A Young Doctor’s Notebook – Review

    TV-Kritik zur britischen Dark-Comedy-Serie – von Marcus Kirzynowski

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 13.01.2014, 15:12 Uhr

    Der ältere Doktor (Jon Hamm, l.) und der jüngere Doktor (Daniel Radcliffe, r.). Bild:
    Der ältere Doktor (Jon Hamm, l.) und der jüngere Doktor (Daniel Radcliffe, r.). Bild:

    Die Rahmenhandlung setzt 1934 ein: Ein russischer Arzt mittleren Alters (Jon Hamm) wird in seiner Praxis von Offizieren des Innen-Geheimdienstes NKWD aufgesucht, die beginnen, nach kompromittierendem Material zu suchen. Dabei stoßen sie schnell auf die Tagebücher, die er zu Beginn seiner medizinischen Laufbahn geführt hat. Der Arzt erinnert sich beim Durchblättern selbst erstmals nach langer Zeit wieder daran, wie er als junger, naiver Absolvent der Moskauer Universität seine erste Stelle als Landarzt in der Provinz antrat. Die Rückblenden führen uns ins Jahr 1917, kurz vor der Oktoberrevolution. Der junge Arzt (jetzt: Daniel Radcliffe) übernimmt die Leitung des kleinen Krankenhauses des Dorfes Muryovo, das sich buchstäblich am Ende der Welt befindet: Das nächste Geschäft ist eine halbe Tagesreise entfernt, zudem herrscht fast ständiger Schneesturm. Den Einserabsolventen nehmen zunächst weder die Krankenschwestern noch die Patienten ernst, die bisher den altehrwürdigen Vorgänger gewohnt waren und sich nicht vorstellen können, dass dieser Milchbubi tatsächlich Arzt sein soll. Zudem ist der neue Doktor erst einmal permanent überfordert, da der Umgang mit tatsächlichen Notfällen eben doch etwas mehr verlangt als Lehrbuchwissen. Schon bald wünscht er sich, er hätte nie Medizin studiert.

    Die britische Dark-Comedy-Serie „A Young Doctor’s Notebook“ basiert auf den teilweise autobiografischen Kurzgeschichten des russischen Arztes und späteren Dramatikers Mikhail Bulgakov. Sky Arts 1 hat daraus eine oft surrealistische Verfilmung gemacht. Das ist vor allem dem genialen Einfall zu verdanken, dass Jon Hamm als älterer Arzt immer wieder auch in den Rückblenden auf seine eigene Vergangenheit auftaucht und mit seinem jüngeren Ich Zwiesprache hält. Da er all dies vor 17 Jahren selbst durchgemacht hat, weiß er natürlich jederzeit, was passieren wird und kann seinem grünschnäbeligen Alter Ego entsprechende Ratschläge geben – was allerdings nicht heißt, dass dieser sich auch immer daran hält. Die Doppelung der Hauptfigur führt aber auch zu solch absurden Situationen wie der, in der Radcliffe badet und Hamm plötzlich nackt aus dem Badewasser auftaucht. Hamm darf hier endlich einmal ganz anders sein als in seiner Paraderolle als stets eleganter und kontrollierter Don Draper in „Mad Men“. Dass er durchaus komödiantisches Talent hat, konnte man schon lange vermuten, in kleinen Nebenrollen wie in Paul Feigs „Brautalarm“ hatte er aber bisher wenig Gelegenheit, das auch zu zeigen.

    Auch ein Vollbart verhilft dem jüngeren Arzt nicht zu mehr Respekt. Bild:
    Auch ein Vollbart verhilft dem jüngeren Arzt nicht zu mehr Respekt. Bild:

    Auch Daniel Radcliffe lässt hier vergessen, dass er über viele Jahre hauptsächlich ein Zauberlehrling namens Harry Potter war. Seine Rolle hier und die Serie insgesamt beginnen eindeutig komödiantisch: Er muss ein Baby entbinden, kennt weibliche Geschlechtsorgane aber offenbar bislang ausschließlich aus Medizinbüchern, stiehlt sich ständig aus dem OP, um in eben diesen nachzuschlagen und stößt bei jeder Gelegenheit mit dem Kopf gegen die Deckenlampe. Selbst sein Versuch, sich durch das Wachsenlassen eines Vollbarts mehr Respekt zu verschaffen, scheitert furios. In der russischen Provinz scheinen zudem alle Männer an Syphilis zu leiden (die Frauen manchmal auch) und zu denken, ein paar Tropfen würden dagegen schon helfen. Relativ bald deuten sich aber auch düsterere Handlungselemente an: Die Offiziere finden in den Unterlagen des gealterten Arztes Hinweise darauf, dass er schon 1917 gefälschte Morphium-Rezepte ausgestellt hat. Und tatsächlich ändert sich die Atmosphäre der Erzählung schon in der dritten Episode recht drastisch, vielleicht etwas zu unvermittelt. War Radcliffe gerade noch der naive, aber eifrige Mediziner-Neuling, ist er nun plötzlich bereits zynisch, frustriert und bald auch von Schmerzen und vom Morphium verursachten Wahnvorstellungen gemartert. Wahrscheinlich ist diese allzu hektische Charakterentwicklung der extrem kurzen Episodenzahl der ersten Staffel geschuldet, der Glaubwürdigkeit schadet sie aber leider erheblich. Die Slapstickelemente treten in der zweiten Staffelhälfte fast vollständig in den Hintergrund, das Lachen bleibt einem nun meist im Hals stecken, wenn der Doktor mitleidlos Sterbehilfe leistet oder überlegt, ob er statt eine gefährliche Operation durchzuführen, die Patientin nicht lieber gleich umbringen soll.

    Für schwache Nerven ist die Serie ohnehin nicht zu empfehlen, da sie es mit der Darstellung chirurgischer Eingriffe recht ernst nimmt: Da spritzt das Blut, wird im geöffneten Körper herumgewühlt und mit enervierendem Geräusch ein Bein amputiert („Vorsicht mit der Knochensäge!“ – „Keine Angst, sie ist stumpf.“). Ansonsten ist das Produktionsdesign eher spartanisch: Die Handlung beschränkt sich meist auf die immer gleichen Räume des Hospitals und von dem restlichen Dorf bekommen wir nie etwas zu sehen. Eine wiederkehrende Außenaufnahme des sturmgepeitschten Krankenhauses muss zur Etablierung des Handlungsortes reichen. Befremdlich wirkt zudem zu Beginn, dass fast alle Darsteller, obwohl sie doch Russen spielen, in perfektestem Oxford Englisch parlieren (allen voran Arzthelfer Adam Godley im Tonfall eines distinguierten britischen Gentleman) – was bei der synchronisierten deutschen TV-Ausstrahlung dann natürlich eh wieder nivelliert wird. Von der spezifischen historischen Situation des Russlands am Vorabend der Revolution vermittelt die Serie ohnehin sehr wenig, im Prinzip könnte sie genauso gut auch zur gleichen Zeit in der englischen Provinz angesiedelt sein. Interessanter ist da schon, wie der Arzt 17 Jahre später in die Fänge der kommunistischen Machthaber gerät und was diese mit ihm vorhaben – was aber in der ersten Staffel noch nicht beantwortet wird. Insgesamt ist die Sky-Produktion eine zwar nicht schreiend komische, aber doch amüsante, sarkastische Comedyserie für hartgesottene Freunde des schwarzen Humors, die vor allem schauspielerisch überzeugt. Das britische Pay-TV-Unternehmen beweist damit wieder einmal, dass man auch mit bescheidenem Budget ebenso ungewöhnliche wie kurzweilige Serien schaffen kann.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten Staffel von „A Young Doctor’s Notebook“.

    Meine Wertung: 3/5

    © Alle Bilder: Sky Arts

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen