„Die Kaiserin“ auf Netflix: Viel heiße Luft statt Neuem? – Review

    Sisi bekommt mal wieder den aktuellen Zeitgeist übergestülpt

    Rezension von Fabian Kurtz – 28.09.2022, 17:30 Uhr

    Eine neue Zeit bricht an: Devrim Lingnau und Philip Froissant ab 29. September in „Die Kaiserin“ – Bild: Netflix
    Eine neue Zeit bricht an: Devrim Lingnau und Philip Froissant ab 29. September in „Die Kaiserin“

    Und alle Phrasen eingeübt. Was bleibt da noch? Nach einer RTL+-Serie, Marie Kreutzers Film „Corsage“ und Karen Duves Roman „Sisi“ bekommt Elisabeth von Österreich nun auch von Netflix ein Denkmal gesetzt. Dabei zeigt dieses zufällige, mediale Sisi-Jahr eigentlich nur, was aus der Kunstfigur geworden ist: reichlich Projektionsfläche und Mittel zum Zweck.

    Netflix versucht dabei in seiner Serie „Die Kaiserin“ die berühmten Heimatfilme der 50er Jahre politisch zu variieren. Sowohl in ihrem nationalen Pathos als auch im gesellschaftlichen Ethos. War es bei Romy Schneider noch ein Sittenbild der deutschen Nachkriegsgeschichte, mit zerbrochenem Stolz und ideologisierter Vergangenheit, ist auch „Die Kaiserin“ in den heutigen Zeitgeist eingebunden.

    So ist Elisabeth (Devrim Lingnau) zu Beginn das schwarze Schaf ihrer Familie. Ihre Mutter Ludovika (Jördis Triebel) hat reichlich Mühe, sie zu vermählen, da ihre Sisi nur solch sonderbare Interessen wie Lyrik, Tiere und Natur hat. Die Serie etabliert also einen „Sonderling“, der sich nicht dem patriarchalen System hingeben möchte. Doch ist dieses System so patriarchal? Denn auch Kaiser Franz Joseph (Philip Froissant) leidet unter seiner herrischen Mutter (Melika Foroutan), die sich stetig um ihre Macht am Hof sorgt und versucht, sich gegen sie und seine Berater durchzusetzen. Er hingegen möchte Österreich erneuern.

    Mit dem Rücken am Boden: Elisabeth und Franz werden von ihrem Schicksal erdrückt. Netflix

    Diese beiden „unterdrückten“ treffen sich nun ganz zufällig und verlieben sich ineinander. Kitsch oder doch was Neues? Die Symbiose macht’s! „Die Kaiserin“ ist nämlich unterm Strich eine in Pomp und Ekstase gehüllte neo-liberale Wunschvorstellung, in der zwar Toleranz gepredigt wird, die doch weiter in traditionalistischen Denkmustern verharrt.

    So sind die Probleme all dieser Gestalten in Schönbrunn reine Luxusprobleme und haben gar nichts mit Modernismus und Erfindergeist zu tun. Es geht, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder im Bett nur um den Wettbewerb. Wenn Franz Joseph also eine Eisenbahn plant, dann ist das nicht fürs Volk, sondern für sein Ego. Auch alle anderen an diesem Hof, sogar Sisi, sind die Belange des Volkes im Grunde egal; sogar die Terroristen tun’s eigentlich nicht fürs Volk, sondern für ihre Namen im Geschichtsbuch.

    Eine Einladung? „Die Kaiserin“ verspricht viel Neues, ist jedoch ziemlich heiße Luft. Netflix

    Die augenscheinliche Moral, die Netflix hier im Wokeness-Diskurs vertritt ist dabei jedoch genauso verlogen wie das aufgesetzte Wesen Elisabeths in dieser Serie. Denn wer sie wirklich war, das werden wir aus keinem Buch und keinem Film erfahren. Und auch „Die Kaiserin“ verballhornt den Mythos dieser Kaiserin zu einer viel zu perfekten Liebesgeschichte, die mal „Die Tudors“, mal „The Crown“ sein will, soddass ihr jedoch schlussendlich die eigene Seele fehlt. Technisch und schauspielerisch solide gemacht reiht sich nun auch „Die Kaiserin“ zum Netflix Content und ist am Ende nicht mehr als ein Werbeprodukt für die heutige Generation.

    Diese Kritik basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Die Kaiserin“.

    Meine Wertung: 2,5/​5

    Die sechsteilige Auftaktstaffel der Serie „Die Kaiserin“ wird am 29. September weltweit bei Netflix veröffentlicht.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Aufwendige Serie mit guten schauspielerischen Leistungen!
      Abgesehen von den fehlenden historische Genauigkeiten erwartet
      zwar niemand das die Dialoge im originalen bayerischen oder Wiener Dialekt
      gesprochen werden - aber Berliner Dialekt passt hier überhaupt nicht!
      Bei der Schauspielerin Almila Bagriacik und dem Darsteller welcher Sisis Vater
      (Herzog Maximilian Joseph in Bayern) spielt, ist eindeutig Berliner Dialekt zu erkennen.
      Schade.
      • am

        " Ihre Mutter Ludovika (Jördis Triebel) hat reichlich Mühe, sie zu vermählen, da ihre Sisi nur solch sonderbare Interessen wie Lyrik, Tiere und Natur hat. "
        So ein Quatsch - Elisabeth war erst 15!
        Es werden genauso historische Fehler drin sein wie in allen anderen Sisi-Filmen
        • (geb. 1974) am

          Ich hatte, nach dem TV now Desaster, meine Hoffnung darauf gesetzt, daß endlich mal eine Serie über das wahre Leben Elisabeths gezeigt wird.
          Leider wurde ich wieder enttäuscht.
          Auch dieser Serie (wie schon alle Versuche vorher diesem Stoff gerecht zu werden) fehlt die historische Genauigkeit. Angefangen mit Elisabeths Bestehen darauf nicht Sisi genannt zu werden (sie selbst hat ihre Schriften gern mit Sisi oder Lisi unterzeichnet), über die Haarfarben der Mutter und Schwester Helene (keine war blond), dem Vorstellen als Herzogin (sie wurde meist als Prinzessin in Bayern angekündigt) bis zum Heiratsantrag welcher öffentlich auf dem Fest gemacht wurde (Franz-Joseph hat schriftlich um ihre Hand angehalten).
          Und das sind nur einige Fehler, die ich in der ersten Folge festgestellt habe.
          Des Kaisers Bruder Maximilian mit Ohrring und Sonnenbrille? Kaum vorstellbar, daß dies so historisch abgelaufen ist.
          Natürlich will jeder "seiner" Elisabeth einen eigenen Stempel aufdrücken...
          Doch ich hatte wirklich gehofft, daß sich endlich mal jemand traut zu zeigen wie es damals wirklich abgelaufen sein könnte, fern der wunderbaren Sissi-Trilogie oder allen Sendungen, die diesen nachfolgten.
          Aber wer weiß: vielleicht wird es eines Tages passieren.
          Ich gebe die Hoffnung nicht auf :)
          • (geb. 1968) am

            Wenn man mit den falschen Erwartungen an die Serie geht, wird man natürlich enttäuscht. Dass Netflix "nur" eine moderne Interpretation des Stoffs veröffentlicht, war eigentlich immer klar. Hier geht es um kurzweilige Unterhaltung, in der historische Fakten jederzeit geopfert werden, wenn es dem Zweck dient.
          • am

            Oh je, schon wieder falsche Haarfarben? In dem Film, wo Brandauer einen dicken Kaiser gab, war die Vetsera blond und groß und die Larisch schwarz und klein. Genau umgekehrt ist es richtig. Merkwürdigerweise tauchte Brigitte Hamann als "wissenschaftliche Beratung" im Abspann auf.
            Tatsächlich unterschrieb sie in der Jugend mit Lisi.
            Ausgerechnet auf Netflix sollte man aber keine Doku erwarten.
            Ich fand Elisabeth am besten analysiert in "Jene Gräfin Larisch".
        • (geb. 1982) am

          Schreibst du auch Kritiken über Filme die du nur halb geguckt hast?
          • (geb. 1968) am

            Man muss ein Gericht nicht aufessen, um zu wissen, ob's schmeckt.

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