„München Beats“: Zu wenig im Flow – Review

ZDF-Vierteiler über Technoszene, Emanzipation einer Bauerntochter und Münchner Stadtplanung verschenkt Potenzial

Christopher Diekhaus
Rezension von Christopher Diekhaus – 07.08.2026, 11:16 Uhr

Linda (Jule Hermann) lernt die verführerische Kraft der Technomusik kennen – Bild: ZDF/Marc Reimann
Linda (Jule Hermann) lernt die verführerische Kraft der Technomusik kennen

Bayerische Volkstümlichkeit mit Technoklängen kombinieren, parallel von der Selbstfindung einer jungen Frau erzählen und dabei ein Kapitel aus der Geschichte der Münchner Stadtplanung nachzeichnen – auf den ersten Blick scheinen die Grundpfeiler der ZDF-Miniserie „München Beats“ nur schwer vereinbar. Andererseits: Macht nicht gerade die disparate Zusammensetzung neugierig? Steckt in ihr nicht vielleicht unerwartetes Potenzial? Nach der Vorführung der ersten beiden Folgen bei der Weltpremiere auf dem diesjährigen Filmfest München durfte man auf ein spannendes, für deutsche TV-Verhältnisse eher ungewöhnliches Gesamtpaket hoffen, dessen Macher und Darsteller auf der Bühne ihren Spaß an dem Projekt glaubhaft bekundeten. Umso bedauerlicher, dass die Episoden 3 und 4 den positiven Eindruck verwässern. In den Keller rauscht das Interesse zwar nicht. Einiges von dem, was der Vierteiler verspricht, kann er jedoch nicht einlösen.

Inspiriert ist die von Christian Schnalke, Stefani Straka und Julie Fellmann in Drehbuchform gegossene, mit fiktiven Charakteren bevölkerte Handlung von wahren Ereignissen rund um die Entstehung des ehemaligen Veranstaltungszentrums Kunstpark Ost im Münchener Stadtteil Berg am Laim. Nachdem der Lebensmittelhersteller Pfanni Mitte der 1990er-Jahre seine Produktion aus der bayerischen Landeshauptstadt nach Ostdeutschland verlagert hatte, entwickelte sich auf dem einstigen Fabrikgelände ein gewaltiges Partyareal mit zahlreichen Diskotheken und Kultureinrichtungen. Eine Heimat fand hier auch die zu dieser Zeit aufblühende Technoszene.

Linda (Jule Hermann) liebt Musik und sehnt sich nach Freiheit. ZDF/​Holly Fink

In diese taucht in der Serie die anfangs 19-jährige Linda Bierwirth (Jule Hermann) ein, die dem provinziellen Mief der vor den Toren Münchens liegenden Kleinstadt Ismaning und dem elterlichen Bauernhof entfliehen will. Von klein auf musikbegeistert und besonders am Akkordeon erprobt, findet sie Gefallen an den elektronischen Klängen, an dem Gefühl, sich rettungslos mitreißen zu lassen.

Erhalte News zu München Beats direkt auf dein Handy. Kostenlos per App-Benachrichtigung. Kostenlos mit der fernsehserien.de App.
Alle Neuigkeiten zu München Beats und weiteren Serien deiner Liste findest du in deinem persönlichen Feed.

Zur selben Zeit kämpft ihr Patenonkel, der Pfanni-Chef Theo Meinhardt (Tobias Moretti), um das, was seine Familie mit harter Arbeit aufgebaut hat. Wohl oder übel muss sich der sture, aber gewissenhafte Unternehmer mit dem Gedanken anfreunden, sein Münchener Werk zu schließen. Was dramatische Konsequenzen für Lindas Eltern Veronika (Marlene Morreis) und Georg (Frederic Linkemann) hat, die als Vertragsbauern von dem Konzern abhängig sind. Wenig verwunderlich ist der Unmut groß, als Theo die Abwicklung des Betriebs verkündet.

Sein Sohn Marius (Klaus Steinbacher), der in den USA mit einer Idee nach dem Amazon-Prinzip krachend gescheitert ist, kehrt ausgerechnet jetzt in die Isarmetropole zurück. Statt Theo, der auf dem Firmengelände ein modernes Stadtviertel errichten will, bei dessen Plänen zu unterstützen, verbringt der junge Mann immer mehr Zeit mit Linda. Die beiden kennen sich von früher, und schon damals scheint es zwischen ihnen, zumindest ein bisschen, geknistert zu haben. In der Gegenwart ist die Zuneigung – natürlich – nicht verflogen. Interessanter als die Liebesgeschichte, die am Ende der zweiten Folge durch ein enthülltes Geheimnis torpediert wird und so einen soapigen Dreh bekommt, sind andere Dinge: Lindas und Marius’ Annäherung an die Technobewegung und ihre Überlegungen, was man mit dem riesigen Pfanni-Grundstück anstellen könnte.

Unternehmer Theo Meinhardt (Tobias Moretti) steht gewaltig unter Druck. ZDF/​Holly Fink

Dass der Ausbruch der Protagonistin aus ihrem Elternhaus, aus der provinziellen Enge, aus traditionellen Rollenmodellen zunächst fesselt, liegt vor allem an der Hauptdarstellerin. Ihre Figur stattet Jule Hermann mit erfrischender Unbekümmertheit, ansteckender Neugier und einer rundum sympathischen Bodenständigkeit aus. Fast unmöglich, da nicht anzudocken und der jungen Frau auf ihrem Weg die Daumen zu drücken. Der Wunsch, DJane zu werden, kommt zwar etwas plötzlich auf. Doch Spontaneität gehört definitiv zu Lindas Eigenschaften.

Nichtsdestotrotz muss man nach der Sichtung aller Folgen konstatieren, dass die Serie Lindas wachsende Liebe für die Technomusik noch konkreter hätte erfahrbar machen können. Ja, die kreativ Verantwortlichen um Regisseurin Mimi Kezele lassen Raum für treibend-pulsierende Momente, Augenblicke der glückseligen Ekstase. Dafür dass der Vierteiler den Titel „München Beats“ trägt, stehen die wummernden Klänge, das Gefühl der völligen Losgelöstheit, besonders in den letzten beiden Kapiteln, dennoch zu selten im Mittelpunkt. Hier wäre sicherlich noch mehr möglich gewesen.

Übertragen kann man diese Erkenntnis auch darauf, wie die Serie die Münchner Partyszene bzw. die Bemühungen des Eventorganisators Harald Prell (Tim Seyfi) beschreibt. In Nebensätzen heißt es zwei oder drei Mal, dass es in der bayerischen Landeshauptstadt an Orten für junge Menschen fehle. Prells Projekt auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens München-Riem wird kurz umrissen. Eine richtige Vorstellung von den Verhältnissen Mitte der 1990er-Jahre bekommen wir allerdings nicht. Was schon deshalb schade ist, weil die Regisseurin als Lokalmatadorin selbst regelmäßig im Kunstpark Ost verkehrte.

Marius (Klaus Steinbacher) und Linda (Jule Hermann) verbindet mehr. ZDF/​Marc Reimann

Generell fällt auf, dass es nach der zweiten Episode an Tiefgang mangelt, dass Lindas Entwicklung mitunter zu sehr hinter manchem Nebenstrang zurücktritt. Die Auseinandersetzung ihres Bruders Andi (Ben Münchow) mit seiner unterdrückten Homosexualität soll ein starkes Zeichen für Diversität setzen, bleibt aber klassischen dramaturgischen Mustern verhaftet. Mäßig ergiebig sind zudem die Probleme in der Ehe von Theo und Alicia Meinhardt (Sophie von Kessel). Nicht zuletzt, weil die Gattin des Unternehmers arg eindimensional gezeichnet ist.

Kranken einige heutige Serien daran, dass sie ihre Geschichten zu sehr auswalzen, gilt für „München Beats“ eher das Gegenteil. Vor allem die Abschlussfolge scheint unter dem Motto „Hopplahopp“ zu stehen. Wie genau Marius zum Beispiel zu seinen ambitionierten Eventideen kommt, weiß bloß er selbst. Zeitsprünge häufen sich. Und viele Dinge fügen sich ohne nennenswerte Hindernisse. Zwei zusätzliche Episoden hätten der Erzählung und den Charakterbögen wahrscheinlich ganz gutgetan. Immerhin federn die fast durchweg überzeugenden Schauspieler (darunter Michael A. Grimm und Simon Pearce als lebenskluge, witzig-warmherzige Wirte einer queeren Kneipe) die Enttäuschung darüber ab, dass „München Beats“ längst nicht alles aus dem vielversprechenden Grundkonzept herausholt.

Meine Wertung: 3/​5

Alle vier Episoden der Miniserie „München Beats“ stehen ab dem heutigen Freitag (7. August) im Streamingportal des ZDF zum Abruf bereit. Die lineare Ausstrahlung erfolgt im ZDF am Mittwoch, den 26. und Donnerstag, den 27. August jeweils ab 20:15 Uhr im Doppelpack.

Über den Autor

Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.

Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

Kommentare zu dieser Newsmeldung

    weitere Meldungen

    Hol dir jetzt die fernsehserien.de App