„Wenn die Stille einkehrt“: Bewegendes Porträt von Überlebenden eines Terroranschlags – Review

    Dänische arte-Serie überzeugt mit gutem Buch und starkem Schauspielensemble

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 15.07.2021, 17:30 Uhr

    Die dänische Miniserie „Wenn die Stille einkehrt“ – Bild: Nordisk Film
    Die dänische Miniserie „Wenn die Stille einkehrt“

    Inzwischen hat man sich so sehr an Berichte über Terroranschläge gewöhnt, dass sie fast zum medial vermittelten Alltag in westlichen Ländern gehören. Tagelang sind die Zeitungen, Nachrichtensendungen und Online-Portale nach so einem schrecklichen Ereignis voll mit tränenziehenden Einzelheiten über die Opfer, die einfach nur das unfassbare Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Was man eher nie liest, ist aber, wie es den Überlebenden geht, denen, die ihr Leben nicht sinnlos verloren, noch nicht einmal schwer verletzt wurden. Und deren Leben trotzdem nie wieder so sein wird wie vor dem Anschlag. Genau von diesen Menschen erzählt die dänische Miniserie „Wenn die Stille einkehrt“.

    Sie beginnt mit schnell geschnittenen Bildern von dem Anschlag selbst, bei dem zwei maskierte Männer in einem neu eröffneten Restaurant mitten in Kopenhagen mit Maschinengewehren wild um sich schießen und zahlreiche Gäste und Mitarbeiter treffen. 19 Menschen werden dabei sterben. Doch zunächst springt die Handlung einige Tage zurück, um in jeder der ersten vier von insgesamt zehn Folgen einen der letzten Tage vor dem Terrorakt zu erzählen. Nach und nach lernen wir einige der Menschen kennen, die an dem verhängnisvollen Abend dabei sein oder auf andere Weise davon betroffen sein werden. Das ist zu Beginn etwas behäbig erzählt, so dass man fast den Eindruck hat, man würde eine dänische Version der „Lindenstraße“ sehen, so stark, wie hier Wert darauf gelegt wurde, „ganz normale“ Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zu porträtieren.

    Als Angehörige der Mittelschicht sind das der selbständige Installateur Morten (Jacob Lohmann) und seine Familie, dem der pubertierende Sohn und Schulabbrecher Albert (Elias Budde Christensen) Sorgen bereitet. Der treibt nämlich ziellos durch seinen Alltag, den er überwiegend mit Kiffen und Playstation verbringt. Die Probleme der alleinerziehenden Doktorandin und Kellnerin Louise (Filippa Suenson) sind eher finanzieller Natur, weiß sie doch nicht, wie sie die Arbeit in dem Restaurant, auf die sie angewiesen ist, mit der Betreuung ihrer überängstlichen neunjährigen Tochter Marie (Viola Martinsen) vereinbaren soll. Und dann will ihr neuer Chef, der aus Grönland stammende Nikolaj (Peter Christoffersen), sie auch noch feuern, nachdem der Koch dem bisherigen Besitzer den Laden abgeluchst hat.

    In finanzieller Not: die alleinerziehende Mutter und Kellnerin Louise (Filippa Suenson) mit ihrem Chef Nikolaj DR Sales

    Für das migrantische Milieu steht der junge Jamal (Arian Kashef), der von seinem älteren Bruder, einem Kleinkriminellen, unterdrückt und ausgenutzt wird. Er gerät selbst gegen seinen Willen auf die schiefe Bahn, als er sich für einen Botendienst einspannen lässt. Dann sind da noch die Sängerin Lisa (Malin Crépin), die gerade wegen einer neuen Liebe ihren langjährigen Freund und Bandmanager verlassen hat, die Obdachlose Ginger (Katinka Lærke Petersen) und – als Einzige, die aus der Menge der DurchschnittsbürgerInnen herausfällt – die Justizministerin Elisabeth (Karen-Lise Mynster), die für eine liberalere Asylpolitik kämpft. Weil ihr ihre politischen Ziele wichtiger scheinen als ihr Privatleben, verkracht sie sich mit ihrer Ehefrau Stina (Lotte Andersen), die von einem gemeinsamen Ruhestand träumt. Ganz schön viel Stoff also, wobei sich nach und nach einige der Wege der Figuren kreuzen oder sich Verbindungen zwischen den scheinbar voneinander unabhängigen Geschichten zeigen.

    Zwischen politischer Karriere und privaten Gefühlen: Justizministerin Elisabeth Hoffmann (Karen-Lise Mynster) DR Sales

    Nachdem die Figuren uns ZuschauerInnen vertrauter geworden sind, wir Verständnis für ihre kleinen und größeren Sorgen entwickelt haben, kommt es in Episode 5 zum großen Knall, der Kulmination in dem Anschlag – der ausführlich, aber ohne allzu großen Voyeurismus gezeigt wird. Die weiteren Folgen beschäftigen sich dann einerseits mit der Suche nach den Tätern, hauptsächlich aber mit den Auswirkungen, die das traumatische Erlebnis auf die Überlebenden, die Angehörigen und sogar die Politik hat. Und hier wird es tatsächlich erst richtig interessant, obwohl auch die ersten Folgen schon einen gewissen Sog erzeugen (nicht zuletzt durch die Frage nach dem Whodunnit oder besser formuliert nach dem „Wer wird den Anschlag verüben?“, da uns verschiedene potentielle Motive und Täter präsentiert werden). Ohne sich psychisch stark zu verändern, kommt niemand von denen, die am verhängnisvollen Abend in oder vor dem Restaurant gewesen sind, aus der Erfahrung heraus.

    So verliert Morten, der zwar nicht selbst unter den Gästen war, aber nach der Schießerei die verwundete Marie ins Krankenhaus gebracht hat, jede Einsicht in die Notwendigkeit von Regeln und Plänen. Stattdessen kündigt er seine Rentenversicherung, kifft mit seinem Sohn und reißt die Wände der Wohnung raus – wenn das Leben jederzeit vorbei sein könnte, wozu dann noch die eigenen Wünsche für später aufsparen? Dabei geht er jedoch so weit, dass er Frau und Kinder völlig vor den Kopf stößt. Auch Nikolaj, der vorher egoistische und gegenüber anderen Menschen empathielose Außenseiter, der als Inuit sein Leben lang vergeblich um Anerkennung in der dänischen Mehrheitsgesellschaft gebuhlt hat, verändert sich, zeigt plötzlich eine einfühlsamere Seite, vor allem gegenüber der verunsicherten Marie.

    Unter Schock: Wirt und Chefkoch Nikolaj (Peter Christoffersen) nach dem Anschlag auf sein Restaurant DR Sales

    Für Jamal, der schnell ins Visier der Ermittler gerät, beginnt nach dem Anschlag hingegen eine wahre Odyssee. Und dann ist da noch die politische Ebene, denn zu den Opfern gehört auch eine enge Angehörige der Justizministerin. Auf ihrem persönlichen Rachefeldzug verliert Elisabeth nicht nur ihre liberalen Ziele aus den Augen, sondern am Ende auch ihre moralischen Maßstäbe, ihre Vertrauten – alles, wofür sie ihr Leben lang einstand.

    Die Serienschöpferinnen Dorte Warnøe Høgh und Ida Maria Rydén erzählen das alles ganz unaufgeregt, ohne große dramaturgische Effekte, so wie es für dänische Serien oft typisch ist. Gerade dadurch erzielen sie jedoch eine starke emotionale Wirkung, wird doch klar, dass jede/​r irgendwann einmal in eine ähnliche Situation kommen könnte, die einen dazu bringen würde, sein ganzes Leben infrage zu stellen. Wie bei einer Ensembleserie nicht anders zu erwarten, sind manche der Geschichten eindringlicher als andere. Richtig belanglos ist aber schon wegen der durchweg hervorragenden SchauspielerInnen keine. Besonders hervorheben muss man neben der für ihre Rolle preisgekrönten Mynster auch Henning Jensen als Altenheimbewohner Holger, der durch die Begegnung mit der obdachlosen Ginger seinen Lebensmut wiederfindet, und die tolle Kinderdarstellerin Viola Martinsen. Fans dänischer Serien werden zudem NebendarstellerInnen wie Julie Agnete Vang oder Lotte Andersen aus Serien wie „Kommissarin Lund“ oder „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ wiedererkennen. Insgesamt ist dem dänischen Fernsehen hier wieder einmal eine ebenso unterhaltsame wie bewegende Serie gelungen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Wenn die Stille einkehrt“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Alle zehn Folgen von „Wenn die Stille einkehrt“ sind ab dem 15. Juli in der arte-Mediathek abrufbar. Im linearen Programm laufen jeweils fünf Folgen am 29. Juli und am 5. August ab 22:00 Uhr bzw. 21:50 Uhr.

    Trailer zu „Wenn die Stille einkehrt“ (dänischer Originalton)

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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