„Die Biene Maja“ feiert ihr 50-jähriges Jubiläum im deutschen Fernsehen. Die vertrauten Szenen des legendären Intros (links) im direkten Bildvergleich mit der modernen 3D-Variante (rechts).
Bild: ZDF/ORF/Apollo-Film/Studio 100/Collage by FG
Die TV-Ausstrahlung der ersten 52 Episoden entwickelte sich zu einem dermaßen erfolgreichen Zuschauermagneten, dass die Biene Maja auch für die Kinofilmbranche attraktiv wurde. Die Option, für diesen Zweck neues Material zu produzieren, fiel bedauerlicherweise der Wirtschaftlichkeit zum Opfer. Zudem sollte der Film, der Mitte Dezember 1977 seine Kinopremiere feierte, möglichst schnell entwickelt werden. Für ein stimmiges Kinoabenteuer wählte man daher vier Episoden, nämlich „1. Maja wird geboren“, „2. Maja lernt fliegen“, „30. Die Fahrt in der Limonadenflasche“ und „8. Willi bei den Ameisen“. Diese wurden jeweils leicht gekürzt und zum Teil durch zusätzliche kurze neu produzierte Dialoge zwischen Maja und Willi logisch miteinander verknüpft, wobei das Ergebnis für echte Kenner der Serie wenig überzeugend wirkt.
Viele wichtige Charaktere der Serie wie zum Beispiel die Spinne Thekla, die Stubenfliege Puck und der Regenwurm Max kommen bedingt durch die eher fragwürdige Episodenauswahl gar nicht im Film vor. Für die damalige Kindergeneration, die damals noch keine Videorekorder kannte – von Mediatheken, DVDs oder YouTube ganz zu schweigen – dürfte der Film „Die Biene Maja – Ihre schönsten Abenteuer“ trotzdem ein echtes Highlight gewesen sein. Wer die ersten Folgen der Fernsehausstrahlung verpasst hatte oder Maja einfach einmal auf einer großen Leinwand und zusammen mit anderen Kindern im abgedunkelten Saal erleben wollte, dürfte hier voll auf seine Kosten gekommen sein.
Eine zweite Staffel mit einem neuen Konzept
Auch nach Ablauf des Jahres 1977 hielt der „Biene Maja“-Hype weiter an. Das ZDF wurde mit einer Flut von um die 40.000 Zuschauerbriefen überschwemmt, die den Wunsch nach einer Wiederholung und einer Fortsetzung der Serie zum Ausdruck brachten. So wiederholte das ZDF die ersten 26 Folgen ab Oktober 1978 und beauftragte eine zweite Staffel mit weiteren 52 Folgen. Nachdem die erste Staffel die 1912 veröffentlichte Buchvorlage von Waldemar Bonsels sowie Auszüge aus seinem Werk „Himmelsvolk“ (1915) bereits abgedeckt hatte, gab es für Staffel 2 allerdings keine literarische Vorlage mehr. Für die 52 neuen Folgen mussten daher ganz neue Geschichten erfunden werden. Dabei führte das Produktionsteam auch einen neuen Hauptcharakter ein: die hochgebildete, aber manchmal auch etwas zur Selbstdarstellung neigende Zwergmaus Alexander der Große, der tatsächlich nicht größer als die Biene Maja selbst ist.
Die etablierten Publikumslieblinge Willi und Flip sowie etliche weitere Charaktere wie Thekla, Puck, Max und der Ameisenoberst blieben den Zuschauern selbstverständlich erhalten, auch wenn ihre Rollen nun teilweise andere Funktionen bekamen. Während beispielsweise Flip in der ersten Staffel mit klugen Vorträgen punktet, übernimmt diesen Part nun eher die Maus Alexander. Besonders fällt auf, dass die Spinne Thekla im Gegensatz zur ersten Staffel pädagogisch entschärft wurde und infolgedessen nicht mehr als die große tödliche Gefahr für die anderen Insekten dargestellt wird. Ihre Boshaftigkeit definiert sich nun eher über Egoismus oder heimtückische Pläne wie beispielsweise ihre Bemühungen, die Sopranistin Clothilde als Konkurrentin für ihr Violinsolo beim Freilichtkonzert auszuschalten. Wie an diesem Beispiel deutlich wird, geht es in erzählerischer Hinsicht in der zweiten Staffel deutlich stärker um das soziale Miteinander auf der Wiese als in den früheren Folgen, weshalb auch eine Figur wie die Spinne Thekla nun als Teil der Gemeinschaft angesehen wird.
Mit dieser zweiten Staffel wurde auch eine neue Fassung des Titellieds eingeführt, für das James Last eine schnellere Uptempo-Variante arrangierte, die von einem Frauenchor gesungen wurde. Mit dem Jahrtausendwechsel ersetzte man diese Version für TV-Wiederholungen und DVD-Veröffentlichungen jedoch wieder durch das gewohnte Original von Karel Gott.
Ein Blick hinter die Kulissen der zweiten Staffel
Produziert wurde die zweite Staffel rechtlich weiterhin unter der Flagge der aus dem Vorläufer Zuiyo Enterprise hervorgegangenen Nippon Animation K.K Die tatsächliche Animationsarbeit wurde jedoch aus zeitlichen und ökonomischen Gründen an Wako Productions übergeben. Zwischen dem Produktionsauftrag durch ZDF und ORF und der Ausstrahlung der zweiten Staffel im Jahr 1979 vergingen nur knapp zwei Jahre. In dieser Zeit leistete das Team von Wako Productions präzise Akkordarbeit. 50 Zeichnerinnen und Zeichner erstellten pro Folge zehntausende Einzelbilder. Für den gesamten Entstehungsprozess, der von strengen Qualitätskontrollen begleitet war, trugen diese spezielle Handschuhe zum Schutz der Vorlagen.
Der Prozess begann mit der sekundengenauen Taktung des Drehbuchs, um Mundbewegungen und Atempausen exakt abzustimmen. Zeitsparend wirkte das Arbeiten auf transparenten Folien: Da sich nur die Figuren vor einem starren Hintergrund bewegten, mussten lediglich minimale Veränderungen gezeichnet werden. Konstante Spezialfarben verhinderten ein späteres Flimmern. Um der europäischen PAL-Fernsehnorm von 25 Bildern pro Sekunde gerecht zu werden, fotografierte eine unbewegliche Spezialkamera die Vorlagen oft doppelt ab. Real entstanden so rund zwölf unterschiedliche Zeichnungen pro Sekunde – genug für eine flüssige Bewegungsillusion. Nach strengen Kontrollen wurden die Szenen zusammengefügt, ehe das Team den Film in der japanischen Originalfassung final abnahm.
Screenshots aus „Alles über Biene Maja“ (ORF, 1979) mit Impressionen von der Produktion der zweiten Staffel. Oben: Im Trickfilmstudio von Wako Productions. Unten: In München bei den Synchronisationsarbeiten – Eberhard Storeck am Schneidetisch sowie im Interview – Scarlet Lubowski vor dem Mikrofon ORF
Die deutsche Synchronisation erforderte eine komplette inhaltliche Neufassung, da das japanische Originaldrehbuch nicht direkt übertragbar war. Dialogregisseur Eberhard Storeck passte die Texte an und kontrollierte dafür am Schneidetisch jede Mundbewegung wortgenau, wie aus der ORF-Dokumentation „Alles über Biene Maja“ (1979) hervorgeht. Laut Storeck verlangt eine Zeichentrickfigur stets nach erzählerischer Übertreibung. Da die japanische Vorlage ein bisschen sehr süßlich angelegt war, steuerte er bewusst dagegen: Wir mussten da ab und zu sogar gegen das Original besetzen. So sei die Wahl auch bei der zweiten Staffel auf Scarlet Lubowski gefallen, die Maja mit ihrer inzwischen etwas dunkleren Stimme eine weniger niedliche Note verlieh. Storeck selbst übernahm erneut die Sprechrolle von Majas faulem Freund Willi.
Im Laufe der Produktion veränderte sich jedoch die Sichtweise von Scarlet Lubowski, die mit 11 Jahren begonnen hatte, die Biene Maja zu synchronisieren. Im Alter von 14 Jahren distanzierte sie sich im ORF-Interview von ihrer Rolle. Auf die Frage, ob Maja ihr Idealbild sei, antwortete sie entschieden: Nö, glaub’ ich nicht. Ich möchte nicht dauernd allen Leuten helfen. Obwohl ihr Storecks Texte gefallen würden, passe die Figur nicht mehr zu ihrer eigenen Lebenswelt: Mir gefällt halt die Maja nicht mehr. Ich glaube, ich bin schon aus dem Alter rausgekommen. Im Erwachsenenalter änderte sich ihr Blickwinkel jedoch wieder: Als Gast in der RTL-Sendung „Die 70er Show“ im Jahr 2003 blickte Lubowski voller Nostalgie zurück und erzählte begeistert, wie sehr sie die Maja damals eigentlich doch gemocht hatte und wie viel Spaß ihr seinerzeit die Arbeit im Synchronstudio machte.
Merchandising: Comics, Bücher, Hörspiele, Sammelfiguren und noch mehr …
Bei der enormen Popularität, welche die Serie erzielte, ist es kein Wunder, dass begleitend zu den TV-Ausstrahlungen zahlreiche Merchandising-Produkte im Handel angeboten wurden. Schließlich sollten den „Biene Maja“-Fans ihre Lieblinge auch dann immer präsent sein, wenn ihre Heldin gerade mal keine TV-Auftritte hatte. So brachte der Bastei Verlag von 1976 bis 1981 eine wöchentliche Comic-Heftreihe mit völlig neuen Geschichten heraus, die 163 Ausgaben erreichte und die bei späteren TV-Wiederholungen zum Teil neu aufgelegt wurden. Ebenso waren Bilderbücher oder kindgerechte Nacherzählungen der Vorlage von Waldemar Bonsels mit Bildern aus der Serie Teil der Produktpalette.
Legendär und bis heute im Handel verfügbar sind die Hörspielfassungen zur Serie, bei denen die deutschen TV-Tonspuren gekürzt und teilweise neu abgemischt wurden, sodass pro LP bzw. MC vier Geschichten untergebracht werden konnten. Insgesamt erschienen 17 Hörspielalben (zunächst beim Label ‚Poly‘ und später als Neuauflagen bei ‚Karussell‘ und mittlerweile bis Folge 15 bei ‚Europa‘), wobei die Hörspiel-Folgen 14–17 jeweils vier Episoden der zweiten Staffel enthalten und ursprünglich unter dem Titel „Die Biene Maja und die Maus Alexander“ veröffentlicht wurden.
Einblick in meine „Biene Maja“-Sammlung Florian Gessner/privat
Der beispiellose Merchandising-Boom brachte auch Plüschtiere, Gesellschaftsspiele, die Sammelfiguren aus den Überraschungseiern sowie Haushalts- und Schulbedarfsartikel mit „Biene Maja“-Motiven hervor, darunter Handtücher, Geschirr, Kindergartentaschen, Trinkpäckchen mit süßem Fruchtsaft usw.
Auch noch in den 1980er, 1990er und frühen 2000er Jahren war die Zeichentrick-Maja bei Kindern ein Dauerbrenner, sodass die Serie von ZDF, ORF, 3sat und schließlich bei KiKA noch etliche Male wiederholt wurde. Es ist daher keine Frage, dass bereits das 25-jährige TV-Jubiläum im Jahr 2001 gebührend vom ZDF gefeiert wurde – mit einer großen „Biene-Maja-Show“, zu der Aleksandra Bechtel und Gregor Steinbrenner selbstverständlich auch Karel Gott und Eberhard Storeck, die Stimme von Willi, einluden.