Herr Sträter, bei „One Mic Stand“ coachen Sie Model und Victoria’s-Secret-Engel Lorena Rae für einen Comedy-Auftritt. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

    Torsten Sträter: Sie war der Hammer! Wir alle haben ja Klischees im Kopf und auch ich war nicht frei von großen Modelklischees und dachte mir vorher: „Na, ob das wohl funktioniert…?“ Aber die Chemie zwischen uns war von Minute 1 an komplett Bombe! Viele werden sich bestimmt fragen: „Hat das Kennenlernen wirklich so stattgefunden, wie es in der Folge gezeigt wird?“ Ja, genau so war es, daran wurde nichts gefaked! Auf solche Dinge lege ich auch wert, weil ich überhaupt nicht schauspielern kann und so was nicht 50 Mal wiederholen kann. Ich war positiv davon überrascht, wie entspannt und selbstironisch Lorena ist. Selbstironie ist meist der Schlüssel zu allem.

    Torsten Sträter mit Lorena Rae Daniel Dornhöfer/​Amazon Prime Video/​Leonine Studios

    Das kommt in der Folge auch wirklich so rüber. Wie sind Sie bei der Vorbereitung vorgegangen?

    Torsten Sträter: Ich bin ein großer Freund des geschriebenen Wortes und davon, alle Gags wirklich auszuschreiben. Dabei stellt man gut fest, was passt und was nicht. Mir persönlich sind eine Menge naheliegender Modelgags eingefallen, die wir am Ende alle nicht genommen haben. Lorena hat ihren Teil dazu beigetragen und da waren eine Menge schöner Sachen dabei. Sie hatte beim Vorbereiten ihres Auftritts auch die gleiche Herangehensweise wie ich: So lange den Text pauken, bis man ihn so richtig verinnerlicht hat. Sie hat das wirklich toll gemacht.

    Wenn man die Entwicklung von den noch halbgaren Gags in den Einspielfilmen bis zu ihrem finalen Stand-up-Auftritt sieht, ist das wirklich beeindruckend. Man erkennt in den Gags die Sträter-Handschrift, aber die große Kunst besteht dann ja darin, sie auch entsprechend zu präsentieren. Und in der Hinsicht hat mich Lorena mehr als überrascht, weil ich das wirklich nicht kommen sah.

    Torsten Sträter: Absolut! Das haben Sie genau richtig erkannt! Wir können das Interview eigentlich jetzt beenden, denn besser kann es gar nicht mehr werden [lacht]!

    Torsten Sträter auf der Premiere von „One Mic Stand“ Amazon.com, Inc. or its Affiliates/​Oliver Walterscheid

    Das wäre schade, denn ich würde gerne noch über Ihre Karriere sprechen, die ja sehr außergewöhnlich verlief. Sie sind gelernter Herrenschneider und haben viele Jahre in einem ganz anderen Beruf gearbeitet, bis Sie irgendwann Kabarettist wurden. War die Bühne schon früh ein heimlicher Traum von Ihnen?

    Torsten Sträter: Nein, ich bin da komplett reingerutscht. Ich wusste auch nicht, dass ich es kann. Ich habe angefangen zu schreiben, weil ich irgendwann in der Spedition meiner Familie saß, wo der Rechner und das Internet so langsam waren, dass mir nur Word blieb. Ich habe geschrieben, geschrieben, geschrieben und mir gedacht: Wäre schön, wenn’s auf Papier steht. Und so habe ich Bücher erst im kleinen Verlag und danach im Publikumsverlag veröffentlicht. Dann kamen erste Lesungen und über zehn Jahre ist das organisch gewachsen: Von der Geschichte auf Papier, über die vorgelesene Geschichte in der Bücherei hin zu mehreren vorgelesenen Geschichten mit Verknüpfungsmaterial in freier Rede bis hin zu Auftritten in größeren Hallen mit viel Stand-up und ab und zu einem Text dazwischen. Mir war vorher auch gar nicht klar, dass Leute denken, dass ich eine schöne Stimme habe – und ich zweifle das auch heute noch an.

    Sie sind inzwischen so etabliert und in fast allen bekannten Comedyformaten Deutschlands zu sehen, dass man meinen könnte, dass Sie schon viel länger als zehn Jahre zur Humorlandschaft gehören.

    Torsten Sträter: Mir kommt das auch viel länger vor, aber es sind knapp zehn, elf Jahre – also die messbar sind und in denen Sie mich sehen konnten. Vorher ist alles in absoluter Unsichtbarkeit auf kleinen Poetry-Slam-Bühnen verlaufen. So genau messe ich das aber nicht nach, sonst komme ich noch in die Verlegenheit, ein Jubiläumsprogramm zu schreiben.

    Torsten Sträter auf der „One Mic Stand“-Bühne Daniel Dornhöfer/​Amazon Prime Video/​Leonine Studios

    War es vielleicht sogar ganz gut, dass Sie nicht wie viele andere bereits als Jungspund Ihren Durchbruch hatten? Denn viele junge Künstler werden dann verheizt und haben gar nicht mehr die Möglichkeit, sich langsam zu entwickeln und Schritt für Schritt an sich zu arbeiten.

    Torsten Sträter: Um verheizt zu werden, muss man sich auch verheizen lassen – mit irgendwelchen dubiosen Verträgen und mafiösen Strukturen in großen Agenturen. Wenn Sie sich zum Beispiel Felix Lobrecht angucken: Der ist sehr schnell sehr groß geworden und lässt sich eben nicht verheizen, weil er genau weiß, was er will. Auf mich persönlich bezogen: Es wäre kokett zu sagen, dass ich nicht gerne auch schon vor 20 Jahren aufgetreten wäre. Aber zu dem Zeitpunkt war ich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Zu depressiv, zu dumm und ich hätte es mir nicht zugetraut. Mir hat auch die Vorstellungskraft gefehlt, dass ich so etwas beruflich machen kann. Ich habe immer nur andere Menschen angebetet, allen voran Harald Schmidt. Wenn „Die Harald Schmidt Show“ irgendwann noch mal in HD oder 4K rauskommt, ich würde jede einzelne Folge kaufen!

    Da würde ich mich auch an den Kosten beteiligen! Und nun sind Sie selbst mit Harald Schmidt bei „One Mic Stand“ in einem gemeinsamen Format. Ich finde es wirklich lobenswert, dass Amazon jetzt eine Sendung produziert hat, die Stand-up-Comedy in den Mittelpunkt stellt, gerade weil die deutsche Comedy immer noch einen nicht allzu guten Ruf hat. Was glauben Sie, weshalb das so ist?

    Torsten Sträter: Die deutsche Comedy hat einen nicht allzu guten Ruf bei einer gewissen Klientel. Heinz Strunk hat vor kurzem ja auch gemeint, dass es keine guten deutschen Comedians gäbe, weil sie keine Haltung und kein Timing besäßen. Ich sehe das nicht so, halte Heinz Strunk dennoch für eines der größten literarischen Genies, der solche provokanten Aussagen gar nicht nötig hätte, weil er damit Unrecht hat. Das ist aber egal, einfach weil er Heinz Strunk ist und man ihm das durchgehen lassen kann. Denn ich sage mal so: Die Hallen sind voll. Klar kann man immer sagen, dass Mario Barth einem zu schlicht ist. Aber dann geh halt nicht zu Mario Barth. Ich habe großen Respekt vor ihm. Er hat durchaus sehr gutes Material.

    Auf der nächsten Seite spricht Torsten Sträter unter anderem darüber, ob er Shitstorms gegen Dieter Nuhr gerechtfertigt findet und weshalb Depression bei vielen Menschen immer noch ein mit Scham behaftetes Thema ist.

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