„The Kelly Family“: Warum die Geschwister mit Freude und Angst zugleich einen gemeinsamen Roadtrip wagen – Review

    Emotionale Reise in die Vergangenheit in RTL-Zwei-Doku

    Daniel Teuteberg
    Rezension von Daniel Teuteberg – 05.09.2022, 22:15 Uhr

    „The Kelly Family – Die Reise geht weiter“ – Bild: RTL Zwei/Marc Bremer
    „The Kelly Family – Die Reise geht weiter“

    Am heutigen Montagabend (5. September) ist bei RTL Zwei eine fünfteilige Dokusoap über eine der außergewöhnlichsten Bands und gleichzeitig eine der bekanntesten Großfamilien der Welt gestartet: In „The Kelly Family – Die Reise geht weiter“ begeben die Kellys sich auf eine Reise an die wichtigsten Orte ihrer Karriere – und damit auch auf eine emotionale Reise in ihre Vergangenheit. Grundidee der Serie ist, dass die Geschwister im Vorfeld ihrer im November startenden Tournee das verlorengegangene „Kelly-Family-Gefühl“ wiederentdecken wollen.

    Im Kölner Residenz Kino feierte die Serie schon vor einer Woche Premiere; die erste Folge wurde erstmals vor Publikum gezeigt. Beim anschließenden Gespräch mit Pressevertretern erklärten fünf der Geschwister noch detaillierter, dass die Idee für ein solches Format schon zehn Jahre alt ist. In John wuchs damals der Gedanke, mit der ganzen Familie nochmal die Locations ihrer Vergangenheit besuchen und das dokumentieren zu wollen. Durch ihr erfolgreiches Comeback sah er nun den richtigen Moment dafür gekommen. Auch Joey trägt entscheidenden Anteil an der Entstehung dieser Serie: Schon 2012 hatte er sich im Rahmen der WDR-Reihe „Vorfahren gesucht“ mit dem Leben der früheren Kelly-Generationen beschäftigt. Während der Corona-Pandemie wurde nun die Idee für das Projekt „Die Reise geht weiter“ konkret und er konnte sich nach eigenen Angaben sehr schnell mit der Produktionsfirma Dreiwerk Entertainment und RTL Zwei auf eine Ausrichtung des Formats einigen. Es folgten zwölf Monate harte Arbeit, die Postproduktion wurde gerade erst abgeschlossen.

    Das von Kathi Wörndl moderierte Pressegespräch im Anschluss an die Premiere im Kölner Residenz Kino Public Insight OHG

    Die erste Folge der Dokusoap beginnt mit einem kurzen Abriss über die Karriere der Kellys, die zunächst als Straßenmusiker unterwegs waren und Mitte der 1990er Jahre ihren großen Durchbruch erlebten. Doch der Ruhm hatte Schattenseiten – die Kelly Family war ständig in den Schlagzeilen, hatte kaum Privatsphäre. Einige der Geschwister hatten mit Burnouts zu kämpfen und es kam zu Zerwürfnissen untereinander. Von der Reise versprechen sie sich nun, wieder so zusammenzufinden, wie sie vor ihrem großen Durchbruch miteinander gelebt haben und die Freude und Kreativität von früher wiederzuentdecken. Deshalb soll wie einst im Original-Kelly-Bus gereist und gelebt werden. Doch der Bus muss erstmal wieder fahrtüchtig gemacht werden. So beginnt die Reise zunächst in einer Scheune, wo Joey seinem jüngsten Bruder Angelo die marode Technik zeigt. In einer heiklen Mission wird der Bus zu einer Werkstatt transportiert, bevor die Fahrt der älteren Kelly-Geschwister Joey, Jimmy, Patricia, Kathy und Paul dann trotzdem mit Startschwierigkeiten beginnt. Vor allem Patricia ist die Fahrt auf der Autobahn nicht geheuer, doch ihre Forderungen, auf Landstraßen auszuweichen, finden wenig Gehör – denn die erste Station der Reise soll Rom sein. Dort nahm die Kelly-Geschichte 1976 ihren Anfang. Gleich zu Beginn der damals geplanten sechsmonatigen Europa-Tour wurde die Familie bestohlen und verdiente sich danach Geld durch Straßenmusik. Zusammen mit John und der ältesten Schwester Caroline gibt die Band nun ein spontanes Konzert in der Straße, wo einst alles begonnen hatte.

    Die Kelly Family in Rom RTL Zwei/​Marc Bremer

    Die Familie besucht weitere Sehenswürdigkeiten und schwelgt in Erinnerungen, erzählt in Dankbarkeit von den Eltern und bildhaft von der Erkenntnis, dass diese damals etwas gepflanzt hätten, was sie heute noch ernten dürften. (John im Pressegespräch: Wir durften dieses verrückte Leben nur leben, weil sie das für uns so möglich gemacht haben, uns diese Chance gegeben haben, die vielleicht viele Menschen nicht bekommen haben.) An einem Aussichtspunkt über der Stadt stoßen die Geschwister auf ihr Wiedersehen und die bereits verstorbenen Geschwister Barby (1975–2021) und Danny (1958–2017) an. Ein rührender Moment ist auch Johns Rückkehr in den Kelly-Bus – spontan entschließt er sich, mit den anderen Geschwistern dort zu übernachten. Später überrascht er die anderen mit unbekannten Aufnahmen aus seinem persönlichen Archiv, die einen Auftritt auf dem Petersplatz zeigen, der von der Polizei abgebrochen wurde. Religion ist ein wichtiges Thema für die Familie – so kommt es am selben Ort zu einer emotionalen Szene zwischen Jimmy und Joey, die früher sehr eng verbunden waren und sich zwischenzeitlich aus den Augen verloren hatten.

    Die Reise ist für alle Geschwister aufwühlend. So erklärt Patricia der Presse: Man lässt sich ein auf Orte, die extrem emotional sind. Allein das ist schon abenteuerlich, du weißt nicht, was da hochkommt. Da gab es einige Ängste, die berechtigt waren. Doch sie schreiben der Reise eine therapeutische und heilende Wirkung zu und sie ist auch ein sichtlich großer Spaß für alle. Joey kündigt schon zu Beginn lachend an, dass es auf einer Tour der Kelly-Geschwister zwangsläufig Streitereien geben werde. Wie Patricia im Pressegespräch zugibt, fiel ihr die Entscheidung für eine Teilnahme an der Reise auch deshalb nicht ganz leicht: Ich liebe sie alle, aber wir können uns auch auf die Nerven gehen. Versucht mal, mit Geschwistern einen Roadtrip zu machen. Man sagt, Besuch stinkt nach drei Tagen. Das ist immer eine Challenge.

    Die Kelly Family vor ihrem legendären Bus RTL Zwei/​Marc Bremer

    Auf dem Bildschirm wirkt der Umgang der Geschwister untereinander aber sehr liebevoll und sie zeigen einen trockenen Humor, der beim Zusehen großen Spaß macht – etwa wenn Pauls Schnarchen die anderen nachts wach hält, Jimmy scheinbar die Einnahmen des Straßenkonzerts verschwinden lässt und sich mit umstrittenen Italienischkenntnissen durchschlagen will, Kathy von erblich bedingten Flatulenzen innerhalb der Familie berichtet oder Joeys liebgemeinte Businessidee für den Honig seines Bruders Paul mehr Verwirrung anrichtet als alles andere. Durch einen geschickten Wechsel von berührenden, traurigen und witzigen Momenten überträgt sich dieses Gefühl auch auf die Zuschauer. Ein Highlight sind sicher die gekonnt verwobenen Archivaufnahmen, die die Familie mitunter Jahrzehnte zuvor am selben Ort zeigen und die teilweise nie zuvor veröffentlicht wurden. Kommentare und Interviewsequenzen mit den einzelnen Geschwistern lockern das Geschehen zusätzlich auf. Obwohl die Folgen mit 90 Minuten ungewöhnlich lang sind für ein solches Format, kommt so keine Sekunde Langeweile auf.

    Kathy beschreibt im Pressegespräch, dass sie und ihre Geschwister ihr privates Leben sehr geschützt hätten und sich für die Doku erstmal hätten öffnen müssen. Tatsächlich deutet sich in der Vorschau auf die weiteren Folgen eine bemerkenswerte Offenheit der Familie an, auch über kritische Themen zu sprechen. Etwa das Leben auf Schloss Gymnich, mit dem einige Geschwister sehr unglücklich waren oder die schwierige Abnabelung Patricias von ihrem Vater. Nur kurz thematisiert wird in der ersten Folge, dass sie in ihrer Kindheit weder Süßigkeiten essen, noch fernsehen, Radio hören oder Zeitung lesen durften. Zwar erklärt Joey witzelnd, dass sie sich deshalb bewusst Freunde gesucht hätten, bei denen sie diese Verbote umgehen konnten, bewertet das rückblickend aber auch als Kontrolle. Es wäre interessant, in den weiteren Folgen noch etwas über die Motivation der Eltern für diese Erziehungsmaßnahmen zu erfahren. Nach Rom als erster Station führt ihre Reise die Kellys unter anderem noch nach Wien, Paris, Dublin, Rostock und mehrere Orte in Spanien – darunter auch das Zimmer, in dem die Mutter bzw. Stiefmutter der Geschwister mit nur 36 Jahren gestorben ist. Und es wird auch ein Wiedersehen mit dem Hausboot geben, mit dem die Familie in Köln-Mülheim vor Anker lag.

    Das Hausboot Sean O’KelleyRTL Zwei/​Marc Bremer

    Ein Wermutstropfen für Fans wird freilich bleiben, dass nicht alle Geschwister an der Dokusoap beteiligt sind: Angelo ist nur kurz am Anfang der ersten Folge zu sehen und hat sich dann aus persönlichen Gründen gegen eine Teilnahme an der Reise entschieden. Auch Maite und Michael Patrick sind nicht dabei, aber Maite wird in der letzten Folge zumindest am Telefon zu hören sein. Dem Spaß beim Zuschauen tut dies jedoch keinen Abbruch – und für Fans ist sicher allein das Auftreten der ältesten Schwester Caroline eine kleine Sensation: Sie hatte die Band schon Anfang der 1980er Jahre verlassen, in den USA ein Leben als Krankenschwester begonnen und ist deshalb in Deutschland kaum bekannt. Doch nicht nur Fans dürfte die Doku Freude machen. Auch wer das Comeback der Band nicht mehr verfolgt hat oder noch gar keine Berührungspunkte mit der Familie hatte, sich aber vielleicht grundsätzlich für (außergewöhnliche) Biografien oder Familiengeschichten interessiert, könnte die Serie spannend und unterhaltsam finden.

    Die weiteren Folgen der fünfteiligen Dokureihe „The Kelly Family – Die Reise geht weiter“ werden immer montags um 20:15 Uhr bei RTL Zwei ausgestrahlt. Jeweils sieben Tage vorab liegt die aktuelle Episode im Premium-Bereich des Streamingdienstes RTL+ auf Abruf bereit.

    Über den Autor

    Daniel Teuteberg ist Jahrgang 1986 und hat sich schon in früher Kindheit sehr für das Medium Fernsehen begeistert. Und das, obwohl sein Elternhaus erst sehr spät mit Satellitenempfang ausgerüstet wurde und ihm die ganze Bandbreite seiner Möglichkeiten bis dahin vorenthalten blieb. Schon im Grundschulalter nahm er akribisch die Hörzu auseinander - wortwörtlich mit der Schere. Er ist vermutlich der Erfinder des Episodenführers, was jedoch nie offiziell festgehalten wurde. Seine handgeschriebenen Werke existieren aber noch heute. Bevorzugte Genres gibt es kaum. Nach dem Kinderfernsehen wandte er sich relativ jung den ZDF-Familienserien zu, bevor er die Daily Soaps für sich entdeckte. Nach einigen Jahren kühlte diese Leidenschaft teilweise ab, doch “Marienhof” und “Verbotene Liebe” hielt er bis zum Ende die Treue. Zur Zeit seines Studiums weist sein Serien-Lebenslauf Lücken auf, da er zeitweise ohne Fernsehempfang auskommen musste und nur selten Zeit für und Lust auf neue Serien hatte. Nachdem er im Studium mit Erziehungs- und Kommunikationswissenschaft noch zweigleisig gefahren ist, setzte sich schließlich doch die alte Leidenschaft für die Medien durch und so kümmert er sich seit 2013 als Redakteur bei fernsehserien.de hauptsächlich um die Pflege der Seriendatenbank und setzt damit fort, was er schon als Kind geliebt hat.

    Lieblingsserien: Superstore, The Middle, Vorstadtweiber

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