ARD Story Folge 104: Im Ernstfall verletzlich: Wie krisenfest sind unsere Krankenhäuser?
Folge 104
Im Ernstfall verletzlich: Wie krisenfest sind unsere Krankenhäuser?
Folge 104 (45 Min.)
Krankenhäuser müssen heute auf Krisen vorbereitet sein, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schienen. Flut und Hitze, Hackerangriffe, Terror, Sabotage und Krieg sind längst keine abstrakten Szenarien mehr. Wie gut ist das deutsche Gesundheitssystem auf diese neue Realität vorbereitet? Und was ist uns eine verlässliche medizinische Versorgung in einer zunehmend unsicheren Welt wert? Unsere Krankenhäuser müssen heute auf Krisen vorbereitet sein, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schienen. Die Covid-19-Pandemie wurde zum Härtetest: Sie zeigte, was unsere Kliniken leisten können, aber auch, wie sie an ihre Belastungsgrenzen geraten.
Flut und Hitze, Hackerangriffe, Terror, Sabotage und Krieg sind längst keine abstrakten Szenarien mehr. Für den möglichen NATO-Bündnisfall wird mit täglich rund 1.000 zusätzlichen Patientinnen und Patienten gerechnet, die versorgt werden müssten. Sind die Kliniken auf diese neue Realität vorbereitet? Diese Sicherheitslage trifft auf ein ohnehin belastetes System im Umbruch: Krankenhausreform und wirtschaftlicher Druck, Investitionsstau, Personalmangel und der demografische Wandel erschweren es den Kliniken, ihren Versorgungsauftrag zu erfüllen.
Und was im Normalbetrieb als effizient gilt, kann in der Krise zum Sicherheitsrisiko werden: Wo Reserven fehlen, wird es schwieriger, außergewöhnliche Belastungen abzufangen. Krankenhäuser müssen auch dann funktionieren, wenn zentrale Versorgungsstrukturen ausfallen. Das ist besonders herausfordernd, weil alles zusammenhängt: Strom, Wasser, IT, Logistik, Kommunikation und medizinische Versorgung greifen ineinander.
Fällt ein Bereich aus, kann das den gesamten Betrieb gefährden. Das St.-Antonius-Hospital in Eschweiler hat vor fünf Jahren erlebt, wie schnell ein Krankenhaus selbst zum Krisenort werden kann. Als das Hochwasser kam, fiel nach und nach die Infrastruktur aus. Schließlich trat der äußerste Krisenfall ein: die Evakuierung von rund 300 Patientinnen und Patienten. Unter höchstem Druck mussten die Verantwortlichen improvisieren und auf eine Lage reagieren, die sich immer wieder veränderte. Bis heute lässt sie die Flutnacht nicht
los.
Gerade angesichts zunehmender Extremwetter-Ereignisse wird deutlich, wie wichtig es ist, die eigenen Risiken zu kennen und Vorsorge zu treffen. Das Universitätsklinikum Frankfurt am Main traf es im Oktober 2023: Nach einem Hackerangriff war es gezwungen, sein internes Netzwerk vom Internet zu trennen. Was als Angriff auf die digitale Infrastruktur begann, wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer Krise für den gesamten Betrieb. Die medizinische Versorgung lief weiter, aber eine der größten Kliniken Deutschlands musste plötzlich ohne digitale Vernetzung funktionieren.
Der Vorfall hat gezeigt, wie abhängig ein modernes Krankenhaus von funktionierender Informationstechnik ist. In einer Zeit, in der Krankenhäuser zunehmend Ziel von Cyberkriminellen sind, ist IT-Sicherheit eine Voraussetzung für eine sichere Patientenversorgung. An der Berliner Charité richtet sich der Blick nach vorn: Das größte Universitätsklinikum Europas bereitet sich auf mögliche Krisenlagen vor, die über den klassischen Katastrophenschutz hinausgehen. In Übungen mit der Bundeswehr wird der Ernstfall trainiert, die eigene Infrastruktur auf ihre Krisenfestigkeit geprüft und das Personal für die veränderte Sicherheitslage sensibilisiert.
Dabei rücken auch Szenarien in den Fokus, auf die sich Krankenhäuser lange kaum vorbereiten mussten. Ein Blick nach Schweden zeigt, wie andere Länder diese Herausforderung angehen. Die Verantwortlichen in allen drei Häusern ringen mit grundlegenden Fragen: Wie viel Vorsorge braucht ein Krankenhaus, um auch in einer schweren Krise handlungsfähig zu bleiben? Und wo liegen die Grenzen dessen, was eine einzelne Klinik leisten kann? Wie krisenfest unsere Krankenhäuser sind, entscheidet sich nicht allein vor Ort.
Es braucht politische Entscheidungen, klare Strukturen und Zusammenarbeit – aber auch den Mut, Schwachstellen offen zu benennen und aus Krisen zu lernen. Nur wer die eigenen Verwundbarkeiten kennt, kann sich entsprechend vorbereiten. Damit stellt sich auch die gesellschaftliche Frage: Was ist uns eine verlässliche medizinische Versorgung in einer zunehmend unsicheren Welt wert? Diese „ARD Story“ ist eine Produktion von DOCDAYS Productions im Auftrag von rbb und HR. (Text: ARD)