Spar- und Umbaumaßnahmen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk waren in den vergangenen Monaten – siehe die MDR-Ankündigung, seine „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Produktionen für drei Jahre auszusetzen (fernsehserien.de berichtete) – häufiger Thema. Auch der WDR kündigte am vergangenen Freitag, dem 25. September, tiefgreifende Veränderungen an, um sich für eine zunehmend digitale Zukunft fit zu machen.
Geplant sind laut der Pressemeldung weitreichende Maßnahmen, mit denen der Sender noch mehr Menschen erreichen will, vor allem abseits der linearen Ausspielwege. Die Angebote sollen fokussiert und Ressourcen stärker ins Digitale verlagert werden. Parallel plant die Geschäftsleitung des WDR, Strukturen in Programm, Produktion, Technik und Verwaltung neu auszurichten und Personalkosten zu reduzieren, etwa, indem unter anderem jede dritte durch Verrentung freiwerdende Stelle bis 2030 nicht mehr mit einer frischen Kraft besetzt wird.
Das Spannungsfeld beschreibt WDR-Intendantin Dr. Katrin Vernau so: „Die Mediennutzung verändert sich rasant, unsere Finanzierung ist ungewiss, unsere Kosten steigen. Gleichzeitig benötigen wir mehr Mittel für digitale Angebote – während derzeit noch gut drei Viertel unserer Ressourcen im klassischen linearen Programm gebunden sind. Deshalb müssen wir jetzt handeln und Tempo machen. Unser Ziel: Wir wollen die digitale Heimat aller Menschen im Westen sein.“
WDR-Intendatin Dr. Katrin Vernau sieht dringenden Handlungsbedarf.WDR/Annika Graeff
Angesichts aktueller Prognosen, wonach die Nutzung nonlinearer Videoinhalte schon bald erstmals höher sein werde als die lineare Nutzung, ist der Handlungsbedarf enorm. Bereits im Frühjahr 2026 hatte der WDR entschieden, sein Programmportfolio von heute etwa 600 auf 300 Angebote im Jahr 2030 zu verkleinern, wobei bis zu 100 Angebote neu entwickelt werden sollen. Der Fokus liegt dabei klar auf der digitalen Nutzung. Formate wie „Deutschland, ich küss dein Herz“ mit Tahsim Durgun, „Draußenpolitik“ mit Louis Klamroth oder die Doku-Soap „Motsi & Oti. Meet the Mabuses“ verfolgen in besonderem Maße das Ziel, Menschen anzusprechen, die den WDR momentan noch wenig nutzen. Mit digitalen Produktionen wie einem Geschichtspodcast und digitalen Auslandsangeboten möchte der WDR ferner dem Bedürfnis nach vertiefenden Informationen Rechnung tragen. Seine regionale Berichterstattung erweitert der Sender auf allen relevanten digitalen Kanälen. Lokale Inhalte werden prioritär für Web, App und Social Media konzipiert, produziert und veröffentlicht. Unter anderem baut der WDR das Angebot im Regionalsport auf wdr.de und in der WDR App aus.
Die Kehrseite der Medaille: In einem ersten Schritt beginnt ab jetzt die Einstellung von 76 Angeboten linearer und digitaler Natur, die ihre Zielgruppen nicht gut genug erreichen oder die nicht zu den strategischen Schwerpunkten des WDR gehören. Zu den wegfallenden Formaten zählen „Frau tv“ im WDR Fernsehen, die WDR-4-Radiosendung „Satire am Sonntag“ sowie verschiedene Begleitangebote im Web. Einige Programme, darunter „Erlebnis Erde“, werden komplett ins Digitale verlagert, sind also nicht mehr im TV zu sehen. Auch digitale Angebote wie „studioM“, „Lisas Paarschitt“ und „Doc Esser“ (Podcast/Website und Facebook) werden beendet. Welche Angebote in einem nächsten Schritt dem Rotstift zum Opfer fallen, wird im Frühjahr 2027 entschieden.
Was ebenfalls in der Pressemeldung des Senders hervorgehoben wird: Prozesse in Produktion, Technik und Verwaltung sollen innerhalb der ARD in Zukunft stärker standardisiert, gebündelt und zentralisiert werden. Bis 2030 will der WDR rund 20 Prozent der Stellen aus klassischen Produktionsbereichen in technologieorientierte Aufgabenfelder verlagern. Bis Ende 2028 reduziert der Sender überdies seine genutzten Büro- und Produktionsflächen um rund 100.000 Quadratmeter gegenüber 2017 und senkt damit Fixkosten für die Infrastruktur.