„Wunderbare Jahre“: Launiges Reboot des gleichnamigen Serienhits mit politischen Untertönen – Review

    Afroamerikaner kommentiert rückblickend sein Leben in Mittelklassefamilie Ende der 1960er Jahre

    Rezension von Christopher Diekhaus – 21.12.2021, 19:53 Uhr

    „Wunderbare Jahre“ dreht sich um den 12-jährigen Dean Williams (Elisha Williams). – Bild: ABC
    „Wunderbare Jahre“ dreht sich um den 12-jährigen Dean Williams (Elisha Williams).

    Auf sechs Staffeln und insgesamt 115 Folgen brachte es die 1988 gestartete Sitcom „Wunderbare Jahre“, in der ein Erwachsener auf seine Jugendzeit in einer typischen US-Vorstadt zurückblickt. Spielte die preisgekrönte, für den Sender ABC entwickelte Produktion in einem vorwiegend weißen Umfeld, krempelt das hierzulande bei Disney+ ausgestrahlte Reboot die Prämisse um: Im Mittelpunkt steht nun ein 12-jähriger Junge, dessen älteres Ich seinen Alltag in einer schwarzen Familie beschreibt – ein Perspektivwechsel mit weitreichenden Konsequenzen. Bekommt die Serie, in der einige geschichtliche Ereignisse erwähnt werden, dadurch doch eine starke politische Färbung. Nach drei Folgen lässt sich festhalten, dass die Macher rund um Showrunner Saladin K. Patterson („Psych“) die Mischung aus Komik und Ernst halbwegs souverän ausbalancieren.

    Spätestens seit der 2013 entstandenen Bewegung „Black Lives Matter“ finden die in der Sklavenhalterwirtschaft begründete Diskriminierung und die Gewalt gegen Afroamerikaner vermehrt Beachtung in Film- und Fernsehprojekten. Im Frühjahr bzw. Sommer 2021 etwa erblickten beim Streaming-Anbieter Amazon Prime Video gleich zwei tief in den Wunden bohrende Neustarts das Licht der Welt. Während die zehnteilige Romanadaption „The Underground Railroad“ ein historisches, die geheimen Fluchtnetzwerke aus den Südstaaten thematisierendes Setting beleuchtet, nähert sich die im Jahr 1953 spielende Anthologie-Serie „Them“ den Erfahrungen einer in eine weiße Vorstadt kommenden schwarzen Familie mit den Mitteln des Horrorkinos. Die perfiden Mechanismen der Ausgrenzung treten dabei schmerzhaft zu Tage.

    „Wunderbare Jahre“, angesiedelt Ende der 1960er Jahre in Montgomery, Alabama, schlägt im Vergleich einen deutlich lockereren Tonfall an, rückt die Ungleichbehandlung und das Misstrauen zwischen Afroamerikanern und Weißen aber immer wieder ins Blickfeld. Auch wenn der von Don Cheadle gesprochene, seine Jugendzeit rekapitulierende erwachsene Dean Williams betont, dass man in jungen Jahren die Konflikte noch nicht wirklich begreifen könne, ist das Gären innerhalb der Gesellschaft stets präsent. Wir und Die sind trennende Kategorien, die auch in der Blütezeit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören. Dass sich die Gräben keineswegs so einfach überbrücken lassen, zeigt der Mord an Martin Luther King, dem Idol des gewaltfreien Aufbegehrens gegen soziale Ungerechtigkeit, am 4. April 1968, der gegen Ende der ersten Folge wie eine Bombe einschlägt.

    Dean (Elisha Williams) erlebt auf dem Weg zum Erwachsensein so manches Abenteuer. ABC

    Bis es dazu kommt, stellt die Sitcom-Neuauflage allerdings erst einmal ihren Protagonisten Dean (Elisha Williams), sein Leben und seine Familie vor. Seine Eltern, die Buchhalterin Lillian (Saycon Sengbloh) und der Musikprofessor Bill (Dulé Hill) haben sich eine solide Existenz aufgebaut und stellen hohe Ansprüche an ihre Kinder. Als Jüngster im Bunde habe es Dean gegenüber seinem in Vietnam kämpfenden Bruder Bruce (Spence Moore II) und seiner Schwester Kim (Laura Kariuki) schwerer, seinen Platz zu finden, bekräftigt er zum Auftakt. Obwohl Bill, anders als seine pragmatischer und liberaler denkende Ehefrau, so wenig wie möglich über den Tellerrand der schwarzen Community hinausschauen möchte, geht Dean auf eine vorwiegend von weißen Schülern besuchte Schule. Sein bester Kumpel Cory Long (Amari O’Neil) ist ebenfalls schwarz und findet – das offenbaren die letzten Momente der Einstiegsepisode – genauso wie er Gefallen an Klassenkameradin Keisa Clemmons (Milan Ray). Eine Erkenntnis, die ihre Freundschaft auf eine Belastungsprobe stellt.

    Die erste Liebe, die aufkeimende Sexualität, die Suche nach dem eigenen Weg, die Frage nach den richtigen Vorbildern und das Gefühl, als Afroamerikaner angefeindet zu werden – „Wunderbare Jahre“ greift viele unterschiedliche, für den Reifeprozess eines jungen Menschen wichtige Aspekte auf und findet häufig überzeugende Wege, Humor und Ernst zu verbinden. Als die Nachricht von Martin Luther Kings Tod die Runde macht, legt sich eine starke Betroffenheit über das Geschehen. Wie alle anderen Afroamerikaner versetzt der Mord Deans engste Angehörige in eine Art Schockstarre, und die Serie bekommt plötzlich eine ungeahnt bewegende Note.

    Deans Schwester Kim (Laura Kariuki), sein Vater Bill (Dulé Hill) und seine Mutter Lillian (Saycon Sengbloh) zeigen Geschlossenheit. ABC

    Gleichzeitig nutzen Serienschöpfer Patterson und sein Autorenteam das schreckliche Ereignis aber auch, um bitter-komische Akzente zu setzen. Während der Gedenkmesse kann sich der Protagonist nicht konzentrieren und grübelt lieber über seinen Schwarm Keisa und den Kuss zwischen ihr und Cory nach. Staunen muss der 12-Jährige außerdem, als eine Lehrerin eine Drei in einem Test kurzerhand in eine Eins umwandelt, weil sie dadurch seine Trauer abfedern und ihn wieder aufbauen möchte. Das Wissen um die Anteilnahme setzt Dean im Folgenden, wie sein erwachsenes Ich verschmitzt zugibt, zu seinen Gunsten ein. „Wunderbare Jahre“ liefert keine Gags am Fließband, hat aber regelmäßig kleine, gelungene Scherze und sarkastische Ideen zu bieten. Von einer ironischen Grundhaltung durchsetzt sind die manchmal etwas Überhand nehmenden Einwürfe des älteren Deans, der zum Beispiel auf die damals weniger sensible Sprache hinweist und des Öfteren, allerdings auf charmante Weise, seine kindliche Naivität kommentiert. Rückblickend – das dürfte jeder aus eigener Erfahrung wissen – kann man sich über manche Vorstellungen und Handlungen köstlich amüsieren.

    Der durch den Erzähler vorgegebene ungezwungene Stil greift mitunter auch in die Inszenierung über. Dann zum Beispiel, wenn der junge Dean sich nach einem wichtigen Vater-Sohn-Gespräch ausmalt, wie er buchstäblich die Eintrittskarte in den Club der Männer erhält. Bahnbrechend-originelle Einfälle sollte man – zumindest in den ersten drei Episoden – nicht erwarten. Einschübe wie der hier beschriebene lockern die ohnehin flott getaktete Serie jedoch weiter auf. Die neue Version von „Wunderbare Jahre“, an der übrigens Fred Savage, Darsteller des jungen Protagonisten im Original, als Regisseur und ausführender Produzent beteiligt war, könnte gelegentlich etwas mehr in die Tiefe gehen, holt den Zuschauer aber mit ihren sympathischen Figuren und ihrem Mix aus unterhaltsamen Alltagserlebnissen, emotionalen Einsichten und die Geschichte berührenden historischen Begebenheiten ab.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Folgen der Serie „Wunderbare Jahre“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die Serie „Wunderbare Jahre“ wird ab dem 22. Dezember 2021 auf Disney+ veröffentlicht.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Traurig, was man aus dieser Kultserie gemacht hat. 
      Muss man denn alles neuauflegen? Fällt denn denen in Hollywood nichts mehr ein außer Remake, Remake,Remake?
      • (geb. 1981) am

        @ Fernsehschauer vom 21.12.2021 23:40

        WOW das nenn ich mal negativ! die serie ist noch nicht draussen! also
        keine Chance, das Sie auch nur eine folge gesehen haben.Aber kritisieren
        können Sie, als würde sie schon ein halbes Jahr laufen...

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