„Sunny – Wer bist Du wirklich?“: Starke Valentina Pahde kann „GZSZ“-Ableger nicht retten – Review

    Neue TVNOW-Thrillerserie verschenkt viel Potential

    Rezension von Ralf Döbele – 01.10.2020, 16:00 Uhr

    „Sunny – Wer bist Du wirklich?“

    Sunny Richter ist in diesen Tagen womöglich die Einzige, die eine Masterclass nicht ausschließlich online belegen kann. Seit 2015 spielt Valentina Pahde die von Fashion und Fotografie begeisterte Enkelin von Jo Gerner in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Die Fans der Daily müssen sich nun für einen Monat von ihr trennen – oder können ihr nach München und zu TVNOW folgen. Dort startet am heutigen Donnerstag (1. Oktober) das Spin-Off „Sunny – Wer bist Du wirklich?“, das in 20 Folgen eine in sich geschlossene Thriller-Geschichte mit Young-Adult-Elementen erzählen will.

    Außerdem sind die ersten zwei Folgen bereits heute Abend bei RTL direkt im Anschluss an „GZSZ“ in der Primetime zu sehen. Sunnys Abschied wurde in den letzten Folgen der Daily-Soap vorbereitet. Sie hat sich für eine Masterclass in München beim Starfotografen Brian Fox (Felix Lampert) beworben und wurde schließlich auch angenommen. Zu Beginn von „Sunny“ trifft sie als letzter Neuzugang in einer typischen Münchner Vorort-Villa ein, wo sie zunächst nur auf Ablehnung stößt.

    Sunny (Valentina Pahde, l.) trifft auf ihren Mentor Brian (Felix Lampert). TVNOW / Sebastian Geyer

    Mentor Brian gibt sich eher als hin und wieder aus dem Nebel auftauchender, exzentrischer Sektenführer, denn als Ausbilder. Dabei hält er mit seiner vernichteten Kritik an Sunny und ihrem ersten Bild nicht hinter dem Berg – was natürlich auch die Frage aufwirft, wie die Berlinerin überhaupt den Kursplatz erhalten konnte. Schließlich scheint sich der Veranstalter durch Fotos von dreckigen Club-Toiletten schneller beeindrucken zu lassen, als von Sunnys High-Glossy-Look.

    Sunnys neue Zimmergenossin Ruby (Linda Rohrer) macht ihr gleich klar, dass sie weder Bock auf Sonny, noch auf halbwegs menschliches und verträgliches Verhalten hat. Wozu auch, wenn man den Neuankömmling lieber aus dem gemeinsamen Zimmer aussperren und Sunny per Zigarettenkippe ein Loch ins Oberteil brennen kann? Hinter Rubys Exzessen scheint der Schmerz einer einer bröckelnden Freundschaft zum sensiblen Karl (Ben Andrews Rumler) und zum Klassen-Liebling Lennard zu stecken, der diesen Status in den ersten Folgen ausschließlich der Präsenz seines Darstellers Gerrit Klein verdankt.

    Lennard (Gerrit Klein) wirft ein Auge auf Sunny (Valentina Pahde) TVNOW / Sebastian Geyer

    Jedenfalls haben beide Jungs ihre romantischen Absichten anderweitig festgemacht und so lässt Ruby ihren Frust immer wieder recht plump an Sunny und an Karls Freundin Kim (Sarah Buchholzer) aus. Die schüchterne, aus der Provinz geflüchtete Stipendiatin wird von ihr prompt zur „Wurst-Prinzessin“ getauft. Da Kims Eltern als Fleischerei-Besitzer kaum das nötige Kleingeld für das München-Abenteuer ihrer Tochter vorschießen können, verbringt sie ihre Freizeit auch so, wie es Karl wohl kaum für möglich halten würde.

    Dann ist da noch der großmaulige Proll Ove, perfekt besetzt mit Wilson Gonzalez Ochsenknecht, dessen Vergangenheit in der Gestalt eines schmuddeligen Typen mit Baseball-Kappe am Gartenzaun der Villa steht. Die ständig am Handy hängende Instagram-Queen Frieda (Meryl Marty) und der stets freundlich vermittelnde Nik (Brix Schaumburg) bleiben zu Beginn leider noch recht farblos.

    Das Gleiche kann man von Sunny Richter selbst nicht behaupten. Valentina Pahde ist der klare Star der Serie und führt das Ensemble mit Klasse, Ausstrahlung und als Identifikationsfigur der Zuschauer. Sie kommt neu in den Exzentrik-Zirkus der Masterclass und ist dabei mindestens genauso irritiert, wie die Zuschauer selbst. Auf die eine oder andere Art sind alle ihre Mitschüler zwar interessant, doch die Schwelle zum Liebhaben oder Anfeuern der neuen Figuren wird in den ersten zwei Folgen (noch?) nicht überschritten.

    Kim (Sarah Buchholzer), Frieda (Meryl Marty), Karl (Ben Andrews Rumler) und Ruby (Linda Rohrer) (v. l. n. r.) TVNOW / Sebastian Geyer

    So muss auch das Ende der zweiten Folge wirkungslos verpuffen: Sunnys viel zu schnelle Entwicklung hin zu einem vollwertigen Teil der Gruppe wirkt angesichts des zuvor gezeigten Ego-Infernos bestenfalls gezwungen und aufgesetzt. Vielleicht auch, da Sunnys Mitschüler deutlich weniger ambivalent und tiefsinnig daherkommen, als es uns die Serie glauben machen möchte. Ihre Verhaltensweisen und Dialoge bleiben einfach viel zu oft oberflächlich und plump – was in soapigen Gefilden ja nicht unbedingt ein Dealbreaker sein muss.

    Soaps und Young-Adult-Storys haben allerdings Eines gemeinsam: sie zeichnen sich immer durch klar gezeichnete Figuren mit großem emotionalen Andock-Potential aus. Dabei ist es eigentlich egal, ob man es mit einer Serie, einem Roman oder gar mit Fan Fiction zu tun hat. Die klare Zeichnung gelingt hier zwar, aber meist auf Kosten der Zuneigung des Publikums, auf die es für die Macher gar nicht anzukommen scheint. Dabei vergessen die Autoren die Serien-Regel Nummer eins: Auch Bösewichter will man mögen! Wie sonst könnte Wolfgang Bahro nach nunmehr 27 Jahren noch immer der gefeierte Star von „GZSZ“ sein?

    Stattdessen gibt es immer wieder Szenen, in denen sich „Sunny“ vom einen auf den anderen Moment selbst entwertet – und das vor allem sprachlich. Die Qualität der Dialoge wechselt manchmal von Szene zu Szene. Da gibt es das bittersüße und absolut gelungene Wiedersehen zwischen Sunny und ihrer Mutter Vanessa Richter (Anne Brendler), die ihre Midlife-Crisis ausgerechnet mit einem Schrebergarten-Grundstück kurieren will. Oder den präzise und überdurchschnittlich gut geschriebenen Rundumschlag von Nik, der Ove endgültig klar macht, dass er als Trans-Mann keinen Wert auf seine platten Witze legt.

    Ove (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) und Ruby (Linda Rohrer) leisten sich verbale Entgleisungen.TVNOW / Sebastian Geyer

    Doch nur Sekunden später sind wir wieder bei den stets paraten Ficken-Schwanz-Fotze-Entgleisungen von Ove und Ruby, die einfach nur nerven. Warum soll man sich danach für diese Figuren interessen oder für das, was aus ihnen wird? Thriller, Young Adult, elitäre Exzesse hin oder her – letztendlich befinden wir uns noch immer in einem Soap-Universum. Und da darf man verlangen, dass die Bösewichter und Bitches mit ihren Beschimpfungen und Handlungen deutlich kreativer und sehr viel weniger billig daherkommen – denn nur dann werden sie auch tatsächlich zum wohligen Genuss.

    Effektiv sind dagegen die immer wieder eingestreuten Szenen aus der nahen Zukunft, in der offensichtlich etwas Blutiges und Geheimnisvolles geschehen ist. In diesen kurzen Momenten rund um eine entgleiste Club-Nacht wird Ove mit einem Revolver bedroht, sitzt Sunny in einer Polizei-Zelle und Ruby spielt Russisch Roulette.

    Trotz dieser interessanten Ausblicke, handwerklich bleiben die Übergänge zwischen Gegenwart und Zukunft dennoch holprig. Die schnellen Schnitte zwischen den Zeitebenen oder Handlungsorten schwanken zwischen kreativ (im Rhythmus eines Handy-Klingeltons) und altbacken (2002 hat angerufen und möchte seine Speed-Ups zurück). Vor allem passen sie nicht so ganz zur eigentlich recht elegischen Stimmung der Serie, deren Neon-Pastell-Optik zwar immer wieder wunderschön aufblitzt, aber auch nicht konsequent genug durchgezogen wird, um tatsächlich zu beeindrucken.

    Sunny (Valentina Pahde) ist am Boden zerstört. Aber weshalb? TVNOW / Sebastian Geyer

    Lustigerweise funktioniert „Sunny“ am besten, wenn man das Format als Satire auf den typisch deutschen Freitagskrimi aus alten ZDF-Zeiten betrachtet. Praktisch alle Zutaten sind vorhanden! Man hat die angestaubte „Derrick“-Villa in einem wohlhabenden Münchner Stadtteil, den geheimnisvollen Guru-Fotografen, die verlorene Unschuld der Metzgerstochter, den Nachtclub als Vorhof zur kriminellen Hölle und eine Figurenkonstellation, in der Jede*r zu praktisch allem fähig scheint – außer der Hauptfigur. Wäre Sunny als Undercover-Ermittlerin für die Kripo unterwegs, wäre das vertraute Sittenbild komplett. Ob diese Wirkung bei den Autoren um Showrunner Manuel Meimberg allerdings beabsichtigt ist, es bleibt fraglich.

    Während einer frühen Manöverkritik beschimpft Dauer-Zicke Ruby das erste Foto von Neuzugang Sunny als „farblos, billig und mit null Tiefe“. So harsch muss das Urteil über „Sunny – Wer bist du wirklich?“ nicht ausfallen. Stattdessen bleibt aber das traurige Gefühl, dass hier mit nur leichten Korrekturen so viel mehr möglich gewesen wäre. Oft scheint es, als würden die Macher ihrem eigenen Konzept, ihren Figuren und der von ihnen angestrebten Erzählweise und Optik selbst nicht recht über den Weg zu trauen. So wird viel Potential verschenkt. Alleine aufgrund einer starken Valentina Pahde hätte die Erweitung des „GZSZ“-Universums zu einem Paukenschlag werden können. Stattdessen bleibt „Sunny“ allzu oft auf dem unbefriedigenden Level eines „nice to have“ stecken. Knapp daneben ist auch vorbei.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Sunny – Wer bist Du wirklich?“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    Die ersten beiden Folgen werden als Appetitmacher am Donnerstag, 1. Oktober ab 20:15 Uhr bei RTL ausgestrahlt. Die weiteren Episoden der 20-teiligen Staffel werden dann im werktäglichen Rhythmus exklusiv beim Streamingdienst TVNOW veröffentlicht – zum 29. Oktober wird die komplette Serie verfügbar sein.

    Trailer

    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY … ungelöst

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