„Verbotene Liebe – Next Generation“: Der intrigante Wohlfühl-Faktor ist zurück – Review

    TVNOW-Fortsetzung der Kult-Soap macht Lust auf mehr

    Rezension von Ralf Döbele – 22.11.2020, 18:00 Uhr

    „Verbotene Liebe – Next Generation“ startet bei TVNOW

    Mit der Nostalgie ist es so eine Sache. Sie ist längst zur Ware geworden in einem zunehmend fragmentierten Fernsehzeitalter, in dem Anbieter versuchen, mit bekannten Marken doch noch ein Stück vom Aufmerksamkeits-Kuchen abzubekommen. Dass sich aber ausgerechnet „Verbotene Liebe“ jetzt bei TVNOW mit einer Fortsetzung zurückmeldet, darf durchaus überraschen.

    Selbst hartgesottene Langzeit-Fans wurden durch die letzten Jahre der einst so erfolgreichen Daily Soap in der ARD auf eine harte Probe gestellt. Immer weiter hatte sich das Format von seinem früheren Markenkern und seiner Identität entfernt, bis man im Januar 2015, nach einer missglückten Umwandlung in ein wöchentliches Format, dem unrühmlichen Ende entgegen schlitterte.

    Dies hielt das federführende Produktionsstudio UFA Serial Drama nicht davon ab, kurze Zeit später alle 4664 Folgen bei YouTube hochzuladen. Was bei mehreren Wiederholungsversuchen im ARD-Progamm gescheitert war, funktionierte online perfekt: Die Folgen kamen an, Fans freuten sich über die Möglichkeit, ganze Jahrgänge im Binge-Modus nachholen zu können. Wenig später gingen dann auch zahreiche Episoden bei TVNOW online und dort konnten sich die Abrufzahlen scheinbar derart sehen lassen, dass der Streaming-Anbieter der RTL-Mediengruppe im Frühsommer grünes Licht für die Produktion einer Fortsetzung erteilte.

    „Verbotene Liebe – Next Generation“ startet in der Nacht von Sonntag auf Montag um Punkt 0:00 Uhr bei TVNOW und besteht zunächst aus zehn 45-minütigen Episoden, die dann immer montags online gehen werden. In ihrem Zentrum stehen altbekannte sowie auch zahlreiche neue Figuren. Das wöchentliche Format bleibt also, die Daily ist Geschichte. Aber ist es den Machern dennoch gelungen, das altbekannte „VL“-Gefühl zwischen Wohlfühlfaktor und intrigantem Staunen zu erzeugen, das beim Original zuletzt derart fehlte?

    Wolfram Grandezka als Ansgar von Lahnstein im neuen Vorspann TVNOW

    Nach fünf Jahren wird Ansgar von Lahnstein (Wolfram Grandezka) aus dem Gefängnis entlassen. Leicht desolat erscheint er bei seiner einstigen Privatbank, um wieder Zugriff auf sein Konto zu erlangen. Leider war seine Ex-Frau Tanja schneller und hat ihm nur 130 Euro und ein paar Zerquetschte übrig gelassen. Kein Grund für Ansgar, die Flinte ins Korn zu werfen. Dank seines Insider-Wissens schleicht er sich auf eine Jubiläums-Party im Garten von Schloss Königsbrunn, das inzwischen der superreichen Modefamilie Verhoeven gehört – genau wie die Lahnstein-Holding, die längst zerschlagen ist.

    Auch das frühere Hochhaus der Holding dient nun ganz Modezar Robert Verhoeven (Heinz Hoenig) und seiner Familie. Nach außen ziehen alle Mitglieder des Society-Clans harmonisch an einem Strang. Doch im Inneren herrschen bittere Grabenkriege zwischen Robert und seinem Sohn Alexander (Frederik Götz), seiner Tochter Livia (Livia Matthes) und dem jüngsten Sohn Paul (Lennart Betzgen). Vor allem Mutter Eva (Stephanie Japp) leidet unter der Situation.

    Als Alexander am Flughafen (schließlich ist es „Verbotene Liebe“) mit Josefin Reinhard (Sina Zadra) zusammenstößt, nimmt das Schicksal seinen Lauf – kräftig befeuert von einer Frau, die großes Interesse daran zu haben scheint, dass sich Alexander und Josefin fortan öfter begegnen: Gräfin Clarissa von Anstetten.

    Stein des Anstoßes: „VL“-Ikone Clarissa von Anstetten (Isa Jank) TVNOW/Julia Feldhagen

    Soap-Ikone Clarissa, noch immer unnachahmlich verkörpert von Isa Jank, ist mit ihrem Gastauftritt die Stichwortgeberin der Handlung, bleibt aber doch eher im Hintergrund. Mit einem Infusionsständer neben sich sitzt die nun offenbar totkranke Geschäftsfrau einsam in der ansteigenden Flut eines Nordseestrandes und lässt ihr Leben Revue passieren. Es ist ein derart überzogenes, surreales und absolut stimmiges Bild, dass man als Zuschauer von der ersten Sekunde an weiß: „Verbotene Liebe – Next Generation“ lässt das triste Grau in Grau der letzten Original-Folgen und ein fehlgeleitetes Streben nach Realismus endgültig hinter sich. Und man ist dankbar dafür.

    In direktem Kontrast dazu stehen lustigerweise die Kulissen der Fortsetzung – denn es sind keine. Zum ersten Mal wurde „Verbotene Liebe“ komplett an Original-Schauplätzen gedreht. Die Büros im Verhoeven-Hochhaus, die Räume von Schloss Königsbrunn oder das Haus von Josefins Mutter, sie alle sind echt. Kombiniert mit der abgehobenen Soap-Handlung entsteht so eine Art von Hyperrealität, die großen Spaß macht. Auch ansonsten können sich der Produktionsaufwand und die Optik für Soap-Verhältnisse absolut sehen lassen – besonders auch bei dem feurigen Cliffhanger am Ende der ersten Folge.

    Wolfram Grandezka ist das Vergnügen bei seiner Rückkehr als Superbösewicht Ansgar in jeder Sekunde ins Gesicht geschrieben. Die Szenen, in denen er feststellen muss, dass er zwar von Tanja mal wieder übervorteilt worden ist, aber trotzdem noch immer weiß, wo auf Schloss Königsbrunn der beste Whisky versteckt ist, sind einfach grandios.

    Apropos Tanja: Das Verschwinden der mitunter tödlichen Widersacherin ist eines der interessantesten Rätsel, die „Next Generation“ den Zuschauern gleich zu Beginn mit an die Hand gibt. Schon öfter hing Tanjas Abwesenheit wie ein Damoklesschwert über den anderen Figuren. Man kann sich nur wünschen, dass Schauspielerin Miriam Lahnstein früher oder später auf spektakuläre Weise mit einer Rückkehr die Lösung dieses Rätsels bereithalten wird.

    Sind jetzt auf Schloss Königsbrunn zu Hause: die Verhoevens TVNOW/Julia Feldhagen

    Doch nur mit nostalgischen Wiedersehens-Momenten wäre es nicht getan. „Verbotene Liebe – Next Generation“ steht und fällt genau mit dieser nächsten Generation an Figuren, Darstellern und der mittlerweile vierten Society-Familie nach den von Anstettens, von Beyenbachs und von Lahnsteins: den Verhoevens. Deren Figurenkonstellation erfindet das Soap-Rad zwar nicht neu, dennoch sind die Figuren klar gezeichnet und hervorragend besetzt.

    Im Zentrum der neuen „Verbotenen Liebe“ dürften fraglos Alexander Verhoeven und die in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Josefin Reinhard stehen, die eine überraschende Einladung zu der Jubiläums-Party auf Schloss Königsbrunn erhält. Selbst der (zugegebenermaßen nicht gerade originelle) Crash der beiden am Flughafen überzeugt durch seine Umsetzung und das sehr gute Zusammenspiel zwischen Frederik Götz und Sina Zadra.

    Wie verboten ist ihre Liebe? Alexander (Frederik Götz) und Josefin (Sina Zadra) TVNOW / Julia Feldhagen

    Heinz Hoenig verhilft seinem Familienoberhaupt Robert Verhoeven zu Sympathien, die das Drehbuch eigentlich nicht hergibt. Seine rigorose Anti-Haltung im Bezug auf die nachhaltigen Pläne seines Sohnes Alexander für das Modehaus, sind zunächst kaum nachvollziehbar – vor allem, wenn man die realen Entwicklungen bei führenden Haute-Couture-Häusern betrachtet. Aber vielleicht liefert hier eine genauere Betrachtung des Vater-Sohn-Verhältnisses in den nächsten Episoden die Antwort.

    Von Anfang an interessanter ist dagegen Mutter Eva. Dank Schauspielerin Stephanie Japp wird schnell deutlich, dass es unter ihrer Oberfläche bereits seit langer Zeit brodelt. Auch auf der Schlossparty kann sie vor versammelter Presse und der Düsseldorfer Schickeria kaum gute Miene zum bösen Spiel machen. Tag für Tag absolviert sie eine Gratwanderung auf einer Rasierklinge, die nicht mehr lange gutgehen kann.

    Nesthäkchen Paul Verhoeven versucht unterdessen seine gelangweilte, superreiche Millennial-Existenz durch allerlei Genuss-Exzesse aufzupimpen. Gelingt es ihm bei der Jubiläums-Party nicht durch ein offenherziges Outfit, muss es eben ein per Dating-App arrangierter Quickie im Schlossgarten sein. In einer der besten Szenen der ersten Folge erhält Paul von „VL“-Rückkehrer Oliver Sabel (Jo Weil) aber erst einmal eine gepflegte Abfuhr, ganz nach dem Motto: Schon mal was von ner Einladung zum Kaffee gehört? Eine Empfindung, die so mancher Dating-geplagte Single in der heutigen Zeit durchaus nachvollziehen kann.

    Die starke Chemie zwischen Jo Weil und Lennart Betzgen dürfte in den nächsten Folgen noch für reichlich Sprengstoff sorgen, gerade auch, weil beide Figuren so unterschiedlich sind. Es ist begrüßenswert, dass die Macher bei Paul nicht wie früher versuchen, eine um jeden Preis liebenswerte schwule Figur zu etablieren. Dass er hier genauso mit Selbstsucht, Make-Up und exaltierten Outfits experimentieren darf, wie bereits die größten Intrigantinnen der „VL“-Geschichte, ist wunderbar.

    Intriganten unter sich: Paul (Lennart Betzgen, l.), Livia (Livia Matthes, m.) und Oliver Sabel (Jo Weil, r.) TVNOW/Benno Kraehahn

    Weitere Gastauftritte von Gabriele Metzger als langjähriger „VL“-Ankerpunkt Charlie Schneider und von „Bettys Diagnose“-Star Claudia Hiersche als Carla von Lahnstein runden den positiven Eindruck ab. Vor allem Carlas Rückkehr wirft einige sehr interessante Fragen auf. Kann die ständig angespannt wirkende Event-Plannerin tatsächlich zufrieden damit sein, Partys für jene reichen Kreise auszurichten, zu denen sie einst selbst gehörte? Wie empfänglich wird sie in dieser Lage für die Pläne ihres Bruders sein, mit dem sie doch eigentlich nichts mehr zu tun haben will? Dass Ansgar auf Rache sinnt und sich das Erbe der von Lahnsteins zurückholen will – davon ist absolut auszugehen.

    Fazit

    „Verbotene Liebe – Next Generation“ erfindet sein Genre nicht neu, ist auf vielen Ebenen konventionell – aber dies auf einem hohen Niveau, das eher internationalen Soaps entspricht. Die größten Stärken sind in der ersten Folge zahlreiche spannende Fragen, die aufgeworfen werden, das starke Ensemble und ein geschicktes Händchen für großartige Momente.

    Den Machern der „Next Generation“ gelingt etwas, das in seinen letzten Jahren nicht einmal mehr dem Original gelungen ist: Dieses wohlige Gefühl zu erzeugen, das ein langjähriger Soap-Fan durch die von Anstettens und von Lahnsteins noch sehr gut kennt – und das er unglaublich vermisst hat. „Verbotene Liebe“ macht so endlich wieder Lust auf mehr. Ob die Verhoevens aber das Zeug dazu haben, ihr Imperium über Jahre hinweg auf solide, nachhaltig intrigante Beine zu stellen, genau das müssen sie nun unter Beweis stellen.

    Die Zutaten sind alle da. Don’t fuck it up!

    Meine Wertung: 4/5

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten Folge von „Verbotene Liebe – Next Generation“, die TVNOW für Reviews vorab zur Verfügung gestellt hat. Ab dem 23. November um 0:00 Uhr ist sie auch für Abonnenten abrufbar. Die weiteren Episoden erscheinen dann immer montags.

    „Verbotene Liebe – Next Generation“: Was ist in den letzten fünf Jahren geschehen?

    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY … ungelöst

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1963) am melden

      Das war der Knaller, echt der Knaller bin begeistert!
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