„The Witcher“ geht in Staffel zwei: Viel Lärm um nichts? – Review

    Am Freitag kehrt die erfolgreiche Netflix-Serie mit neuen Folgen zurück

    Rezension von Fabian Kurtz – 16.12.2021, 18:43 Uhr

    Kommen auf Kaer Morhen zusammen: Vesemir (Kim Bodnia), Geralt (Henry Cavill) und Ciri (Freya Allan) – Bild: Netflix
    Kommen auf Kaer Morhen zusammen: Vesemir (Kim Bodnia), Geralt (Henry Cavill) und Ciri (Freya Allan)

    Netflix beschert den Fans also kurz vorm Vierten Advent ein lang ersehntes Weihnachtsgeschenk. Ersehnt erscheint es jedoch auf den zweiten Blick weniger, wenn man die Werbetrommel betrachtet, die Netflix seit ungefähr einem Monat ununterbrochen rührt. Aufgedrückt wirken dadurch stetige Social-Media-Posts. Hier und dort platzierte Leaks und Events wie die Witcher-Con befeuern Fans in ihrem Enthusiasmus; machen Kritiker jedoch stutzig und lassen das Ganze schnell nach Marvel-Kommerz aussehen. Die Gefahr besteht darin, dass Serien und auch Filme zügig dem Publikum hörig werden. Ästhetik ist dann eher zusammengerührtes Blockbuster-Kino der letzten zehn Jahre. Diese Angst lag auch mir vor der zweiten Staffel von „The Witcher“ im Magen: Als Fan der Bücher von Andrzej Sapkowski und auch der Videospiele von CD Project Red, ist die Verfilmung von „The Witcher“ im Grunde wie die Neuerfindung des Rads. Da bin ich vorerst skeptisch – doch möchte ich gar nicht über die Schwierigkeit der Adaption streiten, denn nach dieser Staffel wurde klar, dass es nichts gibt, worüber sich zu streiten lohnt.

    „The Witcher“ setzt mit den neuen Folgen unmittelbar nach den Geschehnissen der ersten Staffel ein. Die Schlacht bei Sodden, die das Kaiserreich Nilfgaard aus dem Süden gegen die Mächte des Nordens schlug, bildet nun den Ausgangspunkt für unsere Handlungsstränge.

    Auf der einen Seite folgen wir dem Hexer Geralt von Riva, der sich gemeinsam mit Prinzessin Cirilla von Cintra in seine Heimat Kaer Morhen aufmacht, eine Festung tief in den Bergen. Dort, gemeinsam mit den verbleibenden, noch lebenden Hexern, versucht Geralt, Ciris Macht zu entschlüsseln und sie zu trainieren. Auf der anderen Seite haben wir die von Geralt und dem Ring der Zauberinnen für tot geglaubte Yennefer, die sich durch die politischen und ethischen Konflikte des „Kontinents“ schlägt. Dieser ist einerseits vom Krieg der nördlichen Königreiche mit Nilfgaard übersät, andererseits mit einem aufkommenden Rassismus der Menschen gegenüber den Elfen. Letztere finden im tatsächlich liberaleren Nilfgaard Zuflucht, während sie im Norden einer kategorischen Verfolgung bis in den Tod ausgesetzt sind.

    Geralt (Henry Cavill) mit Yennefer (Anya Chalotra, o.) und Ciri (Freya Allan) Netflix

    Diese zwei Handlungsstränge spalten sich nicht nur durch ihre Charaktere, sondern liefern ein Mittel zum Weltverständnis. Ebenso kommt die Serie von der verwirrenden Nolan’schen Erzählstruktur weg und stattdessen in eher chronologisches Fahrwasser. Auch dies hilft, diese Welt und den Kontinent besser nachvollziehen zu können, da die Dinge nun in der Materie komplizierter werden. Gesegnete Leser der Romanvorlage müssen sich übrigens genauso anstrengen, da die Autoren um Showrunnerin Lauren Schmidt die Karten neu gemischt haben. Von einer „freien Adaption“ zu sprechen, erscheint daher schon fast als fair.

    Doch zuerst zum interessanten Teil der zweiten Staffel: Geralt und Ciri. Ihre Geschichte liefert einen Mikrokosmos der kleinen Fantasy, der ungefähr nach dem Weekly-Monster-Prinzip vergangener US-Serien wie „Akte X“ funktioniert. Gleich in der ersten Folge bekommen wir das zu spüren. Beide finden auf ihrem Weg nach Kaer Morhen die Gastfreundschaft eines alten Freunds von Geralt, Nivellen.

    Dieser ist jedoch verflucht und daher dazu verdammt, ewig in einer Hybris aus Mensch und Wildschwein zu leben. Nivellens Tragik symbolisiert hierbei das hübsche Pathos des Märchens, denn nur wahre Liebe kann seinen Fluch brechen. Es geht dabei wahrlich um die existenzielle Monster-Frage, mit der sich die Hexer herumschlagen müssen. Der moralische Konflikt dabei ist die Menschlichkeit in jedem Monster, aber auch das Monster in jedem Menschen. Fans von Sapkowski werden hier auf ihre Kosten kommen, da dieser Konflikt in wahrhaft zynisch-romantischer Erzählweise daherkommt. Übrigens beinhaltet diese Episode zugleich die beste schauspielerische Leistung der ganzen Staffel: Kristofer Hivju, den einige als Tormund aus „Game of Thrones“ erkennen, mimt den tragischen Nivellen mit einer fast schon Shakespeare-Theatralik, die genau das Maß der Dinge trifft.

    In diesen immer wieder auftauchenden Konflikten funktioniert Ciri als Identifikationsfigur, denn es ist ihre noch jugendliche und fürstliche Naivität, aber auch ihr gutes Herz, das dem Zuschauer ein Mittel zum moralischen Schiedsspruch lässt. Geralt funktioniert in dieser Konstellation dann schlussendlich als Richter, der das Beil im wahrsten Sinne fällt.

    Freya Allan als „Ciri“ in der zweiten Staffel von „The Witcher“. Susie Allnut/​Netflix

    Freya Allan als Ciri und Henry Cavill als Geralt geben hierbei ein wunderbares Mentor-Lehrling-Paar. Besonders Allan überzeugt mit ihrem Schauspiel und gibt der sehr ernsten und nachdenklichen Person Geralts einen frischen Konterpart. Gerade ihre Szenen machen den Spaß dieser Staffel aus und lassen einen auf mehr hoffen. Das Gleiche gilt für Henry Cavill, der Geralt als einen besonnenen und väterlichen Mentor porträtiert. Seine raue Schale weicht ebenso durch den Einfluss Ciris wie durch die Gemeinschaft der anderen Hexer in Kaer Morhen auf.

    Im Besonderen Vesemir, dargestellt von Kim Bodnia, ist die Personifikation eines sorgenden Schäfers, der seine Herde sicher um sich wissen will. Bodnia, vom Kostümdesign leider als Hulk-Hogan-Imitator gestaltet, funktioniert für Geralt, wie Geralt für Ciri. Wir haben also eine familiäre Hierarchie, die als Kern des besagten Mikrokosmos fungiert. Hierin geht es um Werte wie Vertrauen, Verzeihung, Zusammenhalt und Liebe.

    Familiäres Wiedersehen: Vesemir (Kim Bodnia) und Geralt (Henry Cavill) in der zweiten Staffel von „The Witcher“. Jay Maidment/​Netflix

    Dem gegenüber steht leider ein eher hölzerner Handlungsstrang, getragen von Anya Chalotra als Yennefer, die ihre schauspielerischen Leistungen aus der ersten Staffel nicht wiederholen kann. Schuld ist hierbei jedoch wahrlich das Autorenteam. Politische Geschehnisse und Zusammenhänge werden nacheinander abgefrühstückt, wichtige Zusammenhänge wie zum Beispiel die Prophezeiung der Ithline sind zwar wunderschön, schon fast arthausig in Szene gesetzt, schaffen es jedoch leider nicht, inhaltlichen Eindruck zu hinterlassen. Umso entspannter ist man, wenn der Schnitt und das Zepter an Geralt und Ciri geht – das beruhigt, da fühlt man sich zu Hause.

    Anya Chalotra als Yennefer in der zweiten Staffel von „The Witcher“. Jay Maidment/​Netflix

    Die Geschehnisse „da draußen“ blähen sich jedoch mit einer Ernsthaftigkeit auf, die nicht mal Rittersporn (Joey Batey) mit seinen rockigen Balladen auffrischen kann. Er wirkt wie ein abgehalfterter, genervter Musiker, der mehr und mehr die Züge seines Freundes Geralts übernommen hat. Eine Entwicklung, die dem Zynismus der Figur, wie Sapkowski sie schuf, entgegenwirkt und auch die erste Staffel konterkariert.

    Die zweite Staffel von „The Witcher“ übertrifft sich in der Inszenierung selbst. Hochwertige Ausstattung und Regisseure vom Fach geben dieser Welt ihre poetisch-melancholische Atmosphäre, schaffen es jedoch nicht, die teilweise verqueren Handlungsstränge des Autorenteams aufzuwerten. Die Charaktere verbessern sich im Allgemeinen – es gibt mehr Raum für persönliche Emotionen abseits von Sex and Slaughter. Gleichwohl verbindet „The Witcher“ eine Ambivalenz auf Metaebene, die ich in meiner Einleitung beschrieb: Hört man von einem Spin-off, einer Kinderserie, die Netflix bestellt hat, und einer schon abgedrehten Prequel-Serie, so kann ich nur hoffen, dass sich „The Witcher“ selbst davon nicht beeinflussen lässt. Weniger ist mehr, gerade im Medium Streaming, wo man sich täglich mit vermeintlichem Gold überhäuft sieht, das sich jedoch schnell als verlogenes Silber entpuppt. Im Fall von „The Witcher“ ist die Echtheit jedoch erstmal geprüft.

    Dieser Text beruht auf der Sichtung von sechs Folgen der zweiten Staffel der Serie „The Witcher“

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die zweite Staffel von „The Witcher“ wird bei Netflix weltweit am 17. Dezember 2021 veröffentlicht.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Leider wird Geralt in seiner eigenen Serie zur Nebenfigur ... schade.
      • am

        Ich mache es kurz......Gähn. Langweilig. Langatmig. Einfach nur niederschmetternd, was aus der zweiten Staffel gemacht wurde.
        • am

          "ewig in einer Hybris aus Mensch und Wildschwein zu leben."

          @Fabian: Hybris bedeutet nicht dasselbe wie Hybrid, obwohl die Wortherkunft von Hybrid tatsächlich von Hybris stammt. Der Gebrauch des Begriffs ist hier völlig falsch und ergibt keinen Sinn.

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