„Aus Mangel an Beweisen“: Jake Gyllenhaal am Pranger – Review

Druckvolle Romanadaption mit reißerischer Note über Staatsanwalt unter Mordverdacht

Rezension von Christopher Diekhaus – 11.06.2024, 17:42 Uhr

Rusty Sabich (Jake Gyllenhaal) sitzt nach dem Mord an einer Kollegin in der Klemme. – Bild: Apple TV+
Rusty Sabich (Jake Gyllenhaal) sitzt nach dem Mord an einer Kollegin in der Klemme.

Bereits 1987 erschien Scott Turows Bestseller „Aus Mangel an Beweisen“, in dem ein Staatsanwalt nach der Ermordung einer Kollegin in Teufels Küche gerät. Bereits drei Jahre später eroberte Alan J. Pakulas Verfilmung mit Harrison Ford in der Hauptrolle die Leinwände und ließ die Kassen klingeln. An einer zweiten Adaption des Romanstoffes versucht sich nun TV-Schwergewicht David E. Kelley, der in seiner bald 40-jährigen Karriere als Produzent und Drehbuchautor schon so manche Serie im Gerichtsumfeld, zum Beispiel „Ally McBeal“ oder „Boston Legal“, an den Start bringen konnte. Dass sich der ausgebildete Anwalt auf diesem Parkett ausgesprochen wohlfühlt, merkt man auch seiner jüngsten Schöpfung an, die reich an Winkelzügen und Schlagabtauschen ist. Einmal mehr scheut Kelley nicht davor zurück, die grellen und anrüchigen Aspekte der Geschichte, zumindest ein wenig, auszukosten.

Vibrierendes Zentrum der acht Folgen umfassenden Miniserie „Aus Mangel an Beweisen“ ist der von Jake Gyllenhaal gespielte Rusty Sabich. Der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt von Chicago formuliert gleich in den ersten Sekunden unmissverständlich die hohen Ansprüche an die Rechtsfindung. Unsichtbar bleibende Geschworene erinnert er daran, dass sie große Verantwortung tragen würden und deshalb ihren Job so gut und gewissenhaft erledigen müssten, wie er es tut. Vor Gericht dürfe nur dann ein Schuldspruch fallen, wenn keine berechtigten Zweifel mehr bestünden. Aussagen, die nur wenig später für ihn selbst eine existenzielle Bedeutung bekommen sollen.

Als Rustys Kollegin Carolyn Polhemus (Renate Reinsve, Star der mitreißenden Tragikomödie „Der schlimmste Mensch der Welt“) brutal ermordet aufgefunden wird, herrscht in seiner Behörde Bestürzung. Vor allem Sabich ist spürbar angefasst und reißt den Fall, den ihm sein Freund und Vorgesetzter Raymond Horgan (Bill Camp) überträgt, begierig an sich. Eine nicht gerade clevere Entscheidung, da Rusty mit dem Opfer eine leidenschaftliche Affäre hatte – was natürlich rasch ans Tageslicht kommt und ihn ins Fadenkreuz befördert. Das Ergebnis ist, wenig verwunderlich, eine dramatische Zerreißprobe für seine Familie. Seine Ehefrau Barbara (Ruth Negga), die um den Seitensprung weiß, und seine Kinder Jaden (Chase Infiniti) und Kyle (Kingston Rumi Southwick) stehen vor schwierigen Entscheidungen. Wollen und können sie Rusty noch vertrauen?

Barbara (Ruth Negga) verlangt Antworten von Rusty (Jake Gyllenhaal). Apple TV+

Von der Auftaktepisode an legt „Aus Mangel an Beweisen“ ein flottes Tempo hin und führt uns direkt ins Herz der Konflikte und Intrigen. Nur wenige Augenblicke braucht es, um zu begreifen, dass es in der Chicagoer Staatsanwaltschaft längst nicht nur um Gerechtigkeit geht. Persönliche Abneigungen und berufliche Ambitionen infizieren viele Unterhaltungen, schaffen ein verbal raues, angespanntes Klima. Horgan fürchtet um seinen einflussreichen Posten als Bezirksstaatsanwalt, den ihm der deutlich jüngere Nico Della Guardia (O.T. Fagbenle) in der anstehenden Wahl (in 47 US-Bundesstaaten werden die Bezirksstaatsanwälte vom Volk bestimmt) streitig machen will. Der Mord an Carolyn wird dabei auf denkbar plakative Weise instrumentalisiert. Della Guardias Kompagnon Tommy Molto (Peter Sarsgaard) wiederum lässt keine Gelegenheit aus, Rusty, den er im Stellvertreteramt beerben möchte, als inkompetent zu brandmarken.

Sabich betont in einer Szene, dass der Beruf für die Getötete alles gewesen sei. Die Serie zeigt jedoch in erster Linie Männer, die sich in Machtkämpfen aufreiben, ihre Ellbogen einsetzen, um voranzukommen, und große Angst davor haben, ohne Ansehen im Job jeglichen Sinn in ihrem Leben zu verlieren. Die Wahrheit über die schockierende Bluttat herauszufinden, sei man Carolyn schuldig, ist wiederholt zu hören. Oft wird man aber das Gefühl nicht los, dass die Beteuerungen nur vorgeschoben sind. Sich selbst zu profilieren, nicht schlecht dazustehen, darauf kommt es den Alphatieren an.

Orientiert sich Tommy Molto (Peter Sarsgaard, l.) im Ringen mit Rusty (Jake Gyllenhaal, r.) wirklich nur an Fakten? Apple TV+

Das bedrohte Familienidyll dient in vielen Erzählungen als emotionaler Motor und ist dann am wirkungsvollsten, wenn es nicht als sakrosankt beschrieben wird, wenn sich hinter der adretten Fassade Abgründe auftun. „Aus Mangel an Beweisen“ schlägt voll in diese Kerbe, spielt zunächst mit dem Bild des liebevollen Vaters und Ehegatten, um es nach und nach auszuhöhlen. Sabich ist, so viel können wir preisgeben, ein impulsiver Mann mit einer durchaus beunruhigenden Seite.

Jake Gyllenhaal, der bereits einige zwielichtige Rollen – siehe „Nocturnal Animals“, „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ und „Enemy“ – in seiner Vita stehen hat, bringt das Brodeln seiner Figur inbrünstig zur Geltung. Wie ein wildes Tier im Käfig tigert Rusty manchmal umher, lässt seinen Affekten kurzzeitig freien Lauf. Ausdruck seiner Rastlosigkeit ist freilich auch die Affäre mit Carolyn, die dem früh verheirateten Protagonisten einen Ausbruch aus der Familienroutine ermöglicht hat. Während die Leidenschaft in der Beziehung mit Barbara schleichend verlorengegangen ist, steht die in Rückblenden und Erinnerungsfragmenten auftretende Kollegin für Abenteuer und sexuelle Ausschweifungen. Eine stereotype Darstellung, wie man sie aus zahlreichen Fremdgehfilmen und -serien kennt.

Sex, Blut und Intrigen spielen bei David E. Kelley häufig eine prominente Rolle, und gerne kostet der Fernsehmacher die saftig-pikanten Elemente auch mal ein bisschen aus. „Aus Mangel an Beweisen“ ist da keine Ausnahme, schlägt mit ihrer fiebrig-intensiven Inszenierung andere Wege ein als die eher nüchtern gehaltene Kinoverfilmung von 1990. Vom Start weg ist in der Apple-Produktion die Kamera von einer Nervosität befallen, die mit der Getriebenheit unserer Hauptfigur korrespondiert.

Carolyn Polhemus (Renate Reinsve) war vor Gericht eine unerschrockene Kämpferin. Apple TV+

Dass die Serie einen Sog entwickelt, liegt auch an gut besetzten Nebenrollen. Ruth Negga gibt überzeugend die zwischen stiller Wut und Kampfeslust schwankende Ehefrau und Mutter. Bill Camp verleiht dem alten Hasen Horgan Ecken und Kanten. Dessen Widersacher verkörpert O-T Fagbenle mit kühler, fast theatralischer Hochnäsigkeit. Und Peter Sarsgaard, im wahren Leben Jake Gyllenhaals Schwager, legt als Rustys Intimfeind Molto eine geradezu schauderhafte Verachtung an den Tag. Keine Frage, in vielen Wortgefechten bekommen wir darstellerisch einiges geboten. Wenig Raum zum Glänzen erhält, zumindest bis zur Hälfte, leider Gabby Beans, die als eine in der Romanvorlage nicht auftauchende Anwältin zu sehen ist. Gut denkbar aber, dass diese noch zu farblos bleibende Figur in den restlichen vier Episoden an Bedeutung gewinnt.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier von insgesamt acht Folgen der Miniserie „Aus Mangel an Beweisen“.

Meine Wertung: 3,5/​5

Die ersten beiden Folgen der Miniserie „Aus Mangel an Beweisen“ sind ab dem 12. Juni bei Apple TV+ verfügbar. Die restlichen Episoden erscheinen dann im wöchentlichen Rhythmus.

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